Turnen Marcel Nguyen ist gefragt wie nie

Gemeinsamer Glücksmoment in London: der Trainer Valeri Belenki hebt Marcel Nguyen in die Höhe. Foto: dpa
Gemeinsamer Glücksmoment in London: der Trainer Valeri Belenki hebt Marcel Nguyen in die Höhe. Foto: dpa

Der Olympiastar Marcel Nguyen genießt die neue Popularität. Am Samstag turnt er in Stuttgart mit der KTV Straubenhardt einen Bundesligawettkampf.

Sport: Gerhard Pfisterer (ggp)
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Stuttgart - Valeri Belenki ist der Trainer des Stuttgarter Turnstars Marcel Nguyen. Am Samstag (14 Uhr) aber kommt sein Vorzeigeathlet als Gegner zu ihm in die Halle. Denn Belenki ist zugleich Coach des Bundesligisten MTV Stuttgart, der dann den Meisterschaftsfavoriten KTV Straubenhardt mit dem Doppelsilbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von London in der Scharrena empfängt.

Allerdings wird Valeri Belenki bei dem Duell auch Marcel Nguyen in gewohnter Manier zur Seite stehen – trotz der Rivalität der zwei Teams. „Ich betreue ihn auf alle Fälle, ich habe kein Problem damit, und das kann mir auch keiner verbieten“, sagt der 43-Jährige, unter dessen Anleitung in Anton Wirt und Andre Schaich zwei weitere Straubenhardter im Stuttgarter Kunstturnforum üben: „Ich habe mehrere Athleten in beiden Mannschaften, das ist quasi ein Heimtrainingswettkampf.“

Die Bundesliga ist nur Beiwerk, die internationalen Auftritte gehen vor. Am 2. Dezember wird Marcel Nguyen zum Auftakt der Weltcupserie beim 30. DTB-Pokal in der Stuttgarter Porsche-Arena turnen. Darauf ist sein Hauptaugenmerk gerichtet. „Seit London hat er keinen Sechskampf mehr geturnt, wir mussten die Belastung runterholen. Immer auf Olympianiveau zu turnen schafft kein Mensch, da ist die Verletzungsgefahr viel zu hoch“, sagt Valeri Belenki. Das schonende Aufbautraining der vergangenen Wochen soll Raubbau am Körper des Spitzensportlers verhindern.

Pause nach Olympia mit Urlauben auf Ibiza und Zypern

Am Samstag wird Marcel Nguyen erst das zweite Mal seit London an – immerhin – fünf Geräten sein Können zeigen (alle bis auf das Pauschenpferd). Nach dem Olympiatriumph mit den Silbermedaillen im Mehrkampf und am Barren hat er erst einmal pausiert, Urlaube auf Ibiza und Zypern gemacht. „Ich versuche langsam wieder meine Übungen mit allen Schwierigkeiten zu turnen – ich schaue immer, wie ich an dem Tag drauf bin und mache es davon abhängig“, sagt der 25-Jährige.

Seine außersportlichen Termine haben seit London immens zugenommen. Autogrammstunden, Preisverleihungen, Galas – Marcel Nguyen ist gefragt wie nie. Auf der ganzen Welt hat er Fans. Frauen aus Asien schicken ihm ebenso Liebesbekundungen wie Männer aus Südamerika. Ganze Wäschekörbe voll mit Post kommen bei seiner Mutter in Unterhaching an. „Da sind immer echt coole Sachen dabei, die mich zum Lachen bringen“, sagt Marcel Nguyen.

Besonders beliebt ist der Sohn einer Deutschen und eines Vietnamesen – aus ihm unbekannten Gründen – in Hongkong. Zwei Anhänger aus der chinesischen Sonderverwaltungszone schauten neulich sogar beim Straubenhardter Bundesligawettkampf gegen den SC Cottbus vorbei. Ende dieses Jahres wird Marcel Nguyen einen Gegenbesuch in Hongkong mit zwei Autogrammstunden machen – und auch einen Silvestercountdown einleiten: „Es ist alles viel, viel mehr geworden, und ich bin häufig unterwegs – das ist nicht mehr vergleichbar mit der Zeit vor London.“

Kampfansagen an Hambüchen widerstreben Nguyen

Der Olympiaheld ist in der obersten Riege der deutschen Sportwelt angekommen, auf Augenhöhe mit dem Deutschen Meister Fabian Hambüchen. Und wer ist nun der beste Turner des Landes? „Das ist tagesformabhängig“, sagt Marcel Nguyen. Eine Kampfansage an den Ex-Reckweltmeister widerstrebt ihm. Nguyen ist kein Duckmäuser, aber unnötig aufspielen will er sich auch nicht. Das ist nicht seine Art.

Neulich hat er allerdings eine Ausnahme gemacht. Vor dem Auftritt seines neuen Clubs KTV Obere Lahn bei seinem alten Verein in Straubenhardt hatte Fabian Hambüchen sein spontanes Mitmischen damit begründet, dass er seine Mannschaft nicht im Stich lassen wolle. Diese Aussage des hessischen Individualisten stieß Marcel Nguyen bitter auf, er reagierte darauf zynisch: „Das kannte ich bisher von ihm so nicht. Das hätte er ja vielleicht auch letztes Jahr mal machen können. Wäre mir ganz recht gewesen, wenn er das ,Mannschaftsgefühl’ damals schon entwickelt hätte.“

KTV Straubenhardt ist in Stuttgart wolkenkratzerhoher Favorit

Beim Swiss-Cup in Zürich sind sich die beiden Turnstars am Wochenende wieder über den Weg gelaufen. Da war das Thema schon erledigt. „Wir haben uns unterhalten, waren zusammen unterwegs – ich bin nicht zerstritten mit ihm“, sagt Marcel Nguyen. Er hat seit 2008 nur verletzungsbedingt Bundesligawettkämpfe ausgelassen. Diese Verlässlichkeit unter gesunden Umständen gehört zu seinem Selbstverständnis als erklärtem Teamplayer.

In der Schweiz kam Marcel Nguyen zusammen mit Kim Bui (MTV Stuttgart) beim Sieg Fabian Hambüchens mit der Mannheimerin Elisabeth Seitz auf Platz drei. Dabei zeigte er beispielsweise erstmals wieder seine Barrenübung, die ihm in London Olympiasilber eingebracht hatte – wenn auch nicht ganz fehlerfrei. „Ich komme langsam schon wieder rein“, sagt der 25-Jährige.

Mit der verlustpunktfreien KTV Straubenhardt ist er am Samstag in Stuttgart dennoch wolkenkratzerhoher Favorit. „Unsere Chancen sind gleich Null gegen so eine Mannschaft mit so einem großen Sponsor, die sich so teure Turner einkaufen kann“, sagt Valeri Belenki – in seiner Funktion als MTV-Trainer.

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