„Herr der Ringe“-Serie Von Faust bis Oppenheimer: „Ringe der Macht“-Macher im Interview

Small Talk in Mordor: Ein Troll und Adar (Sam Hazeldine) in der zweiten Staffel von „Die Ringe der Macht“ Foto: Prime Video/Ross Ferguson

J. D. Payne und Charlotte Brändström, die Macher von „Die Ringe der Macht“, verraten, warum in der „Herr der Ringe“-Serie Sauron nun ihr heimlicher Star ist und was Tolkien an der germanischen Sagenwelt fasziniert hat.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Willkommen zurück in Mittelerde: J. D. Payne hat sich zusammen mit Patrick McKay die „Herr der Ringe“-Serie „Die Ringe der Macht“ ausgedacht. Charlotte Brändström führt bei den meisten Episoden Regie. Wir haben die beiden bei der Serienpremiere in Berlin getroffen, um auch über Robert Oppenheimer, Julius Caesar, Doktor Faust und die Frage, welche Farbe Mordor hat, zu sprechen.

 

Ms. Brändström, Mr. Payne, Sie haben gerade das Premierenpublikum in Berlin auf Deutsch begrüßt. Können wir das Interview auf Deutsch führen?

Charlotte Brändström Bitte nicht! Ich bin Schwedin, ich kann nur ein bisschen Deutsch.

Und wie kommt es, Herr Payne, dass Sie als US-Amerikaner so gut Deutsch sprechen?

J. D. Payne (antwortet akzentfrei auf Deutsch) Meine Frau ist Opernsängerin. Wir haben ein Jahr in Wien gewohnt.

Charlotte Brändström und J. D. Payne bei der „Die Ringe der Macht“-Premiere im AchtBerlin Foto: imago/Eventpress/Kochan

Apropos Deutsch: Soweit ich weiß war Tolkien ein Fan der germanischen Sagenwelt.

Payne Tolkien hat das bewundert, was er den nordischen Mut nannte und in Verbindung mit den germanischen Heldensagen brachte. Den findet man zum Beispiel bei der Beschreibung der Reiter von Rohan. Ein wiederkehrendes Thema Tolkiens ist, von einer Gruppe von Menschen zu erzählen, die einen hoffnungslosen Kampf vor sich haben. Sie sind, was ihre Zahl, ihre Stärke, ihre Waffen angeht, unterlegen. Aber sie ziehen trotzdem in die Schlacht, weil es das ist, was von ihnen verlangt wird. Das ist das Edelste, das Heldenhafte, was man tun kann. Und manchmal erringen sie trotzdem den Sieg. Tolkien hat diese Art von romantischem Mut geliebt.

Die zweite Staffel von „Die Ringe der Macht“ inszeniert allerdings zunächst einmal ausgerechnet den Über-Bösewicht Sauron als tragischen Helden.

Payne Wir haben uns gedacht, es könnte spannend sein, wenn wir seine Story wie Julius Caesars „Iden des März“-Geschichte erzählen: Sauron preist den Orks mit viel Pathos seine Idee an, die Ringe der Macht zu schmieden, doch dann fällt ihm Adar wie Brutus in den Rücken. Das ist nicht nur eine ziemlich dramatische Eröffnung, sondern erklärt auch die Feindschaft zwischen den beiden, die ein wichtiges Motiv der neuen Staffel ist.

Charlie VIckers als Sauron Foto: Prime Video/Ben Rothstein

Ist Sauron der eigentliche Held in dieser Staffel?

Payne Es ist auf jeden Fall die zentrale Figur.

Brändström Weil es um Verführung und um Macht geht. Und das sind ja auch genau die Themen, um die es noch heute geht. Die Ringe sind ja die ultimative Waffe. Und obwohl es in der Serie sehr viele Hauptfiguren gibt, ist Sauron derjenige, um den herum sich alles entwickelt.

Payne Ja, die zweite Staffel ist Saurons Staffel.

Wenn Sauron den Elben Celebrimbor mit Versprechungen dazu bringt, die Ringe zu schmieden, erinnert das an den Teufelspakt zwischen Doktor Faustus und Mephistopheles

Payne Absolut! Wenn Sauron am Ende Celebrimbor sagt: Ich kann deine größten Hoffnungen erfüllen, dann klingt das schon nach einem faustischem Handel. Und später wird Celebrimbor, als er Galadriel trifft und viele Dinge schiefgelaufen sind, sagen: Ein Teil von mir wusste immer, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Aber ich wollte, das, was er mir anbot, trotzdem unbedingt haben.

Brändström Das ist wie mit Oppenheimer und der Atombombe: Er muss gewusst haben, was das bedeutet, wenn er die baut, aber letztlich hat ihn das nicht aufgehalten.

Charles Edwards als Celebrimbor und Charlie Vickers als Sauron Foto: Prime Video/Ben Rothstein

Celebrimbor und Sauron sind sowieso ein sehr interessantes Paar.

Payne Ja, zwischen den beiden gibt es eine spannende Dynamik. Sie brauchen sich gegenseitig. Da geht es auch um Verrat und um Machtspiele, um Manipulation und um Gaslighting. Das ist wie eine toxische Beziehung. Eine meiner Lieblingsszenen in der Serie ist, als Sauron Celebrimbor gegen Ende der Staffel einfach nur anstarrt und man im Gesicht von Charlie Vickers, der Sauron spielt, eine seltsame Mischung Frustration, Hass, Wut, aber auch Liebe und Traurigkeit erkennen kann.

