TV-Shows „Am laufenden Band“ kehrt zurück

Von Antje Hildebrand 

Liegt die Zukunft in der Vergangenheit? Nach „Dalli Dalli“, „EWG“ und „Geld oder Liebe“ feiert der Oldie „Am laufenden Band“ sein Comeback.

Der Alles-ModeriererJörg Pilawa Foto: NDR
Der Alles-ModeriererJörg Pilawa Foto: NDR

Stuttgart - Es gibt sie, diese magischen Momente im Fernsehen. Und der Moment, wenn der Würfel mit einem Fragezeichen auf einem Laufband heranfährt, gehört dazu. Man erlebte ihn in den siebziger Jahren am Ende der ARD-Show „Am laufenden Band“. Der Gewinner thronte auf einem Korbsessel und scannte die Preise, die an ihm vorbeizogen. Die Blicke von Millionen Fernsehzuschauern waren in diesem Moment auf den Würfel mit dem Fragezeichen gerichtet. Er stand symbolisch für den Hauptgewinn. Mit dem Gewinner rätselte das Publikum, was das sein könnte. Eine Reise? Eine Küche? Oder ein Auto?

Mit dem Preis war es wie mit der Sendung. „Am laufenden Band“ steckte voller Überraschungen. Es war eine Wundertüte voller Sketche, kreativer Spiele und origineller Gimmicks, präsentiert von einem Mann, der singen, tanzen und moderieren konnte. Rudi Carrell ist längst tot, doch am 22. Dezember kehrt die Show zurück ins Erste. Radio Bremen und der NDR bringen „Am laufenden Band“ zurück, mit Jörg Pilawa als Moderator. Und schon jetzt werden in der Branche Wetten abgeschlossen, ob das Comeback so erfolgreich ist wie es die anderen Show-Klassiker sind, die neuerdings in die ARD und ihre dritten Programm zurückkehren.

Die Siebziger feiern ein Comeback. Es scheint, als suche die ARD die Zukunft in der Vergangenheit. Die TV-Unterhaltung kränkelt. Neue Formate haben es schwer, sich zu etablieren. Ob „Rising Star“ (RTL) , „Millionärswahl“ (Pro Sieben) oder „Himmel oder Hölle“ (Pro Sieben), sie alle floppten. Dabei mangelt es den Machern nicht an Ideen. „Die Risikobereitschaft der TV-Sender war noch nie so ausgeprägt wie heute“, sagt René Jamm, der für die Kölner Firma Eyeworks Shows wie den „Deutschtest“ produziert hat. Allerdings sei es bei dem Überangebot an Sendern auch noch nie so schwer gewesen, ein Format erfolgreich zu etablieren. „Mit Fiction hat man eindeutig bessere Karten.“

Sind die Oldies die Rettung der TV-Unterhaltung?

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Oldies als Hoffnungsträger. Sind sie die Rettung? Mit „Dalli Dalli“ fing es an. Eine Rateshow zum Mitmachen für Jedermann, und jedes Mal, wenn ein Team gewonnen hatte, hüpfte der Moderator vor Begeisterung in die Luft und rief „Das war Spitze!“ Es war der NDR, der den Klassiker 2011 wieder ausgrub. Die Studio-Dekoration hatte das gleiche Bienenwabenmuster wie in den Siebzigern, doch Hans Rosenthal hieß nun Kai Pflaume. Pflaume – der Frauenversteher, der für Sat 1 beinahe zwanzig Jahre lang gebrochene Herzen geflickt hatte. „Nur die Liebe zählt“, hieß diese Show. Auch ein Klassiker, der gerade nur leicht entstaubt mit Wayne Carpendale wieder zurück ins Fernsehen gekehrt ist.

