TV-Tipp „Exit“ Das ewige Leben in der Datenwolke

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Der deutsche SF-Thriller „Exit“ im Ersten erzählt von einer Technologie, die Menschen perfekt simuliert. Die bringt Probleme mit sich.

Der Programmierer Linus (Friedrich Mücke) gerät ganz schön unter Druck. Foto: SWR 17 Bilder
Der Programmierer Linus (Friedrich Mücke) gerät ganz schön unter Druck. Foto: SWR

Stuttgart - Keine Stadtkarte kann Linus bei der Beantwortung der Frage helfen, wo er sich befindet. Er versucht es denn auch mit einem Messer, schneidet sich in die Handfläche und schaut zu, wie sein Blut tropft. Der Programmierer Linus (Friedrich Mücke) schließt daraus, dass er sich in der körperlichen Realität befindet, nicht in einer Simulation.

Man kann Menschen mit vielen Mitteln Scheinwelten vortäuschen. Aber im futuristischen Thriller „Exit“ von Autor Erol Yesilkaya und Regisseur Sebastian Marka ist die Trickserei fast perfekt. Chips unter der Haut zeichnen auf, was ein Mensch den ganzen Tag denkt und redet, erlebt und fühlt. Diese Aufzeichnungen bilden nicht nur ein riesiges Archiv, sie sind, gekoppelt mit Künstlicher Intelligenz und viel Rechenkraft, der Garant für ein Nachleben.

Ein Zwilling aus lauter Daten

Linus und seine Kollegen haben Infinitalk entwickelt, eine virtuelle Realität, in der das digitale Spiegelbild eines Menschen haust. Der Anfang des Films zeigt scheinbar einen Videoanruf. Tatsächlich aber spricht da jemand mit einer Verstorbenen – beziehungsweise mit deren reaktionsfähigem, überzeugendem Zwilling in der Datenwolke.

Nun liegt Linus und seinen Partnern das lukrative Angebot eines Cybergiganten vor, Infinitalk mit dessen Technologien zu verschmelzen. Einige sind begeistert, einige zögern, weil dann die Grenzen zwischen dem echten Leben und einer manipulierbaren Sandkastenwelt von einem Konzern kontrolliert würden. Yesilkaya und Marka sind als Team für einige originelle „Tatorte“ verantwortlich, „Es lebe der Tod“ etwa. Auch in „Exit“ übersetzen sie nach einer Story von Simon Urban Fragen von Identität und Verifizierbarkeit in ein Katz-und-Maus-Spiel.

Endlich Science Fiction

Solche Science-Fiction-Stoffe scheut das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Regel, obwohl es da etwa mit den Filmen und Reihen von Rainer Erler („Das Blaue Palais“) durchaus eine Tradition zu pflegen hätte. Mit der lange hingenommenen Abwanderung jüngerer Zuschauer ging der Verzicht einher, die älteren Stammseher mit vielleicht noch unvertrauten Konzepten zu behelligen. „Exit“ ist der Auftakt der von SWR und NDR verantworteten ARD-Programminitiative „Near Future“, die hoffentlich die Wende markiert. Man macht da ja nicht nur jüngeren Zuschauern ein Angebot. Die anstehenden technologischen Umwälzungen werden auch die Lebenswelt der Älteren erfassen.

Ausstrahlung: Im Ersten, 28. Oktober 2020, 20.15 Uhr. Bereits vorab in der Mediathek. Begleitend zum Film und direkt davor gibt es eine Online-Diskussion mit den Filmemachern und Wissenschaftlern zu Künstlicher Intelligenz und virtuellem Leben, ab 18 Uhr, auf dem Youtube-Kanal des SWR.




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