Tunnelunglück in Rastatt „Drittweltland Deutschland“

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Die europaweit wichtigte Bahnstrecke von Rotterdam nach Genua wird ausgebaut – Deutschland könnte als letzter Anrainerstaat fertig werden.

Der 57 Kilometer lange Gotthard-Tunnel ist seit einem Jahr eröffnet. Foto: dpa
Der 57 Kilometer lange Gotthard-Tunnel ist seit einem Jahr eröffnet. Foto: dpa

Rastatt - Vor allem in der Schweiz ist der Unmut wegen des Rastatter Tunnelunglücks gewaltig. Er gründet nicht nur in der Sperrung der Rheintalbahn, sondern insgesamt im von Deutschland schleppend vorangetriebenen Ausbau der Schienenmagistrale von Rotterdam bis Genua. In der Vereinbarung von Lugano aus dem Jahr 1996 hatten sich Deutschland und die Schweiz dazu verpflichtet, diese Transversale zügig aus- oder teilweise neu zu bauen, damit die Personenzüge schneller fahren und der Güter- und der Personenverkehr entkoppelt werden können.

Der Musterknabe entlang dieser rund 1300 Kilometer langen Strecke vom Nordseehafen in Rotterdam bis zum Mittelmeerhafen in Genua ist allerdings nicht die Schweiz, es sind die Niederlande. Schon im Jahr 2007 ist dort eine reine Güterverkehrstrecke in Betrieb genommen worden, die von Rotterdam bis zur deutschen Grenze reicht. Selbst die Deutsche Bahn bezeichnet diese Trasse neidlos als eine der „weltweit modernsten Strecken“. Dann kommt gleich die Schweiz. Der Lötschberg- und der Gotthardtunnel, zusammen unfassbare 91 Kilometer lang, sind fertig – nur der Ceneri-Basistunnel östlich des Lago Maggiore befindet sich noch im Bau. Er soll in drei Jahren in Betrieb gehen.

Auch Italien ist um viele Jahre in Verzug

Selbst Italien, das die Ertüchtigung dieser Transversale lange vernachlässigt hat, wird womöglich vor Deutschland seine Hausaufgaben gemacht haben. Die Arbeiten am wichtigsten Abschnitt, dem Apennin-Basistunnel Terzo Valico, sind am Laufen; die geplante Fertigstellung bis 2021 dürfte aber kaum zu bewerkstelligen sein. Daneben müssen zwischen der Schweizer Grenze und Mailand das Schienennetz modernisiert, Verladestationen gebaut und Bahnhöfe ertüchtigt werden – bisher können zum Beispiel auf dem norditalienischen Abschnitt keine vier Meter hohen Container befördert werden.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ kommentierte vor einiger Zeit, dass nicht nur „bürokratische Hürden, Korruption und Ineffizienz der Bauarbeiten“ die Arbeiten verzögert hätten; auch habe Italien die Priorität auf den Ausbau der Hochgeschwindigkeitsstrecken für Personenzüge gelegt. Die deutschen Abschnitte am Niederrhein und im Rheintal werden dagegen frühestens Mitte der 2030er Jahren gebaut sein. Das lag nicht allein an der Bahn; der Bund hat auch immer wieder die Finanzierung verzögert. Auch Umplanungen waren nötig.

Dennoch ist Winfried Hermann, der grüne Landesverkehrsminister, klar der Meinung: „Inzwischen hängt der Ausbau der Rheintalbahn 20 Jahre hinter den Planungen zurück. Der Bund und die Bahn haben den Schienengüterverkehr insgesamt in den vergangenen Jahrzehnten sträflich vernachlässigt.“ Im Vertrag von Lugano war von Terminen nicht die Rede – aber in der Schweiz ärgern sich dennoch viele, dass Deutschland sich so viel Zeit lässt. Nach der Tunnelhavarie in Rastatt giftete die „Basler Zeitung“ – in einem Kommentar, nicht in einer Glosse – gegen das „Drittweltland Deutschland“: „Nach dem peinlichen Scheitern deutscher Tunnelbauer muss sich die Schweiz überlegen, ihr Entwicklungshilfebudget aufzustocken, um dringend benötigte Ingenieure zum Einsatz bringen zu können.“

„Basler Zeitung“ übt sich in Häme gegen Deutschland

Ebenfalls im Bau ist auf der zweiten Alpenmagistralen der Brenner-Basistunnel zwischen Innsbruck und Franzensfeste mit insgesamt 64 Kilometern Länge. Er soll im Jahr 2025 fertig werden – die bayerischen Zulaufstellen sind gerade erst in der Planung. Tatsächlich aber drängt die Zeit für die Fertigstellung der Transversalen. Laut der letzten Prognose des Bundesverkehrsministeriums wird der Güterverkehr auf der Schiene bis zum Jahr 2030 um 43 Prozent zunehmen. beim Personenverkehr sind es 19 Prozent. Insgesamt wächst demnach der Anteil der Güter, die auf der Schiene transportiert werden, von 9,7 auf 10,2 Prozent.