Das Seriendrama „Euphoria“ porträtiert verstörend präzise die Generation Z, setzt aber statt auf Realismus auf künstlerische Verfremdung. So provokant, aufregend und gut, wie die zweite Staffel, die jetzt bei Sky gestartet ist, erzählt derzeit keine andere Serie vom Erwachsenwerden.

Kultur: Gunther Reinhardt (gun)

Stuttgart - Im Wohnzimmer diskutieren Fezco und Lexi darüber, ob Drogendealer oder McDonald’s-CEOs bessere Chancen haben, in den Himmel zu kommen. Nate hat im Bad Sex mit Cassie und seine Ex-Freundin Maddy hämmert gegen die Tür. Während Jules im Garten ihre Freundin sucht und Rue im Abstellraum neue Drogen ausprobiert, wird in der Küche eine Bierflasche zur Waffe – und draußen vor der Haustür startet Ashtray den Motor. Die Serie „Euphoria“ kehrt mit einer Silvesterparty außer Rand und Band zurück und kommt im Jahr 2022 an.

Das Transmädchen und der hochbegabte Junkie

Über zwei Jahre ist es her, dass die erste Staffel des HBO-Seriendramas lief, das schrill-provokant Highschool-Geschichten der etwas anderen Art erzählt. Im Zentrum stand anfangs eine komplizierte Lovestory: Rue (Zendaya) ist 17, ist hochbegabt, hat eine Zwangsstörung und schon so ziemlich alle Drogen ausprobiert, die man schlucken, spritzen oder inhalieren kann. Nachdem sie die Schulferien nach einer Überdosis in einer Entzugsklinik verbringen musste, verliebt sie sich in Jules (Hunter Schafer), ein Transmädchen, das neu in der Stadt ist und sich gerne über eine Dating-App mit viel zu alten Männern trifft. Einer davon ist der Vater von Nate, dem Footballstar der Schule, der seine sexuellen Unsicherheiten mit Gewaltausbrüchen überspielt.

„Peanuts“ auf Speed

In den acht Episoden der ersten Staffel kam man sich oft wie bei den „Peanuts“ auf Speed vor, weil in Sam Levinsons Serie – abgesehen von Nates Vater – kaum Erwachsene vorkommen und nicht wirklich eine Rolle spielen. „Euphoria“ erzählt von Teenagern, die ganz auf sich selbst gestellt sind, wenn es darum geht Erfahrungen mit Sex, Gewalt und Drogen, mit Depressionen, Mobbing oder Selbstzweifeln zu machen und zu verarbeiten. Die Serie wurde zum Porträt der Generation Z, und Zendaya (bekannt als MJ aus den „Spider-Man“-Filmen) verdiente sich für ihre Darstellung der dauerzugedröhnten Rue einen Emmy als beste Hauptdarstellerin in einem Seriendrama und setzte sich gegen Jennifer Aniston („The Morning Show“) oder Olivia Colman („The Crown“) durch.

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Der Drogenhändler und das Camgirl

In der zweiten Staffel bleibt Rue zwar die „Euphoria“-Ich-Erzählerin, doch ihre eigene Geschichte tritt etwas in den Hintergrund, um dem Rest des Ensembles mehr Platz einzuräumen: zum Beispiel Fezco (Angus Cloud), der mit seinem kleinen Bruder Ashtray in einem Supermarkt die Kids der Stadt mit Drogen versorgt und in der Silvesternacht einen wunderbar spröden Flirt mit Lexi (Maude Apatow) beginnt; der übergewichtigen Kat (Barbie Ferreira), die erst als Camgirl Karriere gemacht, dann ihren Traumboy getroffen hat und dennoch nicht glücklich ist; oder Cassie (Sydney Sweeney), von der immer noch dieses Sexvideo im Internet kursiert und die sich ausgerechnet in den brutalen Nate (Jacob Elordi) verknallt.

So viele Hauptfiguren wie „Game of Thrones“

Außerdem wären da aber auch noch die Geschichten von Maddy, Chris, Ethan oder Elliot: Seit „Game of Thrones“ hat sich kaum eine andere Serie so viele Hauptfiguren geleistet wie „Euphoria“. Und ähnlich wie bei „Game of Thrones“ muss man auch bei „Euphoria“ stets auf alles gefasst sein: auf blutig geschlagene Gesichter, zerschossene Kniescheiben, erigierte Penisse, Gewalt- und Drogenexzesse und explizite Sexszenen (neu im Ensemble ist zum Beispiel die Pornodarstellerin Chloe Cherry).   

Abdriften ins Fantastische

Das Besondere an „Euphoria“ ist allerdings, wie die Serie mal mit drastischer Direktheit, mal mit künstlerischer Überhöhung ihren Protagonisten sehr nahe kommt – und immer wieder virtuos mit konventionellen Erzählmustern bricht. Die erste Episode der zweiten Staffel beginnt als Psychogram von Fezcos tougher Großmutter, die dritte mit Nates Vater, der in den 1980er Jahren in seinen besten Freund verknallt ist. Und regelmäßig driftet die Serie ins Fantastische ab, etwa wenn Rue mal wieder high ist, wenn sich Nate im Krankenbett eine idyllische Zukunft mit Cassie ausmalt oder wenn Kat sich dabei erwischt, dass ihre besten Sexfantasien immer damit enden, dass ihr Freund bestialisch ermordet wird.

Generation-Z-Puzzle

In „Euphoria“ prallen Boulevardkomödie, Shakespeare-Tragödie und die „Schulmädchenreport“-Filme aufeinander. Hier lauert Danny Boyles „Trainspotting“, dort Larry Clarks „Kids“. Mal fühlt man sich an Amy Heckerlings „Fast Times at Ridgemont High“, mal an Nan Goldins Fotoband „Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit“ erinnert. Und aus all diesen Elementen und aus unzähligen Storybruchstücken lässt die Serie verstörend-intensiv ein grandioses Puzzle der Generation Z entstehen.

Generation Z in Serie

Euphoria
 (seit 2019) Die zweite Staffel des tabulosen Seriendramas von Sam Levinson ist soeben bei Sky gestartet. Dort sind auch die erste Staffel und zwei Specials verfügbar.

Élite
 (seit 2018) Sex und Intrigen, Gewalt und Mord prägen den Alltag an einer Elite-Schule in dieser spanischen Serie. Vier Staffeln sind auf Netflix abrufbar.

Genera+ion
 (2021) In den USA erregt die Dramedyserie viel Aufsehen. In Deutschland wurde sie noch nicht veröffentlicht.

Sex Education
 (seit 2019) Im Zentrum der britischen Coming-of-Age-Serie steht der Schüler Otis, der sich an der Moordale Secondary School erfolgreich als Sexualtherapeut verdingt . Drei Staffeln sind bei Netflix verfügbar.

How to sell Drugs online fast
 (seit 2019) Der deutsche Gen-Z-Beitrag wirkt im internationalen Vergleich eher harmlos. Drei Staffeln sind bei Netflix abrufbar.