Turn-Meisterin aus Leonberg Kathrin Schleenvoigt: Normales Leben statt großer Karriere

Standhaft: Kathrin Schleenvoigt überzeugt am Boden (li.) und am Stufenbarren (re.). Foto: Janett Pietsch

Die Turnerin des SV Leonberg/Eltingen ist mehrfache deutsche Meisterin – für eine Olympia-Teilnahme wird es dennoch nie reichen. Sie erklärt die Hintergründe.

Leonberg: Flemming Nave (nave)

Kathrin Schleenvoigt hat mit 19 Jahren schon mehr erreicht als viele Teenager in ihrem Alter. Die Turnerin des SV Leonberg/Eltingen wurde 2025 bereits zum dritten Mal deutsche Meisterin im Achtkampf, einer Kombination aus Turnen und Leichtathletik mit acht Disziplinen.

 

Spezialisiert ist sie auf das Turnen, der Sport habe in ihrer Familie Tradition, erzählt die von ihrer Mutter trainierte Athletin. Mit fünf Jahren machte die in Heimerdingen aufgewachsene junge Frau beim TSV Weissach ihre ersten Schritte als Turnerin.

Großes Potenzial, gedeckelte Möglichkeiten

Ihr Potenzial war früh klar, nach den ersten Erfolgen im Achtkampf beschloss sie, auch im Turnen Erfolge anzustreben. 2025 gewann sie die Baden-Württembergische Meisterschaft , das nächste Ziel ist eine Teilnahme an der deutschen Meisterschaft.

Kathrin Schleenvoigt am Stufenbarren bei der Baden-Württembergischen Meisterschaft. Foto: Janett Pietsch/Janett Pietsch

Die Chance für noch größere Sprünge hat Schleenvoigt aber nicht, bei den Olympischen Spielen wird sie nie antreten. „Als Turnerin ohne Kaderstatus sind die deutschen Meisterschaften das höchste erreichbare Ziel“, erzählt sie. Der Wechsel in einen Turnkader sei in ihrem Alter unrealistisch, die Chance darauf gab es jedoch bereits zweimal.

Zwei Chancen ausgeschlagen – bis heute Hadern mit der Entscheidung

Mit sechs Jahren bestand sie einen Test im Kunstturn-Forum Stuttgart, den Wechsel zum Olympia-Stützpunkt verhinderte jedoch ihre Mutter. „Sie hat so entschieden, damit ich meine Kindheit leben kann“, schildert die Turnerin die Hintergründe. Doch es ergab sich eine zweite Chance, die damalige Bundestrainerin entdeckte sie als 16-Jährige, für die es eigentlich schon zu spät gewesen wäre, an ein Leistungszentrum zu wechseln. Trotzdem durfte Schleenvoigt am Stützpunkt Karlsruhe einige Einheiten absolvieren, ein Wechsel stand im Raum.

„Einerseits wollte ich es unbedingt, aber auf der anderen Seite habe ich gemerkt, dass es einfach zu viel ist“, berichtet sie über den hohen Leistungsdruck, der ihren Spaß am Turnen trübte. Mit diesem Empfinden war sie nicht allein: Anfang 2025 erschütterten Missbrauchsskandale den Stützpunkt in Stuttgart, die amerikanische Weltklasse-Turnerin Simone Biles erlitt 2021 einen Burn-out. Schleenvoigt entschied sich gegen den Schritt und die letzte Chance auf eine größere Karriere im Turnsport.

Die Entscheidung begleitet die 19-Jährige bis heute: „An manchen Tagen bereue ich es auf jeden Fall. Ich bin eigentlich zufrieden, wie es jetzt ist. Aber manchmal denke ich darüber nach, was ich hätte erreichen können. Ich bin oft enttäuscht, dass es nicht mehr wurde.“

Sie habe jedoch nie die ganz große Karriere angestrebt und vor allem aus Spaß geturnt. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich jetzt so gut bin, dass ich überhaupt die deutschen Meisterschaften als mein Ziel setzen kann“, erzählt sie, die Teilnahme ist keinesfalls nur ein Ersatzziel für Olympia. Ihr war immer bewusst, dass sie dafür andere Entscheidungen hätte treffen müssen. Heute sagt sie: „Ich bin auch froh, dass ich ein ganz normales Leben hatte und nicht die ganze Zeit in der Turnhalle verbracht habe. Das Wichtigste ist, dass ich glücklich bin.“

Meisterschafts-Qualifikation und Abitur?

Ihre sportlichen Ziele verfolgt sie weiterhin, im kommenden Jahr will sie sich für die deutsche Meisterschaft qualifizieren, woran sie in diesem Jahr noch gescheitert war. Im gleichen Zeitraum schreibt die Schülerin jedoch auch ihr Abitur. „Das wird ein bisschen stressig und macht mich auf jeden Fall nervös“, verrät Kathrin Schleenvoigt. Die Themen eines Teenagers, der sich für das ganz normale Leben entschieden hat.

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