TV-Tipp: „Die Affäre Borgward“ in der ARD Ein Autokönig wird gestürzt

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Der ARD-Fernsehfilm „Die Affäre Borgward“ erzählt, wie Anfang der Sechziger eine der großen Firmen der Bundesrepublik von innen und außen zerstört wird.

Carl Borgward (Thomas Thieme) ist mehr Konstrukteur als Wirtschaftsboss. Foto: NDR 5 Bilder
Carl Borgward (Thomas Thieme) ist mehr Konstrukteur als Wirtschaftsboss. Foto: NDR

Bremen - Am Rand der Teststrecke, auf der gleich ein Kleinwagen zwischen Pylonen durchmanövrieren und seinen Bremsweg auf nasser Straße zeigen soll, steht Carl Borgward wie ein Feldherr, der die Truppenaufstellung im Morgengrauen vor der Schlacht inspiziert. Die Zigarre, unverzichtbares Ausstattungsdetail eines Firmenbosses der Wirtschaftswunderzeit, sieht in seiner Hand wie ein Marschallstab aus. Und der blaue Hansa 2400, das Spitzenauto aus seiner Fabrik, steht hinter ihm wie ein edles Schlachtross – oder wie ein ins elegant Zivile vermummter Panzerkampfwagen.

Ds Problem mit Arabella

Diese kleine, im Jahr 1959 spielende Szene ziemlich am Anfang von „Die Affäre Borgward“ erzählt zweierlei. Zunächst einmal, dass der wachsame Blick des Patriarchen nicht genügt, um die Firma vor Krisen zu bewahren. Vor den Augen Borgwards, der doch selbst mehr Konstrukteur als Geschäftsmann ist, wird gerade getrickst. Im Fußraum der Arabella, des neuen Kleinwagens der Firma, der den VW Käfer ausstechen soll, steht schon nach Durchfahren der Sprinklerstrecke das Wasser wie in einem Cabrio mit kaputtem Verdeck.

Auf dem Testprotokoll wird das nicht vermerkt, man hofft vergeblich darauf, das sei eine schlampige Einzelmontage, von der der Chef nichts wissen müsse. Aber bald weiß die ganze Republik, dass die Arabella serienmäßig ein Problem hat. Der Spottname „Aquabella“ kommt in Umlauf.

Barsch und direkt

Das Feldherrenhafte an Borgward erinnert aber auch an dessen Zeit als Wehrwirtschaftsführer und Rüstungslieferant des Dritten Reiches. In jenen Krisentagen, von denen Marcus O. Rosenmüllers Fernsehfilm „Die Affäre Borgward“ in den klaren Bildern des Kameramanns Stefan Spreer erzählt, spielt diese braune Vergangenheit eine unklare Rolle.

Borgwards kleines Reich in Bremen – er führt drei separate Firmen – ist ins Wanken gekommen. Er braucht Unterstützung des von der SPD geführten Senats der Hansestadt, es geht um über 20 000 Arbeitsplätze. Aber Borgward, den Thomas Thieme so großartig verkörpert, dass daneben der echte Borgward aus den eingestreuten Originalaufnahmen wie ein Hochstapler wirkt, ist kein diplomatischer Typ. Er ist barsch, direkt, seiner eigenen Leistungen sehr gewiss und skeptisch gegenüber Politikern.

Pakt mit dem Teufel

Rosenmüller, der auch das Drehbuch geschrieben hat, deutet an, die Halbherzigkeit der Rettungsversuche, die zur vermeidbaren Abwicklung der Firma führte, könnte nicht bloß Ungeschick gewesen sein. Einige alte Sozialdemokraten wollten vielleicht mit Borgward wenigstens einen jener Nazis und Opportunisten stolpern lassen, die nach dem Krieg so schnell wieder auf die Beine gekommen waren.

Wie weit Borgward, mit Herz und Seele Autokonstrukteur, von der braunen Ideologie angetan war, wie skrupellos er nur auf Profite geschaut hatte, wie weit er sich getrieben sah, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen, um seine Firma behalten zu können, das gäbe Stoff für einen weiteren spannenden Film. Rosenmüller hat dafür keine Zeit, scheint sich aber sowieso entschieden zu haben, Borgward als kantige, aber sympathische Figur zu zeigen, als Opfer einer Intrige.

Der Mann von BMW

Denn im Borgward-Konkurs steckt auch ein Wirtschaftskrimi. Nachdem der Stadtstaat Bremen Borgward gezwungen hatte, ihm die Firma ganz zu überschreiben und sich völlig zurückzuziehen, berief er ausgerechnet Johannes Semler als Sanierer – den Aufsichtsratsvorsitzenden des Konkurrenten BMW, der Borgward scheitern sehen wollte.

Was er erzählt, erzählt Rosenmüller imposant, atmosphärisch und nachvollziehbar. Hintergrundinformationen und Einblicke ins Denken der Handelnden liefert er, indem er Interviews der Beteiligten mit dem Fernsehen von einst inszeniert. Dass sein Film vieles nicht aufklären und ausleuchten kann, darf dabei erkennbar bleiben. Seit einigen Jahren führt das Fernsehen Figuren der Wirtschaftswunderzeit gerne staunend vor. Thieme und Rosenmüller aber geben Borgward sogar Züge eines verratenen Shakespeare-Königs.

Ausstrahlung: ARD, 07. Januar 2019, 20.15 Uhr