Turnen beim MTV Stuttgart Warum die Frauen an der Macht bleiben

Von Marco Seliger 

Die Turnerinnen des MTV Stuttgart bleiben nach ihrem siebten Meistertitel nacheinander das Maß der Dinge – was man von den Männern eher weniger behaupten kann.

Das ist das Ding: Die Turnerinnen des MTV Stuttgart feiern den Meistertitel. Foto: Baumann
Das ist das Ding: Die Turnerinnen des MTV Stuttgart feiern den Meistertitel. Foto: Baumann

Stuttgart - Am Ende dieses turbulenten Stuttgarter Turn-Jahres gibt es Blumen. Ganz oben auf dem Podium sind die Athletinnen des MTV angekommen, mal wieder. Zum siebten Mal nacheinander stehen sie in der Mitte des Podests, wieder haben sie das Finale der deutschen Turnliga (DTL) gewonnen. Wieder bekam jede Athletin eine Blume in die Hand, die sie stolz in die Höhe recken konnte. Wieder ist der MTV Stuttgart deutscher Meister.

Auch in der Ludwigsburger MHP-Arena führte am Samstag kein Weg an der Riege des MTV vorbei. Mit 207,50 Punkten lagen die Stuttgarterinnen vor der TG Karlsruhe-Söllingen (192,30) und TZ DSHS Köln (185,55). Die Favoritinnen haben also mal wieder geliefert, wie das in der Sportlersprache heißt – warum die Meisterserie anhielt, liegt auf der Hand. „Wir haben optimale Bedingungen“, sagt die WM-Bronzemedaillengewinnerin Elisabeth Seitz.

Das renommierte Cannstatter Kunstturnforum mit seinen hochqualifizierten Trainern bietet einen großen Anreiz für Spitzenturnerinnen, in der Landeshauptstadt zu trainieren und für den MTV in der Bundesliga zu turnen. Das Team bleibt auch im nächsten Jahr zusammen, weshalb dem achten Meistertitel in Folge nichts im Wege steht. Es klingt alles so leicht und unbeschwert für den MTV Stuttgart.

Wenn da nur nicht die Männer wären.

Während die Frauen jedes Jahr aufblühen und am Ende die Blumensträuße bekommen, ist das Männerteam am Ende. Alles ist verwelkt, nachdem der Verein Anfang September den Rückzug der Riege aus der Bundesliga verkündete und am Ende aufgrund der verheerenden Personallage und Verletzungsproblemen nicht einmal mehr den letzten Heim-Wettkampf in der Stuttgarter Scharrena austragen konnte. Und mehr noch: Nächstes Jahr geht es in der Landesliga weiter und nicht in der zweiten Liga, das bestätigte der MTV-Geschäftsführer Karsten Ewald am Wochenende unserer Zeitung. Der deutsche Meister von 2014 ist ganz unten angekommen.

Auch die KTV Obere Lahn zieht das Team zurück

Im Oktober 2019 findet die WM in Stuttgart statt, ausgerechnet in diesem Jahr also bricht der so genannten Turn-Hauptstadt eines ihrer Zugpferde weg. Wolfgang Drexler, der Präsident des Schwäbischen Turnerbundes (STB), spricht von „einem schweren Schlag“.

Wie es so weit kommen konnte, ist klar: Der MTV war zuletzt nicht mehr konkurrenzfähig, vor allem in finanzieller Hinsicht. In den vergangenen Jahren war die sportliche Entwicklung der Turner rückläufig, die Zuschauerzahlen in der Stuttgarter Scharrena ebenso, und das wiederum hat einen einfachen Grund: Dem Team fehlt es an Zugpferden und Spitzenturnern – auch, weil es einen entscheidenden Unterschied zum Frauenturnen in der DTL gibt: Der Stützpunktvorteil ist in der Spitze der DTL nicht entscheidend, weil bei den Clubs generell mehr Geld fließt als bei den Frauen – und andere Vereine da mehr zu bieten haben als der MTV Stuttgart. Die KTV Straubenhardt etwa ist das Maß aller Dinge im Männerturnen. Weil es in, um und um Straubenhardt herum keine andere Sportart auf Spitzenniveau gibt und sich der Club deshalb viel leichter tut, an Geldgeber zu kommen.

Die deutsche Topliga als Beiwerk

Wie schwierig die Lage in der Topliga ist, zeigt auch den Rückzug der KTV Obere Lahn im nächsten Jahr. Der Heimatclub von Fabian Hambüchen sicherte sich am Samstag den Meistertitel – jetzt ist auch die Zeit der KTV in der DTL abgelaufen.

Obere Lahn kämpfte mit ähnlichen Problemen wie der MTV. Vereinfacht ausgedrückt gibt es derzeit in Deutschland zu wenige Turner auf Top-Niveau, um die sich zu viele Vereine streiten. Acht Mannschaften gibt es in der DTL, zwei haben sich nun zurückgezogen, und allein schon diese verheerende Quote zeigt, dass einiges schief läuft. Wer als Verein mehr zahlt, der bekommt die Besten – was in anderen Sportarten völlig normal ist, ist im Vereinsturnen Gift für eine gesunde Liga. Denn wer kein Geld für die wenigen Top-Turner hat, hat am Ende gar nichts mehr zu bieten.

Weil obendrein die Großereignisse wie Weltmeisterschaften, Olympische Spiele und auch Weltcups für die Turner an erster Stelle stehen und die nationale Liga nur Beiwerk im Jahresplan ist, lässt sich nun in der Zeit, in der sich zwei von acht Vereinen aus der DTL zurückziehen, mehr denn je über Sinn und Unsinn dieser Liga streiten.