Brändström Oh ja, das ist eine Szene aus der achten Episode.

Wie wichtig ist es eigentlich, Tolkiens Werk genau zu kennen, wenn man so eine Serie macht. Und wie viel Freiheit können Sie sich erlauben?

Payne Tolkien hat sich eine Welt ausgedacht, in der es über 9000 Jahre Geschichte, ein Dutzend verschiedene Sprachen und zahllose verschiedene Elben-Dialekte gibt. Man kann sich beim Versuch, die Tiefen dieser Welt zu ergründen, verlieren. Wir arbeiten deshalb mit Tolkien-Experten und dem Tolkien-Nachlass zusammen. Die Tolkien-Experten im Team haben zunächst alles gelesen und uns auch mal eine gelbe Karte oder rote Karte gezeigt, wenn wir gegen Regeln verstoßen haben. Wir erlauben uns aber, einige Ereignisse, die im Original im Abstand von Hunderten von Jahren stattfinden, miteinander zu verbinden, also den Zeitverlauf zu komprimieren.

Sie erzählen in der Serie viele Geschichten an vielen unterschiedlichen Orten gleichzeitig. Wie verliert man da nicht den Überblick?

Payne Das fängt beim Schreiben an. Zu Beginn haben wir ein großes Whiteboard aufgestellt und für jeden Charakter eine Karteikarte verwendet, um dann die Handlungsbögen für jede einzelnen Figuren nachzuzeichnen: Wie sieht Galadriels emotionale Reise im Laufe der Staffel aus? Was passiert mit Gil-galad, mit Arondir, Durin oder Disa?

Brändström Oder mit Elrond: Der verändert sich ständig. Es fängt als Politiker an und ist am Ende ein Krieger.

Payne Und wenn du die Entwicklungsbögen der Figuren hast, wenn du weißt, wie sich diese überschneiden und den dramatischen Kern deiner Geschichten festgelegt hast, ist es eigentlich ziemlich einfach, nicht den Überblick zu verlieren.

Brändström Ja, alles beginnt mit dem Schreiben der Drehbücher. Das macht meine Arbeit als Regisseurin dann ziemlich einfach. Wir hatten einen Raum, den wir den War Room nannten, in dem an den Wänden Poster hingen, die all die Orte zeigen, in denen die Serie spielt. In manchen Filmen und Serien unterscheiden sich die verschiedenen Schauplätze zu wenig. Das ist dann verwirrend. Das wollten wir nicht haben.

Payne Wir hatten den Ehrgeiz, jede Szene so zu gestalten, dass man jede beliebige Einstellung der Show zufällig auswählen könnte und man sofort weiß, in welchem Teil der Welt man sich befinden.

Brändström Durch die Farben und die Beleuchtung, ...

Payne ... die Kostüme, die Topografie der Natur oder der Kulissen.

Brändström Wenn wir uns zum Beispiel in Mordor befinden, wirkt das fast wie eine Schwarz-weiß-Welt. Wir wollten überhaupt keine Farben. Auch nicht bei den Kostümen. In Mordor ist alles irgendwie aschgrau. Númenor dagegen wirkt sehr, sehr sauber.

Es wird dunkel in Mittelerde Foto: Prime Video

„Die Ringe der Macht“ gilt als die teuerste Serie aller Zeiten. Heißt das, dass es keine Beschränkungen gab, wenn es darum ging, die Welt Tolkiens in Bilder zu übersetzen?

Brändström Wir hatten offensichtlich ein großes Budget. Aber das heißt nicht, dass du dich nicht einschränken musst. Womit du immer kämpfst, ist die Zeit. Man hat nie genug Zeit. Wenn du eine tolle Idee hast, kommst du immer wieder mal an den Punkt, dass du sagen musst: Nein, dafür werden wir keine Zeit haben! Wir müssen das irgendwie einfacher machen!

Tolkien hat während des Zweiten Weltkriegs mit der Arbeit an „Der Herr der Ringe“ begonnen. Steht das von ihm erschaffene Werk nur für eine fantastische Sagenwelt oder hat Tolkien auch von der Wirklichkeit erzählt?

Payne Tolkien wollte, dass man seine Werke nicht allegorisch versteht. Er benutzte lieber das Wort anwendbar. Er wollte, dass die Geschichte zeitlos ist und genauso auf die Schlagzeilen von heute bezogen werden kann, wie auf Schlagzeilen von vor 50 Jahren oder in 50 Jahren. Und deshalb ist diese Saga auch so beliebt. Und weil die Menschheit weiterhin stets mit den gleichen Dingen zu kämpfen hat, wird das wohl immer so bleiben.

Charlotte Brändström, J. D. Payne und „Die Ringe der Macht“

Personen
Charlotte Brändström (65) ist eine schwedische Regisseurin. Sie hat bei zahlreichen Serien Regie geführt – darunter „Mankells Wallander“, „Grey’s Anatomy“ oder „The Witcher“. J. D. Payne (44) bildet zusammen mit Patrick McKay ein Autorenduo, das an den Drehbüchern für zum Beispiel „Star Trek Beyond“ oder „Godzilla vs. Kong“ beteiligt waren und seit 2022 die Showrunner der Serie „Die Ringe der Macht“.

Serie
„Die Ringe der Macht“ erzählt die Vorgeschichte von „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“. Sie spielt im Zweiten Zeitalter der von J. R. R. Tolkien erfundenen Mittelerde-Welt. Bei Amazon Prime sind inzwischen alle acht Episoden der zweiten Staffel sowie die komplette erste Staffel der Serie verfügbar. 

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