TV-Serie "The Wire" Karrieristen und harte Dealer

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Das US-Polizeiepos "The Wire" hegt keine Illusionen. Es zeigt ein kaputtes Baltimore – und erscheint nun endlich auch auf DVD.

Cops (Dominic West, Wendell Pierce, v. li.) mit kontroversen Dienstauffassungen Foto: HBO
Cops (Dominic West, Wendell Pierce, v. li.) mit kontroversen Dienstauffassungen Foto: HBO
Stuttgart - Lob kann höchst gefährlich, arg verdächtig, rundweg böse gemeint sein. In der amerikanischen Krimiserie "The Wire" bekommen wir das immer wieder vorgeführt. Wenn da unter den harten jungen Anschaffern der Drogenszene der Sozialwohnungsghettos von Baltimore plötzlich freundliche Worte fallen, ist etwas im Busch. Dann soll einer eingelullt werden, bevor man ihn mit ein paar Schüssen abserviert. Oder es soll einer auf ein Himmelfahrtskommando geschickt oder sonst wie dazu gebracht werden, sein Leben zu verpfuschen, indem man ihm etwa nahelegt, als Blutsbruder seiner Dealerkumpels bei Polizei und vor Gericht die Schnauze zu halten.

Aber auch aufseiten der Polizei ist in dieser Serie, die hauptsächlich vom früheren Polizeireporter David Simon in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Polizisten Ed Burns entwickelt wurde, ein Lob eine gefährliche Sache. Auch der Polizeiapparat ist ein Hort der Intrigen und Finten, ein politisches Gebilde, in dem manche an ihre lukrativen Karrieren denken und etliche andere ans ungeschorene Durchkommen bis zur Rente. In diesem Milieu gelten Typen, die ihren Diensteid ernst nehmen, schnell als gemeingefährliche Profilneurotiker und Kameradenschweine, die es schnellstens kaltzustellen gilt.

Trotzdem hat die Serie "The Wire", die 2002 beim Bezahlkanal HBO startete und es bis zum Jahr 2008 auf sechzig Folgen in fünf Staffeln brachte, selbst jede Menge Lob angesammelt. Nicht selten haben sich Kritiker und Fans zur Aussage verstiegen, dies sei die beste Serie der Fernsehgeschichte. Von "Mad Men" hört man oft Ähnliches, auch für "The Sopranos" hatten Enthusiasten manchmal diese Formel übrig. "The Wire" gilt, formulieren wir's eine Nummer kleiner, denen, die gerne ein anderes Fernsehen hätten als jenes, das sich täglich durch die Kabel schleimt, als Beispiel für das, wozu das Medium fähig ist.

Die Sprache der Figuren ist sehr straßennah


Nur muss man vorsichtig sein, dass so viel Lob nicht falsche Erwartungen bei denen weckt, die nun erstmals die endlich auch in Deutschland auf DVD erschienene erste Staffel von "The Wire" antesten. "The Wire" kommt nämlich keineswegs als optische Revolte daher, wagt keine Schnittgewitter und Kameraeskapaden wie die coolen Ghettogangstergeisterbahnen des Kinos und der Gangsta-Rappa-Videoclips, komponiert keine ausgefeilt düsteren Hommagen an das Schwarze-Serie-Kino, bietet vielmehr oft helle, klare, fast zu gut geordnete Bilder, die man in jede halbwegs kompetente andere Fernsehserie schneiden könnte. Auch das Gesamtdrehbuch beginnt nicht mit so einer rüden Erschütterung wie die Serie "The Shield", in der ein Polizist gleich anfangs einen weniger korrupten Kollegen massakriert.

"The Wire" zeigt seine Besonderheiten erst nach und nach, höhlt die vertrauten Bilder beharrlich aus und füllt sie mit unbehaglichem Realismus auf. Die bösen Cops und Gangster sind keine Dämonen, manchmal begreift man sie ganz gut, glaubt nun aber auch ihren verheerenden Einflusss auf das marode Gemeinwesen Baltimore, von dem alle nur verächtlich sprechen.

An "The Wire" haben große US-Krimiautoren wie George Pelecanos mitgearbeitet, die für die Straßenechtheit ihrer Dialoge gelobt werden. Tatsächlich beglaubigt die Serie ihre Figuren durch Sprache, durch Differenzierungen von Slang und politischen Formeln. Die Synchronisation kann das nur bedingt vermitteln. Die Mühe, sich ins Original einzuhören, lohnt also sehr.

The Wire - Staffel 1. Warner, 5 DVDs, 758 Minuten. Etwa 40 Euro.