Pflaume macht jetzt als Erkläronkel eine gute Figur. 2013 später wanderte „Dalli, Dalli“ aus dem Dritten ins Erste. Bis zu fünf Millionen Zuschauer schalten um 20.15 Uhr ein, und das an einem Donnerstag. Das war spitze, nein, fast sensationell. So eine Quote hatte schon lange keine Show mehr erreicht. Damit fing das Revival der siebziger Jahre an. Seither erlebt der Zuschauer ein Déjà-vu nach dem anderen. Im März dieses Jahres kam „Einer wird gewinnen“ („EWG“) zurück. Das Europa-Quiz, das untrennbar verbunden war mit dem Namen Hans-Joachim Kulenkampff. Dem Grandseigneur unter den Quizmastern. Fünfzig Jahre nach der Premiere von„EWG“ übernahm Jörg Pilawa seinen Job, der Alles-Moderierer. Immer souverän, aber ohne Wiedererkennungswert. Das Comeback produzierte er mit seiner eigenen Firma Herr P. Eine einmalige Sache, darauf legte der federführende NDR Wert.

Die Kritiken fielen vernichtend aus. „EWG“ war eine Bastion des Bildungsbürgertums, die einzige Sendung mit eigenem Butler. Das Remake hatte mit dem Original nicht viel mehr als den Namen gemein. Die Kandidaten traten noch immer als Botschafter für ihr Land an, doch es waren Prominente wie der Tenor und Wahl-Franzose Rolando Villazon oder die italienische Schauspielerin Ornella Muti, die die Bühne für ihre ganz persönliche Show nutzten. Ältere Zuschauer enttäuschte das. „Die Zeit, die man früher für zwei Fragen hatte, muss heute für fünfzehn Fragen reichen“, sagt Pilawa. Die ARD verbuchte die Sendung als Erfolg. Mehr als fünf Millionen Zuschauer schalteten ein, das waren fast 1,5 Millionen mehr als der zeitgleich laufende Dauerbrenner „DSDS“ bei RTL. Auch das Remake von „Geld oder Liebe“ , der Flirt- und Quizshow mit Jürgen von der Lippe aus den Achtzigern, erreichte kürzlich an einem Mittwochabend im WDR immerhin 1,52 Millionen Zuschauer.

Eine Hommage an Rudi Carrell

Und nun also „Am laufenden Band“. Oder: das „Wetten, dass . . ?“ der siebziger Jahre, wie Andreas Gerling, der Leiter der Abteilung Show, Musik und Quiz beim NDR, den Klassiker nennt. Schon einmal 1993 von RTL neu aufgelegt, wieder mit Rudi Carrell als Moderator, allerdings unter einem anderen Namen. „Die Post geht ab!“ hieß das Remake. Doch der Titel blieb ein leeres Versprechen; die Show floppte.

Fällt dem NDR auf der Suche nach neuen Ideen nichts Originelleres ein, als Archive zu durchforsten? Von einer Verzweiflungstat will Gerling nichts wissen. Er sagt, der NDR probiere ständig Neues aus. Mit der Familienshow „Klein gegen Groß“ (ARD) oder der Quizsendung „Gefragt, gejagt“ (NDR) habe er durchaus erfolgreiche Formate etabliert. Allerdings, gibt Gerling zu, werde es immer schwieriger, neue Marken zu definieren. „In sechzig Jahren Fernsehen ist schon viel erzählt worden.“ Was liege da näher, auch bewährte Klassiker in die Gegenwart zu übersetzen. Shows wie „Pleiten, Pech & Pannen“, der Mutter aller Videoshows. In den achtziger Jahren stellte Max Schautzer Videos von Zuschauern vor, die zeigen, wie sie selber in Fettnäpfchen treten. Das Remake soll die „Tagesschau“-Sprecherin Judith Rakers moderieren.

Pläne für weitere Neuauflagen gäbe es nicht, sagt Gerling. Er dementiert damit Gerüchte, denen zufolge der NDR auch an einer Wiederbelebung von „Spiel ohne Grenzen“ bastele. „Am laufenden Band“ versteht Gerling weniger als Remake denn als Hommage an Rudi Carrell, der am 19. Dezember achtzig Jahre alt geworden wäre. Man darf gespannt sein, ob diese Sendung allein vom Ruhm der guten alten Zeit zehrt oder ob es ihr gelingt, die Magie des Originals in die Gegenwart zu retten. Der Würfel mit dem Fragezeichen, soviel steht fest, ist mit dabei.