Turn-WM in Stuttgart Das Zugpferd Marcel Nguyen kämpft

Von Marco Seliger 

Deutschlands Vorzeigeturner Marcel Nguyen will trotz großer Schulterprobleme bei den Heim-Weltmeisterschaften starten – auch wegen der angestrebten Olympia-Qualifikation.

Auch an den Ringen kann Marcel Nguyen nicht wie gewohnt zupacken. Foto: dpa/Jane Barlow
Auch an den Ringen kann Marcel Nguyen nicht wie gewohnt zupacken. Foto: dpa/Jane Barlow

Stuttgart - Immerhin, am Ende des Interviewmarathons im Cannstatter Kunstturnforum verbreitete Marcel Nguyen dann doch noch so etwas wie Zuversicht in eigener Sache. Eine konkrete Prozentzahl, wie denn nun die Chancen auf die WM-Teilnahme beim Heimauftritt in der Stuttgarter Schleyerhalle (4. bis 13. Oktober) stehen, wollte er zwar nicht nennen. Deutschlands Vorzeigeturner aber sagte, als er aus dem Pressekonferenzraum in die Übungshalle geschritten war und frische Turn-Luft eingeatmet hatte, immerhin dies: „Es ist eine hohe Prozentzahl.“

Das war noch die beste Nachricht am Donnerstag aus Nguyens Sicht, die Hiobsbotschaft hatte er vorher beim so genannten Medientag mit allen Athleten und Trainern des deutschen WM-Teams selbst verkündet. „Eine Sehne in der Schulter ist angerissen und ich habe derzeit einige Stabilitätsprobleme“, sagte Nguyen, der vor wenigen Tagen 32 Jahre alt geworden ist – und für den die WM, die gleichzeitig die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 darstellt, so etwas wie einer der letzten großen Höhepunkte einer langen Karriere sein soll.

Das WM-Jubiläum ist gefährdet

Es wären die zehnten Weltmeisterschaften für den mehrfachen Europameister und zweifachen Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen 2012 in London. Das große WM-Jubiläum vor heimischem Publikum, die Olympischen Spiele in Asien, auf dem Kontinent also, auf dem der Sohn eines Vietnamesen und einer Deutschen zumindest in einigen Teilen eine größere Popularität als in Deutschland genießt, das ist seit der WM-Vergabe der gelebte Traum Nguyens. Und womöglich der Schlusspunkt der Karriere.

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Nguyen soll nun bei den Titelkämpfen in der Schleyerhalle dabei nicht nur aufgrund seiner Popularität ein Zugpferd im deutschen Team sein – vor allem in der Mannschaftswertung ist er fest eingeplant mit Blick auf die Olympia-Qualifikation 2020: „Ich brauche ihn und will ihn gern dabei haben“, sagte der Bundestrainer Andreas Hirsch: „Aber wir werden es vernünftig machen und sind natürlich mit den Ärzten jederzeit in Kontakt.“

Belastung dosieren

Nguyen selbst sieht die Sache pragmatisch. Als er darauf angesprochen wurde, wie hoch die Gefahr sei, dass die Sehne in der Schulter komplett reiße während der üblichen Belastung, sagte er so leise wie bestimmt: „Dann ist es eben so.“ Nguyen will die Belastung bis zum WM-Start in drei Wochen nun reduzieren und dosieren. Auf den Länderkampf an diesem Samstag in Backnang – die letzte Formüberprüfung für das deutsche Team – wird er aufgrund der Verletzung verzichten.

Marcel Nguyen und seine leidgeplagte linke Schulter gehen nun also in das nächste Kapitel. Dabei ist die Schulter ja generell so etwas wie die Achillesferse eines jeden Leistungsturners – aus dem einfachen Grund, dass man sich unter höchster Anspannung und bei höchster Dynamik an vielen Geräten halten muss und jede Drehung dabei zu Lasten der Sehnen gehen kann.

Supraspinatus-Sehne ist angerissen

Vor einer Woche beim Training in Kienbaum passierte das nun bekannt gewordene Malheur bei einer Übung am Reck. Nguyen spürte nach einer Drehung, dass etwas nicht stimmt. Tags darauf konnte er seinen Arm nicht mehr heben. Und dann ging es ganz schnell. Nach dem Befund – es handelt sich um einen so genannten Anriss an der Supraspinatus-Sehne – fuhr Nguyen nach Freiburg zum deutschen Mannschaftsarzt, es wurde ein MRT gemacht, der Arzt spritzte Nguyen Cortison an die verletzte Stelle, und nun wird das Übungsprogramm angepasst.

Nguyen und seine Trainer müssen dabei einen Spagat wagen. Einerseits müssen die Schwierigkeitsgrade einzelner Übungen verringert werden, andererseits soll Nguyen ja trotzdem gut genug sein und solch hohe Wertungen einfahren, dass er dem deutschen Team auch helfen kann. „Wir müssen es vernünftig machen“, sagt Nguyen dazu, „wenn ich bei irgendeinem Element darüber nachdenke, ob jetzt die Sehne reißen kann, dann müssen wir es herausnehmen.“

Fest steht, dass er bei der WM nur vier Geräte turnen wird, das von ihm ohnehin ungeliebte Pauschenpferd lässt er weg, ebenso die Ringe. Sein großes persönliches Ziel neben der Olympia-Qualifikation mit dem Team, das Barrenfinale, wird er wohl abschreiben müssen. „Vor der Verletzung wäre das vielleicht realistisch gewesen“, sagte Nguyen, „jetzt glaube ich eher nicht mehr, dass das was werden kann.“ Drei Wochen hat Nguyen noch bis zum WM-Start. Die Zeit läuft.