Türkische Universitäten Die Entlassung ist der soziale Tod

Studenten an türkischen Universitäten (hier Ankara)  protestieren gegen die Entlassungen ihrer Dozenten. Foto: AFP
Studenten an türkischen Universitäten (hier Ankara) protestieren gegen die Entlassungen ihrer Dozenten. Foto: AFP

Tausende Professoren und Dozenten sind seit dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei entlassen worden. Nur noch wenige wagen, sich kritisch zu äußern und die Freiheit der Forschung zu verteidigen.

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Izmir - Mehr als ein halbes Leben hatte sie an der Universität gelehrt, dann war plötzlich alles vorbei: Am 6. Januar wurde Feride Aksu Tanik per Notstandsdekret entlassen, über Nacht wurde ihr Gehalt gestoppt, ihr Reisepass für ungültig erklärt und ihr Profil von der Uniwebsite gelöscht. Den Campus der EgeUniversität in Izmir durfte die renommierte Ärztin und Professorin für Public Health fortan nicht mehr betreten. Ihr Büro an der Fakultät wurde versiegelt. Mehr als 630 Dozenten und Professoren wurden Anfang Januar entlassen, seitdem sind Hunderte weitere hinzugekommen – zuletzt 582 Unimitarbeiter, die am Samstag per Notstandsdekret ihrer Posten enthoben wurden.

Feride Aksu Tanik, kurze graue Haare, dezente Ohrringe, leuchtend roter Mantel, erfuhr von ihrer Entlassung, als sie mit einigen bereits zuvor entlassenen Professoren zu Abend aß; auch die Namen weiterer Gäste standen auf der Liste der Entlassungen. „Es war gut, die Nachricht in dieser Gesellschaft zu erhalten“, sagt die 57-Jährige beim Gespräch im Zentrum von Izmir.

Vielerorts herrschen Angst und Verunsicherung – Gift für unabhängiges Denken

Seit dem gescheiterten Militärputsch gegen Präsident Erdoganğwurden in der Türkei mehr als 100 000 Staatsangestellte suspendiert oder entlassen, darunter 7900 Universitätsmitarbeiter. Einige, weil sie zur Gülen-Bewegung gehören, die für den Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich gemacht wird; andere, weil sie der kurdischen oder säkularen Opposition nahestehen. Auch viele Kritiker des Präsidialsystems, das bei dem Verfassungsreferendum Mitte April mit knapper Mehrheit gebilligt wurde, sind entlassen worden.

Die Universitäten in der Türkei, lange eine Bastion der säkularen Eliten, stehen seit dem Putschversuch im Juli 2016 unter massivem Druck der islamisch-konservativen Regierung. Vielerorts herrschen Angst und Verunsicherung – Gift für unabhängiges Denken. Ein Politologe in Istanbul berichtete, dass er mit seinen Studenten Gespräche über aktuelle Politik meide – und das im Fach Politikwissenschaft. Eine offene Debatte oder kreatives Denken seien zunehmend unmöglich, kritisierte er. Inzwischen ist er selbst entlassen.

„Ich bin keine Kriminelle“, sagt die ehemalige Professorin

Nur wenige der Entlassenen sind bereit, offen mit Journalisten zu sprechen, doch Aksu will nicht schweigen. „Ich bin keine Kriminelle, ich will, dass andere erfahren, wie die Regierung mit ihren Kritikern umgeht“, sagt sie. Zum Treffen hat sie Dokumente und Fotos mitgebracht, eines zeigt das Vorhängeschloss, das die Polizei an ihrer Bürotür angebracht hat. Sie spricht leise, konzentriert und nüchtern, doch in ihren Worten klingt Bitterkeit an. Sie fühlt sich von ihrer Unileitung verraten und auch von vielen Kollegen im Stich gelassen.

Die Entlassenen würden wie Verbrecher behandelt, sagt Aksu. Dabei sei ihr bis heute nicht offiziell mitgeteilt worden, was ihr vorgeworfen werde. Die Staatsanwaltschaft habe ihr Büro durchsucht und ihre Festplatten konfisziert, doch noch immer keine Anklage vorgelegt. Aksu hat Beschwerde eingereicht, doch sie hat wenig Hoffnung, dass sie unter dem herrschenden Ausnahmezustand recht bekommt.

Als Medizinerin fühlt sie die Verantwortung, für das Recht auf Leben einzutreten

Aksu wurde wohl entlassen, weil sie sich für eine friedliche Lösung des Kurdenkonflikts eingesetzt hat. So hatte sie nach der erneuten Eskalation des Konflikts mit der PKK-Guerilla im Sommer 2015 mit anderen Medizinern einen Bericht zu Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen im Südosten verfasst. „Die Neutralität von Ärzten sollte geschützt sein, doch beide Seiten attackierten Krankenwagen, und die Armee nutzte Kliniken als Stützpunkte“, sagt sie. Als Medizinerin fühle sie die Verantwortung, für das Recht auf Leben einzutreten.

