TV-Tipp: „Alles Isy“ Brutales Ende der Kindheit

Von Tilman Gangloff 

„Alles Isy“ ist ein gerade von den jungen Darstellern toll gespieltes Jugenddrama über eine Sommerparty, die mit einer mehrfachen Vergewaltigung endet

Vorerst noch Kumpel: Jonas (Michaelangelo Fortuzzi) und Isy (Milena Tscharntke) Foto: RBB
Vorerst noch Kumpel: Jonas (Michaelangelo Fortuzzi) und Isy (Milena Tscharntke) Foto: RBB

Stuttgart - Der Titel klingt nach witzigem Wortspiel, entpuppt sich aber als grimmige Doppeldeutigkeit. „Alles Isy“ beginnt mit einem Elternabend: Eine Sommerparty ist völlig aus dem Ruder gelaufen, nachdem die Feier auf Facebook bekannt wurde. Die Ereignisse schildern Max Eipp und Mark Monheim, die sich Buch und Regie geteilt haben, in langer Rückblende.

Der 16-jährige Jonas (Michaelangelo Fortuzzi) himmelt die attraktive Mitschülerin Isabel (Milena Tscharntke) an. Sie mag ihn auch, aber eher als Kumpel; verliebt ist sie in einen anderen und prompt am Boden zerstört, als sie den beim Knutschen mit seiner Ex erwischt. Freundin Nora (Runa Greiner) bietet ihr eine „Gute Laune“-Pille an. Isy nimmt gleich zwei und das Schicksal seinen Lauf: Der ältere Lenny (Ludwig Simon) stachelt den betrunkenen Jonas und einen weiteren Jungen an, sich über das völlig weggetretene Mädchen herzumachen; er selbst geht mit schlechtem Beispiel voran.

Am nächsten Tag fühlt sich Isy wie nach einem Autounfall, hat aber keinerlei Erinnerungen an den Abend. Eine Frauenärztin (Clelia Sarto) stellt fest, dass sie entweder „ziemlich heftigen Geschlechtsverkehr“ hatte oder vergewaltigt worden ist. Isys geschiedene Mutter Bea (Claudia Mehnert) will zur Polizei, aber das Mädchen hat panische Angst davor, als „Schulschlampe“ zu gelten, wenn die Kunde die Runde macht.

Der Staatsanwalt rastet aus

Der von vehementen Gewissensbissen geplagte Jonas vertraut sich seiner Mutter Carola (Claudia Michelsen) an; sie ist Beas beste Freundin. Als sein Vater Richard (Hans Löw), ein Staatsanwalt, von dem Vorfall erfährt, rastet er aus. Dann wird ihm klar, dass nicht nur die Zukunft des Sohnes, sondern auch die eigene Karriere und der soziale Status der Familie gefährdet sind. Während sich Carola fragt, was sie als Eltern falsch gemacht haben, will Richard verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Die Rollen der Oberschichteltern sind etwas klischeehaft geraten: Carola reagiert emotional und strebt nach Aufrichtigkeit, der rationale Richard in erster Linie nach Schadenbegrenzung. Die entsprechenden Auseinandersetzungen münden in eine Ehekrise, bei der zum Vorschein kommt, was schon lange schwelte. Das mag realitätsnah sein, aber es wäre nicht verboten, diese Ebene auch mal zu variieren, selbst wenn Claudia Michelsen und Hans Löw ihre Figuren mit großer Glaubwürdigkeit spielen.

Beeindruckender als die Erwachsenen sind jedoch ohnehin die Jugendlichen. Die Darsteller sind perfekt ausgewählt und von Eipp und Monheim vorzüglich geführt. Der schauspielerisch kaum erfahrene Michaelangelo Fortuzzi versieht Jonas mit genau der richtigen Mischung aus Schüchternheit, Sensibilität und Verträumtheit, die ihn trotz seiner Tat sympathisch bleiben lässt. Ludwig Simon, Sohn von Maria Simon und Devid Striesow, hat im Vergleich zu Fortuzzi eine eindrucksvolle Filmografie vorzuweisen und verkörpert den charismatischen und extrovertierten Lenny als Jonas’ genaues Gegenteil. Er ist einer dieser Typen, vor denen Mütter ihre Töchter warnen, und zieht mit seiner Virilität sogar Carola in seinen Bann.

Ähnlich wie die beiden jungen Männer wird auch Milena Tscharntke garantiert ihren Weg gehen. Als Opfer hat sie nur scheinbar die leichteste Rolle. Isy ist zwar völlig neben der Spur, aber das liegt vor allem am Filmriss: Ihre größte Sorge gilt ihrem Image. In dieser Hinsicht ist die Geschichte sicher eine Gratwanderung, weil zumindest unterschwellig die fragwürdige Botschaft mitschwingt, alles sei halb so wild: ohne Erinnerung kein Trauma.

Immerhin haben Eipp und Monheim sorgfältig darauf geachtet, dass die Vergewaltigungsszene nicht auch noch voyeuristisch wirkt. Eltern von Jugendlichen werden sich dennoch in allen Vorurteilen bestätigt fühlen und angesichts der eskalierenden Party mit Sex, Drogen und Alkohol zumindest ihre Töchter nun erst recht nur noch mit gemischten Gefühlen aus dem Haus lassen.