Tumulte im Leonberger Bürgerbüro Bürger und Stadt widersprechen sich – was ist wirklich passiert?

Nicht immer stehen die Türen des Leonberger Bürgeramtes so weit offen. Foto: Archiv/Simon Granville

Nach Tumulten wurde das Leonberger Bürgeramt am Dienstag kurzfristig geschlossen. Besucher bestätigen zwar lautstarke Rufe und Klatschen. Dies hätte sich aber nicht gegen die Beschäftigten der Behörde gerichtet.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Der Vorfall im Leonberger Bürgeramt am Dienstagmorgen schlägt weiterhin Wellen. Eine Besucherin, die vor Ort war, hat sich bei unserer Zeitung gemeldet: „Die Jubelschreie waren keineswegs hämisch gemeint“, sagt Mandy Böhmler. Auch Beleidigungen gegen das Team des Bürgeramtes habe sie nicht wahrgenommen.

 

Das Bürgeramt, in dem vor allem Pass- und Meldeangelegenheit bearbeitet werden, war am Dienstagmorgen kurz nach der Öffnung wieder geschlossen worden. Zwei Mitarbeiterinnen wurden von ihren Vorgesetzten nach Hause geschickt. Eine Gruppe von Bürgern habe sich formiert und die Mitarbeiter „massiv angegangen“, erklärte Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) hernach in einer Videobotschaft. „Mich macht diese Art des Umgangs sehr betroffen.“

Seit 6 Uhr auf einem Klappstuhl

Außerdem hätten die Leute im Wartebereich „lautstark hämisch gejubelt, gepfiffen und auf den Boden gestampft“, berichtete ein Rathaussprecher auf Anfrage. Zudem habe es „mehr als unverschämte Kommentare, die klar unter der Gürtellinie waren“, gegeben.

Das Jubeln bestätigt auch Mandy Böhmler. Die Mutter eines zehn Wochen alten Jungen war mit ihrem Baby um 7.30 Uhr aufs Bürgeramt gekommen, um den Verlust ihrer Brieftasche zu melden. Die Behörde öffnet normalerweise um 8 Uhr. Dort habe eine ältere Frau schon seit sechs Uhr auf einem Klappstuhl ausgeharrt. „Bis 8.30 Uhr hat sich nichts getan. Dann wurde die ältere Dame mit der Wartenummer 1 vorgelassen. Da haben viele gejubelt und mit den Füßen getrampelt.“ Doch entgegen der Interpretation der Stadtverwaltung, sei dies aus echter Freude geschehen, nicht aus Bösartigkeit.

Die ältere Dame habe dann erzählt, dass es technische Probleme gegeben habe und das Amt deshalb erst später habe öffnen können. Die sei von den Wartenden mit Verständnis aufgenommen worden, beschreibt Mandy Böhmler die Situation. Auch als einige Minuten später „ein freundlicher Herr“ mitgeteilt hätte, dass das Amt nun schließen müsse, da die Kolleginnen wegen der Rufe zusammengebrochen seien, sei alles ruhig geblieben. Was sich in der Schalterhalle selbst abgespielt habe, könne sie nicht sagen, da diese nicht einsehbar gewesen wäre.

Die Mutter betont, dass sie großes Verständnis für die schwere Lage der Beschäftigten habe: „Die können überhaupt nichts dafür.“ Auch der Leonberger Mario Heyer bestätigt diese Darstellung, ähnlich wie etliche Nutzer auf der städtischen Facebook-Seite.

„Die Informationen, die der Verwaltung zum Zeitpunkt der Videobotschaft vorlagen, berufen sich auf die Schilderungen der Mitarbeitenden, die den Vorfall miterlebt haben“, erklärt die Stadt und kündigt eine „fundierte Aufarbeitung“ an , sobald die Betroffenen wieder arbeitsfähig sind.

„Der Vorfall sowie einige Kommentare auf Facebook machen deutlich, wie groß der Unterschied zwischen Sender und Empfänger manchmal sein kann“, sagt Oberbürgermeister Cohn. „Wichtig ist immer mit einzubeziehen, wie eine Äußerung oder eine Tat bei meinem Gegenüber ankommt.“

Cohn habe „großes Verständnis für die Unzufriedenheit aufgrund hoher Wartezeiten in den vergangenen Monaten“. Allerdings rechtfertige dies nicht „respektloses Verhalten“, wie es die betroffenen Mitarbeitenden schilderten. Das Arbeitspensum und der Druck sei aufgrund von fehlendem Personal oder noch einzulernenden Kollegen sehr groß gewesen.

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