TV-Koch-Shows Kochen auf allen Kanälen

Köche auf allen Kanälen: von Alfread Biolek (auf 12 Uhr) über „The Bear“, Jamie Oliver, Tim Mälzer, Frank Rosin und René Redzepi – die Liste ließe sich noch sehr lange fortsetzen. Foto: dpa/Axel Heimken, SAT.1/Marc Rehbeck, imago/United Archives/kpa, imago/Hoffmann, Chuck Hodes, Apple TV / Illustration: Adobe Stock/Sergei / Montage: Elisa Dettmann/DettmannE

Bouillabaisse à la Marseillaise, Omelett mit Chipsbröseln und Pfälzer Saumagen nach Hannelore Kohl. Warum nur schauen wir so gerne anderen beim Kochen zu? Von Biolek bis „The Bear“ – ein Ende der Kochsendungen ist nicht in Sicht. Im Gegenteil.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Natürlich dachte man zu Beginn: Das gibt sich schon wieder. Wo eine Hysterie ist, ist auch bald ein Ende. Doch sie werden immer mehr. Kochshows auf allen Kanälen. Lafer isst lecker, Henssler grillt, Raue reist und Mälzer, ja Mälzer, hat mit dem unglaublich erfolgreichen „Kitchen Impossible“ eine Ausnahmestellung in der deutschen Koch-TV-Landschaft. Und die ist mittlerweile so unübersichtlich wie die Zutatenliste eines Ottolenghi-Rezepts aus dem „Flavour“-Kochbuch.

 

Einige Unterkategorien im Genre der Kochshows

Längst gibt es Unterkategorien im Genre der Kochshows: Sendungen, in denen uns gezeigt wird, wie das mit dem Nachkochen zu Hause funktioniert. Es gibt Kochshows, die einen Wettbewerbsgedanken haben wie etwa „Grill den Henssler“ oder „The Taste“. Es gibt Hochglanz-Dokumentationen wie „Chef’s Table“ auf Netflix, es gibt Sendungen mit reisenden und schmeckenden Köchen wie etwa mit Anthony Bourdain oder Phil Rosenthal in „Somebody Feed Phil“.

Wer „Somebody Feed Phil“ (Netflix) schaut, möchte stante pede an die Orte reisen, die Phil Rosenthal besucht hat. Foto: Netflix

Und dann sind da fiktionale Formate wie „The Bear“. Mit der Serie rund um Carmen „Carmy“ Berzatto, deren dritte Staffel ab 17. August auf „Disney+“ zu sehen ist, ist der Hype um Köche auf dem Bildschirm wohl erst mal auf seinem Höhepunkt angelangt. Um im Jargon zu bleiben: Wir sind nun mitten im TV-Menü. Die ersten zwei Staffeln wurden mit Preisen überhäuft. Und die Kulinarikautorin der „New York Times“, Tejal Rao, beschreibt ganz clever den Moment, als ihr klar wird, wie groß die Serie geworden ist: Im Magazin „New Yorker“ wurde ein Cartoon veröffentlicht, der eine Frau nackt liegend neben ihrem Mann im Bett zeigt und er fragt: „Was sollte das gerade mit deinem ‚Yes, Chef!‘?“

Da werden die ganz großen Themen mariniert: Liebe, Trauer und Familie

„Yes Chef!“ Die Serie „The Bear“ (Disney+) mit Jeremy Allen White in der Hauptrolle geht nun in die dritte Staffel. Foto: 2024, FX Networks. All Rights Reserved.

Dazu muss man wissen, dass diese zwei Worte ständig gesagt werden in den schnell geschnittenen Folgen, die in der Küche eines Restaurants in Chicago spielen. „Yes, Chef!“. Damit bekommt der Küchenchef die Antwort auf seine Anweisungen. Jeremy Allen White spielt den Koch Carmen, einen sensiblen Perfektionisten, der hoch hinauswollte und in den besten Küchen gelernt hat. Er kommt zurück nach Chicago, um den maroden Laden seines verstorbenen Bruders zu übernehmen. Doch in „The Bear“ geht es um viel mehr als nur um eine Restaurantküche. Da werden die großen Themen mariniert: Liebe, Trauer und Familie.

T-Shirts von der Schwäbischen Alb

Es ist klar, dass Fans der Serie, viele sogenannte Foodies, wieder versuchen werden herauszufinden, was gekocht wird, welche Zutaten verwendet werden. Das Omelett aus der zweiten Staffel hat es zu einer Bekanntheit gebracht, weil die Souschefin Sydney nicht nur sehr viel Butter, sondern auch Frischkäse innen und Chipsbrösel obendrauf verwendete. Echte Fans der Serie kennen gar die Marke der schlicht-schönen, weißen T-Shirts (es ist das 215-T-Shirt von Merz b. Schwanen von der Schwäbischen Alb), die Carmen trägt, wie auch seine Kochbuchsammlung, die akribisch analysiert wird.

Überhaupt: Ob Serie oder TV-Format – nach dem Anschauen von Kochsendungen ist ja längst nicht Schluss mit der Rezeption. Man kann nachkochen, nachreisen, im besten Fall nachschmecken.

