TV-Shows in Corona-Zeiten Die große Sause ohne klatschende Hände

Großes Fernsehen – auch mit Applaus aus der Konserve: Didi Hallervorden war das Chamäleon bei „The Masked Singer“ Foto: dpa/Willi Weber
Großes Fernsehen – auch mit Applaus aus der Konserve: Didi Hallervorden war das Chamäleon bei „The Masked Singer“ Foto: dpa/Willi Weber

Die Vorsichtsregeln in Corona-Zeiten verändern auch große TV-Shows. Die müssen nun ohne Studiopublikum gedreht werden. Macht das die Stimmung kaputt?

Medien: Ariane Holzhausen (wöl)

Stuttgart - Oha. „Kranke Nummer“. Und auch: „Katastrophe“. So deutlich hat der Comedian Bülent Ceylan kommentiert, dass er vor kurzem in der Show „Verstehen Sie Spaß?“ live, aber coronahalber ohne Publikum auftreten sollte. Er hat es dann doch getan. Rund sieben Leute jubelten ihm hinter den Kameras noch zu. Es ist trotzdem ein lustiger Auftritt geworden. So witzig wie die bewährten Reinlegefilmchen, die zum Vierzig-Jahr-Jubiläum der Sendung aus der ältesten Scherzschublade herausgekramt worden waren. Klassiker allesamt. Wie die zugeschalteten Gäste: Paola Felix, Reinhold Messner, Dieter Hallervorden.

Der gefilmte Schabernack brachte Leben in eine Show, der die vom Coronavirus erzwungene Abschottung tatsächlich ganz schön zusetzte. Aber das ist die Ausnahme bei Deutschlands TV-Shows. Wäre alles glatt gelaufen, hätte es auch ohne Publikum funktioniert. Doch die Zuschaltung der Promis klappte schlecht, die Interviews siechten zeitverzögert vor sich hin, Antworten tropften ungehört irgendwo weit hinten aus einem Monitor. Die Studiostille ließ dieses Gemurkse unerträglich werden.

Es funktioniert manchmal doch irgendwie

Zugegeben, wenn einer einen Witz erzählt und keiner wirklich lacht – das war noch selten eine gut aushaltbare Sache. Macht aber erst echter Beifall das Unterhaltungsfernsehen zum Happening? Vollendet erst Applaus die Rumba-Drehung bei „Let’s dance“ zum Vergnügen?

RTL wagt es. Setzt nicht nur „Let’s dance“, sondern auch „Wer wird Millionär?“ und „Deutschland sucht den Superstar“ fort, so wie Pro Sieben „The Masked Singer“: unverdrossen in leeren Studios, die normalerweise mehreren tausend Zuschauern Platz bieten. Der Beifall wird aus bis zu zwölf verschiedenen Applaus-Konserven zusammengemixt. Aber nicht nur beim Blick auf die Quote wird klar: Es funktioniert manchmal irgendwie doch.

Wie waren die Zuschauer zuhause vom Singenden-Kostüm-Wettbewerb „Masked Singer“ erst am Dienstagabend aus dem Häuschen, als sich tatsächlich die Spaß-Legende Dieter Hallervorden aus dem Chamäleon-Paillettentraum schälte! Im Netz konnte man das nachlesen. Die gemeinsam erlebte Begeisterung vorm Bildschirm entlädt sich ohnehin inzwischen in den sozialen Netzwerken.

Gottschalk will keinen Jauch-Applaus

Der Moderator Matthias Opdenhövel hätte sich gar nicht dafür entschuldigen müssen, dass der Applaus immer nur der vom Band eingespielte aus der ersten Sendung sei – doch „immer herzlich gemeint“. Bei so viel Glamour, superguten Interpreten, Spaß in der Jury und großen Überraschungen braucht es keine großen Augen im Publikum und keine abgefilmten klatschenden Hände. Die vermissten nicht einmal jene „Masked-Singer“-Teilnehmer, die schon sprechen dürfen, weil sie enttarnt und ausgeschieden sind: Im dicken Kostüm sehe und höre man sowieso so gut wie nichts, erzählen sie.

Studiopublikum allein macht noch keine gute Show. Stimmt dagegen das Konzept, ist sich das Publikum zuhause auf dem Sofa selbst genug. An den fehlenden Zuschauern vor Ort kann es jedenfalls nicht gelegen haben, dass die jüngste Ausgabe von „Denn sie wissen nicht, was passiert – Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show“ allenfalls halbgut ausfiel. Das hatte Gottschalk ja auch bereits im Vorfeld vollmundig ausgeschlossen: „Ich habe nie gemerkt, dass Publikum überhaupt da ist. Ich mache ja immer das, was ich ohnehin auch ohne Publikum gemacht hätte. Egal, ob da gelacht wird.“ Es störe ihn nur, wenn sie bei seinem Auftritt Applaus vom Band spielen würden, der eigentlich einmal Jauch bejubelt habe.

Was macht Stefan Raab?

Die RTL-Show „Denn sie wissen nicht, was passiert“, die an diesem Samstag wieder läuft, ist dann eben auch an die Wand der Gottschalkschen Egal-Laune gefahren. Dem Showstar fiel bei Quizfragen anstelle der Antwort nur mürrisch aus dem Mund, dass ihn das nun wirklich überhaupt nicht interessiere.

Die nächsten großen Sausen, die beweisen müssen, dass ihre Konzepte ohne Studiopublikum begeistern, werden im Mai das Finale des Pro-Sieben-Heidi-Klum-Spektakels „Germany’s next Topmodel“, die ARD-Stefan-Mross-Sendung „Immer wieder sonntags“ und der Andrea-Kiewel-Klassiker, der „ZDF-Fernsehgarten“ sein.

Vielleicht erfindet aber auch jemand die TV-Show ganz neu? Falls der alte TV-Tausendsassa Stefan Raab schon nicht damit überrascht, dass er im Faultierkostüm bei „The Masked Singer“ steckt (was viele Zuschauer aber offenbar vermuten), könnte er dann wenigstens ein noch nie dagewesenes Show-Konzept für seinen alternativen Musikwettbewerb „Free European Song Contest“ austüfteln, bitte?




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