Im Januar 2016 unterzeichnete Aksu dann zusammen mit 1127 anderen Wissenschaftlern die Erklärung „Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein“, die „kriegsartige Zustände“ im Südosten anprangerte, und der Regierung eine „Vernichtungs- und Vertreibungspolitik“ vorwarf. Nachdem Erdogan die Petition in einer Rede scharf angegriffen hatte, wurden vier der Unterzeichner festgenommen. Hunderte weitere Akademiker solidarisierten sich daraufhin mit den Initiatoren der Erklärung, wodurch die Zahl ihrer Unterzeichner auf über 2200 stieg. In der regierungstreuen Presse setzte eine Hetzkampagne gegen die Unterzeichner ein, die als Unterstützer des Terrorismus diffamiert wurden – obwohl sie sich nur für die friedliche Lösung des Kurdenkonflikts eingesetzt hatten. Selbst in Izmir, eine liberale Großstadt, wurden die Unterzeichner der Petition in den sozialen Medien angefeindet. Besonders hart habe es sie in kleinen Städten getroffen, sagt Aksu. Dort hätten sich teils sogar Geschäfte geweigert, sie länger zu bedienen.

Der Fall erregte international Aufsehen – in der Türkei war die Reaktion verhalten

Nach Erdogans Angriff richtete Aksus Universität eine Untersuchungskommission ein, die im März 2016 die Unterzeichner zur Anhörung vorlud. Die Untersuchung geriet ins Stocken, doch als die Regierung im Sommer unter Umgehung des regulären Wahlverfahrens einen neuen Rektor an der Ege-Universität einsetzte, leitete dieser ein neues Verfahren ein.

Im Oktober 2016 wollte Aksu zu einer Konferenz nach Deutschland reisen, doch am Flughafen wurde sie an der Ausreise gehindert und zur Befragung abgeführt. Später hieß es, sie sei mit einer gesuchten Kriminellen verwechselt worden. Da Aksu im Vorstand mehrerer Ärzteverbände ist, erregte der Vorfall international Aufsehen. Als sie im Januar dann entlassen wurde, solidarisierten sich viele Kollegen und unterzeichneten eine Protesterklärung – in der Türkei dagegen war die Reaktion verhalten. Von den meisten Uni-Kollegen, Assistenten und Studenten hat sie seitdem nichts mehr gehört.

Ihr Vater wurde nach dem Militärputsch 1980 als Professor auch entlassen

Von den Reaktionen ist sie enttäuscht, völlig überrascht ist sie aber nicht, denn als Kind hatte sie selbst erlebt, wie viele Freunde auf Distanz gingen, als ihr Vater, damals selbst Professor an der Universität, nach dem Militärputsch 1980 entlassen wurde. Damals dauerte es neun Jahre, bis er rehabilitiert wurde – so lange will Aksu nicht warten. „Man muss sein Leben weiterleben“, sagt sie. Sie hat nun die vorzeitige Verrentung beantragt und will ihre Zeit künftig für ihre Arbeit in den Ärzteverbänden und Wissenschaftsorganisationen nutzen, in denen sie Mitglied ist.

„Ich hätte nicht vorgehabt, mit 57 schon in Rente zu gehen. Ich liebe meine Arbeit, dies sind die produktivsten Jahre“, sagt Aksu. Doch sie weiß, dass es andere Kollegen weit härter getroffen hat. „Die Entlassung ist für viele der soziale Tod“, sagt sie. Sie selbst habe ein Haus und die Rente ihres Mannes, doch wer Kinder habe oder einen Bankkredit bedienen müsse, stehe vor existenziellen Problemen. Arbeitslosenhilfe gibt es für die Entlassenen nicht, andere Stellen im Staatsdienst sind ihnen verschlossen, ins Ausland können sie auch nicht. Auch die Studierenden sind von den Repressionen nicht ausgenommen. Viele, die an öffentlichen Protestaktionen teilnahmen, wurden von der Unileitung suspendiert – für sechs, zwölf oder 18 Monate. Eine harte Strafe für junge Menschen, sagt Aksu. Viele Rektoren versuchen, dem Druck der Regierung zu begegnen, indem sie kritische Kollegen entlassen. Doch schützt sie das auch nicht immer: Der Rektor der Ege-Universität, der für Aksus Entlassung verantwortlich war, wurde inzwischen selbst seines Postens enthoben.

Die Unabhängigkeit der Wissenschaft stehe auf dem Spiel, sagt Aksu

Glücklich darüber war Aksu nicht, denn seine Absetzung bedeutete einen weiteren Eingriff in die Autonomie der Universität. Die Unabhängigkeit der Wissenschaft stehe auf dem Spiel, sagt sie, doch viele Professoren würden nur an ihren eigenen Posten denken. „Viele verstehen nicht, dass, wenn sie nicht die Freiheit der Lehre verteidigen, die Universität am Ende keine Universität mehr ist“, sagt Aksu. Am Tag nach dem Gespräch in Izmir will Aksu zu einem Ärztekongress in Antalya reisen. Im Vergleich zu den Vorjahren hätten sich nur halb so viele Teilnehmer zu der Konferenz angemeldet, erzählt sie. Das Thema: Frieden. In der Türkei heute ein gefährliches Thema.




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