InterviewTugce-Prozess „Es war kein Unglück, sondern eine Frage der Zeit“

Im Prozess um den gewaltsamen Tod von Tugce geht der Anwalt Macit KaraahmetogluMacit KaraahmetogluMacit Karaahmetoglu davon aus, dass der angeklagte Sanel M. zur Verantwortung gezogen wird.   Macit Karaahmetoglu  Foto: dpa 10 Bilder
Im Prozess um den gewaltsamen Tod von Tugce geht der Anwalt Macit Karaahmetoglu
Macit Karaahmetoglu
Macit Karaahmetoglu davon aus, dass der angeklagte Sanel M. zur Verantwortung gezogen wird. Macit Karaahmetoglu
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Der Anwalt Macit Karaahmetoglu vertritt in dem Prozess um den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce die Mutter der Verstorbenen. Er erwartet, dass der Angeklagte zur Verantwortung gezogen wird. Der Prozess beginnt am Freitag.

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Stuttgart - Am Freitag beginnt in Darmstadt der Prozess um den gewaltsamen Tod von Tugce Albayrak. Der Anwalt Macit Karaahmetoglu
vertritt die Mutter der getöteten Studentin und erwartet, dass der Angeklagte Sanel M. zur Verantwortung gezogen wird.

Herr Karaahmetoglu, mit welchen Erwartungen gehen Sie am Freitag in die Verhandlung?

Uns geht es darum, den Sachverhalt vollständig aufzuklären. Vieles scheint im Vorfeld klar zu sein, aber aus meiner Sicht gibt es noch die ein oder andere Frage. Uns geht es auch darum, darzulegen, dass es sich bei dem Vorfall auf dem Parkplatz nicht um einen plötzlichen Gewaltexzess des mutmaßlichen Täters Sanel M. handelte, sondern dass er im Vorfeld der Tat bereits über einen langen Zeitraum aggressiv aufgetreten ist.

Haben Sie ein konkretes Ziel?

 

Anwalt Foto: dpa

Nach dem Jugendstrafrecht ist eine Jugendstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren möglich. Ich sähe es aber als Respektlosigkeit gegenüber der Kammer an, da irgendetwas vorzugeben. Das Gericht besteht aus drei Berufsrichtern und zwei Schöffen, die Verhandlung führt ein erfahrener Vorsitzender. Ich bin überzeugt, dass die Kammer sich intensiv mit dem Fall beschäftigt und sich auch von der medialen Öffentlichkeit nicht beeinflussen lässt. Und dann zu einem gerechten Urteil kommt.

 

Täuscht der Eindruck, oder scheint die Verhandlung rein juristisch nicht sonderlich komplex oder kontrovers zu sein? Ist die Lage eindeutig?

Aus rein materiell-juristischer Sicht ist der Prozess sicher nicht sehr komplex, aber die Verhandlung ist umfangreich. Das sieht man allein daran, dass zehn Verhandlungstage angesetzt wurden. Es wird eine große Zahl von Zeugen und Sachverständigen gehört werden. Wie gesagt: Auch wenn vieles bereits jetzt klar zu sein scheint, muss die ein oder andere Frage noch eruiert werden.

Zum Beispiel?

Die genaue Rolle des mutmaßlichen Täters vor der Tat. Dass die Situation auf dem Parkplatz eben nicht aus einer Provokation entstand, sondern dass Sanel M. bereits davor Menschen angepöbelt, gestört, bedroht hat. Dass er in dieser Nacht über mehr als eine Stunde seine Gewaltbereitschaft an den Tag gelegt hat. Die Verhandlung wird hoffentlich zeigen, dass die Tat kein Unglück war, sondern dass es vielmehr eine Frage der Zeit war, dass es zu einer solchen Katastrophe kam.

Wird die Familie von Tugce im Gerichtssaal anwesend sein?

Ja. Ich hoffe, dass die Mutter auch die Kraft findet, zu kommen. Die Brüder werden da sein, der Vater wird da sein. Die Mutter möchte kommen, und ich hoffe, dass sie dazu in der Lage sein wird.

Gab es nach der Tat Kontakt zwischen dem Täter und der Familie von Tugce?

Nein. Der „Spiegel“ hatte zwar berichtet, es gäbe eine Entschuldigung von Sanel M. bei den Eltern – das war aber eine Falschmeldung. Es existiert ein maschinell erstellter Brief, der meines Erachtens aber von den Anwälten von Sanel M. verfasst wurde. Er war außerdem im Namen der Eltern von Sanel M. an die Eltern von Tugce gerichtet, also nicht im Namen des mutmaßlichen Täters.

Der „Spiegel“ hatte ja auch berichtet, dass Tugce bei dem Streit auf dem McDonald´s Parkplatz selbst zur Eskalation beigetragen haben könnte, indem die Sanel M. provoziert und verbal übel beleidigt haben soll…

Ich habe mit Befremdung zur Kenntnis genommen, dass sich der „Spiegel“ mit diesen Berichten zum Ankläger von Tugce und zum Verteidiger von Sanel M. geriert hat. Das die Beleidigung „Du kleiner Hurensohn“, um die es in dem Artikel ging, überhaupt Tugce zuzuordnen ist, steht für mich nicht fest. Fest steht für mich dagegen, dass Tugce vor der Tat über einen langen Zeitraum vom mutmaßlichen Täter immer wieder aufs Übelste beleidigt wurde.

Wie beurteilen Sie generell die Berichterstattung über den Fall?

Tugce ist auf der Toilette diesen beiden Kindern - so muss man sie nennen, denn sie waren jünger als 14 Jahre - zur Hilfe gekommen. Das war der Anlass für die spätere Tat, in deren Folge Tugce schließlich starb. Das war schon eine Heldentat, sie war eine mutige junge Frau, die immer anderen Menschen geholfen hat, auch über ihren Tod hinaus. Nach ihrem Tod hat Tugce durch eine Organspende drei todkranken Menschen das Leben gerettet. Sie hat u.a. ihre Leber, ihre Lunge und das Herz gespendet. Von so einem Menschen reden wir hier. Unabhängig von der Frage, was presserechtlich vertretbar ist, wurde diesem Menschen meiner Meinung nach nicht von allen Medien der nötige Respekt entgegengebracht. Das finde ich schade.

Es soll eine Stiftung für Tugce geben. Was ist die Idee der Stiftung?

Es geht darum, das Andenken an Tugce zu bewahren. Zentrale Themen der Stiftung werden Organspende und Zivilcourage sein. Die Stiftung soll zu Zivilcourage ermuntern und Gewaltprävention fördern.




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