Türkischstämmige Akademiker verlassen Deutschland Die dritte Identität

Von Ariana Zustra, Istanbul 

Immer mehr junge türkischstämmige Akademiker zieht es weg von Deutschland in die Heimat ihrer Eltern. Zum Beispiel Deniz Ova und Alev Karatas.

Deniz Ova wuchs in Esslingen auf, heute lebt sie in Istanbul. Foto: Eric Vazzoler
Deniz Ova wuchs in Esslingen auf, heute lebt sie in Istanbul. Foto: Eric Vazzoler

Stuttgart/Istanbul - Als die Unternehmerin Çigdem Akkaya vor acht Jahren in Istanbul einen Stammtisch für Rückwanderer aus Deutschland gründete, erschienen zum ersten Treffen zwölf Leute. Heute zählt die Gruppe 1600 Mitglieder. Tendenz: weiterhin stark steigend.

Seit 2005 wandern mehr Menschen aus Deutschland in die Türkei aus als umgekehrt. Sie genießen im Heimatland ihrer Eltern dank ihrer deutschen Ausbildung einen hohen Status. Zudem verspricht die wachsende Wirtschaft der Türkei ihnen bessere Berufschancen: Laut einer OECD-Studie beträgt die Arbeitslosenquote bei Akademikern mit Migrationshintergrund in Deutschland 12,5 Prozent, bei Akademikern ohne Migrationshintergrund dagegen nur 4,4 Prozent. Und laut einer Untersuchung des Futureorg-Instituts wollen 38 Prozent der Hochqualifizierten mit Migrationshintergrund auswandern, wovon 42 Prozent ein mangelndes Heimatgefühl in Deutschland als Grund angaben.

Welche Lebensgeschichten verbergen sich hinter den Zahlen? Zwei junge Frauen, die Baden-Württemberg verlassen haben und nun in Istanbul ihr Glück suchen, erzählen.

In dem Jugendstilbau mitten im Stadtteil Sishane blinken die Kronleuchter, schimmert der Marmorboden, glänzt das Treppengeländer wie in einem Wiener Kaffeehaus. „Wir können doch Du sagen“, plaudert Deniz Ova bei der Begrüßung locker drauflos und lädt zu einer spontanen Führung durch die Räume der Istanbul Kültür Sanat Vakfi ein. Die Kulturstiftung für Kunst, Musik, Tanz und Theater ist Ovas Arbeitsplatz, seit sie vor sechs ­Jahren nach Istanbul gezogen ist. Vor dem Museumszimmer klönt sie kurz mit einer Kollegin, im Restaurant schenkt sie den Barmännern ein Lächeln. Nebenbei informiert sie die Besucherin über Skulpturen und Gemälde von zeitgenössischen Künstlern: „Dieses Werk hat uns Füsun Onur geliehen, eine renommierte Künstlerin. Sie ist eine liebe alte Dame.“

Deniz Ova, 34, geboren und aufgewachsen in Esslingen, studierte in Stuttgart Politik und Linguistik. Nach dem Abitur arbeitete Ova ein Jahr als Reiseleiterin in der Ägäis, machte ein Praktikum in Istanbul bei einem Filmstudio. Während einer Hospitanz bei einem deutsch-türkischen Kunstfestival in Stuttgart wurde sie vom Fleck weg von der Istanbul Kültür Sanat Vakfi engagiert. Sie zögerte nicht, Deutschland zu verlassen. Istanbuls Kunst- und Kulturszene boomt, und gut ausgebildete Akademiker wie Ova sind die neue Generation der Gastarbeiter. „Ich wuchs mit der Sehnsucht der Eltern auf. Irgendwann denkt man auch: Ach, es wär so schön in der Türkei!“ Sie wollte ausprobieren, ob sie sich in Istanbul eine Existenz aufbauen kann. Bei der Bezeichnung „Rückwanderer“ runzelt sie die Stirn. Sie sei Deutsche, und deswegen sei sie Auswanderin.

Deniz Ovas Lebenslauf ist untypisch für ein Gastarbeiterkind. Ihre Eltern waren modern, unreligiös, kosmopolitisch – „nicht normal“, sagt sie. Sie besuchte die Waldorfschule in der Esslinger Pliensauvorstadt, kam in der Welt herum, fand sich überall zurecht. Von der Integrationsdebatte oder der Sarrazin-Diskussion fühlt sich eine wie sie nicht angesprochen: „Das fand ich – auf gut Deutsch – immer ätzend. Das hat mich auch nie interessiert. Weil ich einfach nur das, was ich gemacht habe, gut machen wollte.“ Ausländerfeindliche Bemerkungen nahm sie nie persönlich: „Wer sich integriert hat, hat sich integriert, und wer nicht, wird sich jetzt auch nicht mehr integrieren.“

Manches findet sie merkwürdig

Doch selbst sie, die perfekt Integrierte, spürte erst in Istanbul, was es bedeutet, wirklich angenommen zu sein. „Auch wenn ich von Geburt an in Deutschland gelebt habe, fühlte ich mich manchmal, als würde ich dort nicht hingehören“, erzählt sie. „Allein die Tatsache, dass man überhaupt als nicht deutsch wahrgenommen wird, ist befremdlich.“

Merkwürdig findet Deniz Ova auch in Istanbul manches. Zum Beispiel, wie langwierig es sein kann, einen Stromanschluss anzumelden. „In Deutschland tätigt man einen Anruf, dann kommt jemand vorbei und fertig. Hier muss man ständig zum Schalter gehen, in der Schlange stehen, eine Nummer ziehen.“ Oder, dass Mitmenschen ihren Müll achtlos auf die Straße werfen. „Das ist der Schwabe in mir!“ Oder wie schnell Freundlichkeit in Aggressivität umschlagen kann. „Ich muss nicht laut sein, um mich durchzusetzen.“

Mancher würde in solchen Momenten beide Länder gegeneinander abwägen. Deniz Ova versucht, das Beste daraus zu ziehen. „Hier ist alles anders, und das ist okay. Wer ständig den Vergleich mit Deutschland zieht, erlebt einen Schock nach dem anderen.“

Ob sie sich deutsch oder türkisch fühlt, hängt von der Situation ab. Ihre „typisch deutsche Disziplin“ ist in der Istanbuler Arbeitswelt ein Vorteil: Schon Ende 2012 stieg sie zur Direktorin der Design Biennale auf, einem Event für alle gestalterischen Disziplinen von Architektur bis Modedesign. An die „typisch türkische Flexibilität und Spontanität“ hat sie sich mittlerweile angepasst. „Hier wird auch in letzter Minute viel umentschieden“, sagt sie. Nur manchmal vermisst sie Kleinigkeiten aus Deutschland: ins Pilates zu gehen, sich mit einem Buch in einen Park zurückzuziehen. Und Maultaschen, Bratwürste, würziges Bier.

Auch ihr Freund ist ein schwäbisch-türkischer Auswanderer. Abends guckt das Paar deutsches Fernsehen in der gemeinsamen Jugendstilwohnung. Ein-, zweimal im Jahr besucht Deniz Ova Freunde in Stuttgart. „Das ist wie nach Hause kommen“, erzählt sie. „Und wenn ich nach Istanbul zurückkomme, überfällt mich dasselbe Gefühl der Vertrautheit.“

Sonderthemen