Tunnelbohrmaschine für Stuttgart 21 Die lange Ankunft

Von , und Markus Heffner 

Begleitet von Protesten und 500 Polizisten wird die Tunnelbohrmaschine zur Baustelle am Fasanenhof gebracht. Eine Reportage aus einer Nacht, die mehr oder weniger planmäßig verläuft – und Eindrücke vom Morgen danach.

Verpackt wie Kunstwerk von Christo: die Bohrmaschine beim Transport. Weitere Bilder von der langen Nacht und dem Transport zur Fildertunnel-Baustelle zeigen wir in der folgenden Bilderstrecke. Foto: Zweygarth 14 Bilder
Verpackt wie Kunstwerk von Christo: die Bohrmaschine beim Transport. Weitere Bilder von der langen Nacht und dem Transport zur Fildertunnel-Baustelle zeigen wir in der folgenden Bilderstrecke. Foto: Zweygarth

Stuttgart - Die Spuren der Nacht sind am Morgen danach fast schon verwischt. Lediglich ein paar Halteverbotsschilder am Straßenrand zeugen noch von dem Schauspiel, das im Vorfeld so große Aufregung verursacht hatte, das dann aber vergleichsweise reibungslos über die ­Bühne gegangen ist. Die Ampelmasten, die teilweise auf der Fahrtroute zwischen dem Stuttgarter Hafen und dem Fasanenhof ­abmontiert werden mussten, um Platz für den Koloss aus der Ortenau zu schaffen, stehen wieder an ihrem Platz. Die Verkehrskreisel sind geräumt von ­Absperrgittern und Abdeckungen. Und auch von den Protestplakaten und Transparenten der Stuttgart-21-Gegner, die versucht hatten, sich dem Schwertransport in den Weg zu stellen, ist längst nichts mehr zu sehen.

Der Hauptdarsteller der Nacht ruht unterdessen sorgfältig eingeschnürt unter einer asterblauen Plane, während sich nebenan auf der A 8 der Berufsverkehr langsam zur nächsten Ausfahrt staut. 170 Tonnen schwer ist das Hauptlager der Tunnelbohrmaschine, das in der Nacht auf Freitag vom Stuttgarter Schwertransportspezialisten Paule aus dem Talkessel hoch auf die Filder gebracht wurde. Eine achtstündige Millimeterarbeit.

Das Herzstück der Herrenknecht-Maschine

Nun steht das Herzstück der Herrenknecht-Maschine an ihrem Bestimmungsort, auf der Baustelle der Bahn am Tunnelportal im Stuttgarter Gewerbegebiet Fasanenhof. Vom Sommer nächsten Jahres an soll sie sich für den Bau des knapp zehn Kilometer langen Fildertunnels durch den Berg Richtung Hauptbahnhof bohren. Ein weiteres wichtiges Stück im vielteiligen Puzzle namens Stuttgart 21. Der Transport sei reibungslos ans Ziel gekommen, freut sich Projektsprecher Wolfgang Dietrich. „Wir danken für die Geduld mancher Autofahrer und freuen uns, dass die Zahl an interessierten Zuschauern die Zahl von Demonstranten an vielen Stellen weit überschritten hat.“

Während am Morgen danach nur noch wenig von der mühseligen Reise des Hauptlagers der Tunnelbohrmaschine vom Stuttgarter Hafen zum Fasanenhof zeugt, sieht es am Freitag um kurz nach Mitternacht ganz anders aus. Durch den Nebel quält sich der Schwerlasttransport im Schritttempo die Abfahrt von der B 27 hoch, er ist in ein gespenstisches Blaulicht getaucht, wird von großen Plakaten von Stuttgart-21-Gegnern gesäumt. Der letzte Kilometer gehört zu den kniffligsten Abschnitten des Transports. Verkehrsschilder an einem Kreisverkehr müssen entfernt und Verkehrsinseln mit Brettern präpariert werden, damit der Konvoi durchkommt.

Tatsächlich scheinen eher die beengten Straßenverhältnisse den Transport zu verlangsamen als die rund 120 Stuttgart-21-Gegner, die am unteren Ende der Schelmenwasenstraße zum Protest zusammengekommen sind. „Baustopp selber machen“ steht auf einem der großen Transparente. Und so wollen rund 90 von ihnen die Baustelleneinfahrt mit einer Sitzblockade behindern. Zu dieser Zeit steht der Schwertransport noch 900 Meter und etwas mehr als eine Stunde entfernt an einem Kreisverkehr. Die Beamten tragen elf Demonstranten weg. Die anderen S-21-Gegner lassen sich unter Murren hinter die Absperrungen führen.

Vekehrsschilder werden abmontiert

Mit Trommelrhythmen und dicken Decken trotzen einige Gegner der Eiseskälte. Sie harren am Fasanenhof aus, bis der Bohrerkoloss gegen zwei Uhr morgens an der Baustelleneinfahrt ankommt. Als der Schwertransport an einem Verkehrsschild entlangschrammt, ist das Gejohle und die Schadenfreude groß. Zermürbend langsam geht es die letzten Meter bis zum Ziel. Der Auflieger muss noch einmal umgekoppelt werden: Die erste Zugmaschine fährt mit dem Anhänger ein Stück an der Baustelleneinfahrt vorbei, dann wird die zweite Zugmaschine hinten angehängt und zirkelt das Hauptlager Meter für Meter um die enge Kurve. Die Streckensicherung ist gefragt, ein letztes Verkehrsschild muss abmontiert und Betonblöcke müssen mit großem Gerät entfernt werden. Um 2.45 Uhr ist der nächtliche Spuk schließlich vorbei.