„Turandot“ in Bregenz Eine Geschichte von Macht und Gewalt

Massenszenen vor der Chinesischen Mauer am Ufer des Bodensees: „Turandot“ in Bregenz Foto: Festspiele/Karl Forster 7 Bilder
Massenszenen vor der Chinesischen Mauer am Ufer des Bodensees: „Turandot“ in Bregenz Foto: Festspiele/Karl Forster

Auf der Seebühne in Bregenz schont Marco Arturo Marelli Prospekte und Maschinen nicht, um aus der Puccini-Oper „Turandot“ ein ganz großes Spektakel zu machen. Und dennoch gelingt ihm das Kunststück einer subtilen Inszenierung.

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Bregenz - Wie passt das zusammen? Kurz vor der Premiere auf der Bregenzer Seebühne spricht der Regisseur Marco Arturo Marelli verhalten in die Kamera: „Ich möchte eigentlich weg vom technischen Spektakel. Ich möchte wieder mehr die Oper erzählen.“ Dann beginnt am Mittwochabend seine Inszenierung von Giacomo Puccinis „Turandot“ – und bereits nach zehn Minuten muss man zu Protokoll nehmen: So viel Spektakel wie hier war selbst in Bregenz noch selten. Das stellt selbst die „Zauberflöte“ aus den beiden Vorjahren noch in den Schatten!

Der Schweizer Marelli hat auch das Bühnenbild am Bodenseeufer entworfen, und so geht der Sturm an Bildern und Eindrücken gleich hier los. Die Chinesische Mauer schwingt sich von links nach rechts, derart geformt, dass man darin auch den Oberkörper eines Drachen nebst Kopf erkennen kann. Rechts oben thront als glühender Sehnsuchtsort ein knallroter Teepavillon, derweil von hinten nach vorn lange Reihen von Terrakotta-Kriegern in Richtung Publikum marschieren, dabei Reihe für Reihe immer tiefer im Bodensee versinkend, so dass von den vordersten nur noch die Köpfe oder Schöpfe aus dem Wasser ragen.

Das allein sind schon starke Ansagen. Aber als die Oper dann los- und die Bühne in Betrieb geht, kommt es noch entschieden doller: In der Mitte dreht sich die Spiel­fläche, eröffnet weitere Räume und Verliese, präsentiert nach oben hin wie bei einer Muschel ein Klappdach, welches gleich darauf mit Videobildern bespielt wird. Von links kommt gemächlich ein Schiff mit leuchtend-verhülltem Inhalt, rechts oben ziehen weiße Lampions feierlich zum Gipfel, Fahnen werden geschwungen, mit Bändern wird getanzt, Feuerakrobaten und Kampfsportler sind unterwegs, rechts wird ein Delinquent zum Schafott geführt, links fällt ein toter Leib ins Wasser.

Der Theaterzauber ist durchdacht

Aber gerade, als man denkt, die große Produktion der siebzigsten Bregenzer Festspiele, der ersten Saison unter Leitung der neuen Intendantin Elisabeth Sobotka, erschöpfe sich womöglich im rein dekorativen Bilderbogen zur dominant-dramatischen Musik – just da stellt man überrascht fest, wie absolut durchdacht der ganze Theaterzauber hier ist, wie souverän Marelli seinen sturmgewaltigen Bilderflash setzt und in jedem Augenblick unter strenger Kontrolle hält. Nichts ist hier einfach nur Effekt. Alles dient tatsächlich einem Ziel, nämlich spannend und überzeugend eine große, eine sehr schlimme Geschichte zu erzählen: eine Geschichte von Macht und Gewalt, die vielleicht, wenn Träume wahr würden, in Liebe enden könnte.

So sehr die Bregenzer „Turandot“ mit Mauer und Terrakotta die Erwartungen des Publikums an ein letztlich exotisches Märchen zu nähren scheint, so konsequent bricht Constance Hoffman mit ihren Kostümen diese für jede Puccini-Inszenierung so tödliche Eindimensionalität auf. Es ist ein wilder Stilmix, den wir hier zu sehen ­bekommen, es geht einmal quer durch die Kulturen und Jahrhunderte. Das chinesische Volk sieht grau und gleichförmig aus wie zu den schlimmsten Zeiten von Maos Kulturrevolution. Ein anderer Teil des Volkes scheint aber auch den Großstadt-Zerrbildern aus den zwanziger Jahren eines George Grosz entstiegen zu sein. Einige Kriegsknechte stammen offenbar aus einem „Star Wars“-Film, andere treten im tiefschwarzen SS-Style auf. Die Minister tanzen mal als bunte Harlekine herum, mal, wenn die Köpfe der Delinquenten versorgt werden, als mausgraue Archivare mit Metzgerschürze.




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