Die Türkei verärgert mit der Lieferung von Kampfdrohnen an die Ukraine ihren Partner Russland. Das könnte sich für Präsident Erdogan rächen.

Ankara/Moskau - Über dem Kampfgebiet in der Ost-Ukraine schweben sie bereits: die türkischen TB2-Drohnen werden seit dem Herbst gegen prorussische Separatisten eingesetzt. In Moskau reagiert man verärgert. Kremlchef Wladimir Putin hat seinen türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan verwarnt. Die Türkei zeigt sich unbeeindruckt und will weitere Drohnen an Kiew liefern.

Die Differenzen zeigen, dass die seit Jahren wachsenden Rüstungsexporte der Türkei, auf die Erdogan sehr stolz ist, zu Problemen führen können. Russland liefert Energie und Atomtechnologie an die Türkei. Zum Ärger ihrer Natopartner hat die Türkei zudem das russische Flugabwehrsystem S-400 gekauft. Beide Länder arbeiten im Syrien-Konflikt zusammen.

Ankara will selbstbewusst auftreten

Erdogan sieht die Türkei als Regionalmacht mit einer eigenständigen Außenpolitik und scheut sich nicht vor Konflikten mit traditionellen Verbündeten. Die Kampfdrohnen, die von der Firma seines Schwiegersohnes Selcuk Bayraktar gebaut werden, haben sich bei Kriegseinsätzen in Syrien, Libyen und Berg-Karabach bewährt. Sie wurden bereits an Länder wie Aserbaidschan, Äthiopien, Marokko, Tunesien und eben die Ukraine exportiert.

In einem Krieg zwischen Russland und der Ukraine wären die türkischen Drohnen gegen die russische Luftwaffe und die Luftabwehrsysteme wohl chancenlos. Trotzdem ist Moskau wegen der türkischen Waffenlieferungen beunruhigt. Putin beschwerte sich nach russischen Angaben in einem Telefonat mit Erdogan wiederholt über den Einsatz der Drohnen durch die Ukraine.

Die türkische Regierung entgegnet lapidar, die Drohnen gehörten der Ukraine, weshalb Ankara der falsche Adressat für Beschwerden sei. Ohnehin erkennt Ankara die russische Annexion der Krim von 2014 nicht an. Schon nach Putins Telefonat mit Erdogan im Dezember hatte die Türkei erklärt, die Drohnen-Exporte an die Ukraine gingen wie geplant weiter. Man wolle auch Schiffe für die ukrainische Marine liefern.

Der Westen zögert mit Rüstungslieferungen

Erdogans Regierung hält nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen an den Geschäften fest. Die eher anti-westliche Außenpolitik des Präsidenten hat dazu geführt, dass Europa und die USA die Zusammenarbeit mit Ankara im Rüstungsbereich herunterfahren. So will Washington der Türkei wegen des Streits um die russischen S-400 Abwehrsysteme keine Kampfjets des Typs F-35 liefern. Zudem werden für Ankara Exporte eigener Rüstungsgüter wie Kampfhubschrauber in Konfliktregionen schwierig, wenn sie mit westlichen Komponenten wie Motoren ausgestattet sind. Man ist deshalb auf der Suche nach neuen Lieferanten – und da bietet sich die Ukraine an. So könnte der Motor für ein geplantes türkisches Kampfflugzeug, das die amerikanischen F-35 ersetzen kann, aus der Ukraine kommen.

Kann Erdogan im Ukrainekonflikt vermitteln?

Dennoch bleibt die Türkei teilweise von Russland abhängig und kann sich gravierende Spannungen mit Moskau nicht leisten. Das betrifft Erdgaslieferungen aus Russland, aber auch die türkische Syrien-Politik: Bei Militäraktionen gegen kurdische Milizionäre in Syrien ist Ankara auf das Wohlwollen der Russen angewiesen. Beobachter in der Türkei halten es deshalb für denkbar, dass sich Putin für die türkischen Drohnen-Lieferungen an die Ukraine anderswo rächt. Das könnte in Syrien geschehen.

Ankara will solche Eskalationen vermeiden. Erdogan hat Putin und den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi in die Türkei eingeladen. Zudem will der türkische Präsident Anfang Februar nach Kiew reisen, um zu vermitteln. Selesnkyi hatte eine türkische Vermittlungsrollte begrüßt, doch der Kreml wollte damals nichts von Erdogans Angebot wissen. Ankara hofft, dass Putin inzwischen anders darüber denkt.

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