Die Analyse der sportlichen Schieflage, die am Freitagabend in einer desaströsen ersten Halbzeit beim 3:3 (0:3) gegen den SC Paderborn gipfelte, habe ergeben, „dass wir einen Fehler gemacht haben“, verkündete Watzke auf der Mitgliederversammlung am Sonntagnachmittag. „Wir hätten eine zweite Nummer Neun verpflichten müssen“, einen Stürmer also, der in der Lage ist, den verletzungsanfälligen Paco Alcácer zu ersetzen, räumte er ein und nahm so zumindest einen Teil der bleiernen Last von der gebeutelten Mannschaft und von Lucien Favre, über dessen Nachfolger bereits spekuliert wird.
„Pfui“-Rufe Richtung Spieler auf der Mitgliederversammlung
Zuvor waren die Profis mit zornigen „Pfui“- Rufen und Pfiffen empfangen worden. Ein paar Leute in den Westfalenhallen applaudierten zwar aufmunternd, aber in den Augen der meisten Mitglieder tragen die Spieler die Verantwortung für die enttäuschenden Ergebnisse. Irgendwann fand auch Watzke klare Worte gegenüber den Spielern, die wie Schuljungen beim Rapport wirkten. Die Entschuldigung von Marco Reus für die erste Halbzeit gegen Paderborn sei zwar richtig gewesen, merkte der Geschäftsführer an. „Aber ihr als Mannschaft müsst auch wissen, dass es mit Worten nicht getan ist, dass ihr jetzt gefordert seid, Taten folgen zu lassen.“
Lesen Sie hier: Die Rekordjagd des Leipziger Stürmers Timo Werner
Am Trainer will die Clubführung vorerst festhalten, „Lucien, du hast weiter unser Vertrauen“, rief Watzke zu Favre, ergänzte aber sogleich eine Einschränkung: „Du bist schon so lange im Fußball dabei, und am Ende ist Fußball immer über Ergebnisse definiert.“ Sollte in den Partien in der Königsklasse beim FC Barcelona an diesem Mittwoch und bei Hertha BSC am kommenden Samstag nicht die erhoffte Leistungssteigerung sichtbar werden, droht dem Schweizer wohl doch die Entlassung.
BVB-Trainer Lucien Favre begeht gegen Paderborn einen folgenschweren Fehler
Bis zum vorigen Freitag noch sah Favre sich ja eher diffusen Vorwürfen ausgesetzt. Er verbreite zu wenig mitreißende Leidenschaft in Kabine und Coachingzone, hieß es, am Freitag waren nun substanzielle fußballerische Fehleinschätzungen zu beobachten. Paderborns Sportdirektor Martin Prdzondziono ahnte schon vor dem Anpfiff, dass der BVB-Trainer einen folgenschweren Fehler gemacht haben könnte, als er eine Innenverteidigung mit den spielerisch starken, aber nicht besonders schnellen Profis Julian Weigl und Mats Hummels nominiert hatte.
Lesen Sie hier: Der Megadeal des BVB mit Puma
„Das war ja schon fast provokativ. Ich weiß nicht, ob sie nicht wussten, wie schnell Streli Mamba ist“, sagte er nach dem Spiel. Mamba war den Dortmunder mehrfach davon gelaufen und hatte zwei Tore geschossen. Kapitän Marco Reus sagte über die „absolute Scheiße“, die das Team in der erste Hälfte gespielt habe, dass er und seine Kollegen gar nicht gewusst hätten, „wie wir richtig pressen sollen“. Und Mats Hummels erklärte nach einer viel zu spät erfolgten taktischen Abkehr vom 4-2-3-1-System: „Sagen wir so: Wir tun uns im 4-1-4-1 leichter. Ich belasse es dabei.“
Applaus für den Gegner im Dortmunder Stadion
Im Dortmunder Stadion war am Freitag gegen Ende der ersten Halbzeit eine gespenstische Atmosphäre entstanden – nicht nur, dass das eigene Team ausgepfiffen wurde, für einige denkwürdige Momente wurden den Paderbornern für gelungene Aktionen zynisch applaudiert. „Wer vorgibt BVB-Fan zu sein und die Tore des Gegners bejubelt, der sollte unsere Gemeinschaft einfach verlassen“, zürnte Watzke auf der Mitgliederversammlung und erhielt viel Applaus für diese Worte. Pfiffe seien hingegen angemessen, genauso wie die Reaktion der Südtribüne nach der Partie.
Als die Mannschaft nach der Aufholjagd der zweiten Halbzeit in der Hoffnung auf einen Schulterschluss vor die Südtribüne trat, wurden die Spieler zornig fortgeschickt. Es hat in Dortmund immer wieder mal solche Reaktionen gegeben, zuletzt vor zwei Jahren unter dem Trainer Peter Bosz, der kurz darauf entlassen wurde.
Lucien Favre darf BVB-Trainer bleiben – noch
In diesem Tagen hoffen sie nun auf eine Wende mit Favre, auch weil niemand weiß, ob eine solche Maßnahme Früchte tragen würde. Vielmehr deutete Watzke an, dass es Probleme im Kader gibt. „Reißt euch zusammen, strafft euch“, rief er hinüber zu den Spielern, „dann werden wir auch ganz bestimmt wieder eine Einheit.“
Im Moment scheint dem Kader diese Form des Zusammenhaltes zu fehlen. Welchen Effekt ein Trainerwechsel auf die Gruppe hätte, ist ungewiss, wohl auch deshalb halten die Dortmunder noch am Schweizer Taktiktüftler Favre fest, der sich auf zwischenmenschlicher Ebene bisher nichts zu Schulden kommen ließ.