Bei all der männlichen Küchenpoesie sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Erste, die das Genre „Kochen vor der Kamera“ erfunden hat, eine Frau war. Julia Child hat schon in den 1950er Jahren gezeigt, wie man Bouillabaisse à la Marseillaise zubereitet, und zwar auf eine grundsympathische, niederschwellige Art.

Zwei Supernasen am Herd: Thomas Gottschalk kocht bei Alfred Biolek. Foto: WDR/Wdr_Michael_Fehlauer

Wilmenrod erklärte, wie man Toast Hawaii belegt

Hierzulande ging es mit Clemens Wilmenrod 1953 los, der Nachkriegsdeutschland erklärte, wie Toast Hawaii belegt wird. Einer der Besten war Alfred Biolek. Legendär seine Sendung „alfredissimo!“, in der er sich Prominente an den Herd lud. Bio war ja „nur“ ein Hobbykoch, aber was für einer, und natürlich ein toller Moderator. Gefiel ihm ein Essen, war die Freude darüber an der Länge des „Mhmmmms“ ablesbar. Sätze wie „Pfeffer nur aus der Mühle“ wurden zu seinen Markenzeichen. Wenn sich die Zuschauer nach der Sendung für ein Rezept wie Pfälzer Saumagen von Hannelore Kohl interessierten, konnte man die Zutatenliste und Zubereitung mit frankiertem Rückumschlag per Post erhalten.

Jamie Oliver hat das Kochen im TV noch populärer gemacht. Foto: www.imago-images.de/IMAGO/Photoshot / Avalon

Dass Kochen auch unter jüngeren Menschen populärer wurde, daran ist ausgerechnet ein Engländer schuld. Es ist schon mehr als ein Vierteljahrhundert her, als Jamie Olivers „The Naked Chef“ in der BBC ausgestrahlt wurde. Sein Kumpel Tim Mälzer setzt in Deutschland das werktägliche Format „Schmeckt nicht, gibt’s nicht“ um – und Fernsehsenderverantwortliche erkennen, dass man nicht nur was vom Kochen, sondern auch von Unterhaltung verstehen muss.

Tim Mälzer trug wenig Haare und ein gutes Shirt. Foto: imago/Hoffmann Koch

Kerner kocht

Am späten Freitagabend lädt Johannes B. Kerner die heute üblichen Verdächtigen an den Herd. Immer mal wieder dabei sind da tatsächlich manchmal auch Frauen wie Sarah Wiener oder Cornelia Poletto. Doch das Kochen im TV bleibt streng in männlicher Hand.

Sonntagabendlicher Pflichttermin

Auch beim Einschaltquotenhit „Kitchen Impossible“ sieht es oft nicht anders aus. Absurderweise funktioniert „Kitchen Impossible“ nur in Deutschland – und zwar so gut, dass die teilnehmenden Köche nach Ausstrahlung ihrer Folge massenhaft Reservierungen in ihren Lokalen haben.

Frank Rosin, Alexander Kumptner, Alexander Herrmann und Tim Raue sind die Köche bei „The Taste“. Foto: SAT.1/Jens Hartmann

Während man also sonntagabends die Tüte mit Gummibärchen niedermacht, schaut man sich an, wie Menschen Dinge tun, die man so selbst nie hinbekommen würde: Sie kochen! Und sie analysieren Speisen, die man vermutlich noch nie probiert hat.

Das macht auch den Reiz von kulinarischen Reiseformaten aus, wie jene kulinarischen Expeditionen des Anthony Bourdain, das Format „Somebody Feed Phil“ oder „Herr Raue reist“. Die Hochglanz-Produktion „Chef’s Table“ hat uns zu Hause in Bönnigheim und Buxtehude gezeigt, was in den Star-Küchen passiert, wie ein Massimo Bottura sein Dessert fallen hat lassen, wie prägend Gaggan Anands Herkunft für seine Küche ist. Tim Raue war bis dato der einzige Deutsche, der gezeigt wurde. Für den Spitzenkoch auch ein unbestrittener Wirtschaftsfaktor.

René Redzepi ist der Erzähler der Serie „Allesesser“ (Apple TV) Foto: Apple TV

Wie das mit den Formaten funktioniert, weiß Tim Mälzer ganz gut. So fungiert er jetzt hinter den Kulissen bei „Dinner Club“, das Ende des Jahres bei Amazon Prime starten soll. Gastgeber ist der Schweizer Andreas Caminada, der mit Prominenten wie Influencerin Caro Daur, Comedian Kurt Krömer oder Schauspieler Moritz Bleibtreu auf kulinarische Reisen geht. Aktuell und neu ist René Redzepis „Omnivore“ (als „Allesesser“ auf Apple TV), das sehr gut recherchiert ist und pro Folge ein einziges Lebensmittel in den Mittelpunkt stellt und zeigt, dass Essen viel mehr als nur Essen ist. Kategorie: aufklärende „Sendung mit der Maus“- Formate.

Und so erkennt man am Ende doch, dass hier in der überlaufenen TV-Küche viele Köche doch nicht den Brei verderben. Im Gegenteil: Das virtuelle Mehr-Gänge-Menü, das einen da erwartet, ist ganz schön vielseitig. Wer mag, findet da auch seinen Kochshow-Topf und das passende Deckelchen. Denn bei den etlichen Kochshows und Sendungen ist’s wie mit allem: Es gibt Fast Food und Fine Dining. Und dazwischen ganz schön viel.

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