TV-Tipp: Musikerdoku „Freddie Mercury – The Great Pretender“ Brustwarze an Brustwarze

Von  

Mit einem Dokumentarfilm erinnert Arte an Freddie Mercury, den begnadeten Sänger von Queen. Der gab noch in großen Stadien jedem Fan das Gefühl, er sei ihm intensiv nahe. Wirklich gekannt haben den Star aber nur wenige.

Der legendäre Sänger Freddie Mercury: Millionen Fans hätten gerne mit dieser Katze getauscht Foto: ARTE 18 Bilder
Der legendäre Sänger Freddie Mercury: Millionen Fans hätten gerne mit dieser Katze getauscht Foto: ARTE

Stuttgart - Er trat auf die Bühne eines drangvollen Stadions, griff zum Mikrofon, reckte sich in die erste Pose, schlug den ersten Ton an – und von da an hatte Freddie Mercury, der Sänger der Rockgruppe Queen, die Masse so unter Kontrolle, als sehe er jedem einzelnen im Publikum aus Nulldistanz, Brustwarze an Brustwarze, mit hypnotischem Blick direkt in die Augen. Fans von einst, die Konzerte des 1991 verstorbenen Sängers und Songschreibers noch selbst erlebt haben, schwärmen gern und lange von solchen Erlebnissen, die Seelen seufzen, die Augen glänzen. Erinnerungen an Konzerte von Freddie Mercury bekommen oft einen Unterton von „Der beste Sex meines Lebens“.

In Rhys Thomas’ Dokumentarfilm „Freddie Mercury – The Great Pretender“, den Arte am 3. August um 21.45 Uhr ausstrahlt und bis 2. September 2018 in der Mediathek anbietet, mahnt ein Bewunderer von Mercury früh, wer der Mann hinter den Posen gewesen sei, habe man zu seinen Lebzeiten nicht gewusst und wisse es bis heute nicht.

Die anderen werden Statisten

Diese Rätselhaftigkeit nimmt der Film zwar als Arbeitsgrundlage. Schönerweise aber nicht als Herausforderung: Thomas bemüht sich nicht ehrgeizig, alle Schutzpanzer Mercurys zu knacken und ans Licht zu zerren, was nur auffindbar sein mag, um das dann mit Spekulationen zum Skandalbild aufzuschäumen. Er zeigt vielmehr, wie Mercury sich öffentlich gab, auf der Bühne, im Studio, in Interviews. Und dem stellt er dann die Erinnerungen der Freunde, Weggefährten, Mitmusiker gegenüber.

Sieht man die Bühnenaufnahmen, ob da nun „We are the Champions“, „Another one bites the Dust“, „We will rock you" oder „Somebody to love“ durch die Lautsprecher rauscht, versteht man sofort, warum es Spannungen in der Bandgab. Die hatten nichts mit kleinlichen Eifersüchteleien zu tun. So gut Gitarrist Brian May, Drummer Roger Taylor und Bassist John Deacon waren, Mercury, der Mann mit der enormen Stimme und Präsenz, degradierte sie im Nu zu Statisten.

Liebesgott und Nerd

Dass der bisexuelle Mercury mit der grandios verspielten, ins Opernhafte hinüberkippenden Lust an der Körperlichkeit auch ein wichtiger Agent gesellschaftliche Wandels war, thematisiert der Film nicht. Aber er bringt einen zumindest auf den Gedanken. Mercury hat nie in Coming-out-Geschichten über seine Liebe zu Männern geredet. Aber durch sein Auftreten könnte er so ganz nebenbei bei unzähligen Kids aus der konservativen Provinz die Wertung des Schwulseins verändert haben, von „eklig“ zu „schon auch cool“.

Mercury war eine kuriose Mischung aus Komiker und Emotionsgeysir, Liebesgott und Nerd. Was später ein markantes Markenzeichen war, der starke Überbiss kräftiger Schneidezähne, sieht auf Kinder- und Jugendfotos noch wie der Fluch des ewig Gehänselten aus, ein unfreiwilliges Bugs-Bunny-Grinsen im Gesicht eines eher schüchtern Wirkenden. Wer selbst mal eine Kindheit durchlebt hat, ahnt, dass die von Mercury nicht leicht war.

Nie ein Opfer

Es gibt eine dunkle Figur im Leben von Mercury, Paul Prenter, einen persönlichen Assistenten, der sich vom Laufburschen zum Manager hochdrängte und den Star zur Stärkung des eigenen Einflusses von anderen zu isolieren begann. Nach dem Tod von Mercury verkaufte Prenter dann Intimes aus dessen Leben an die britische Boulevardpresse. „The Great Pretender“ erzählt das mit, macht es aber nicht zum Hauptstrang der Erzählung – auch wenn „destruktive falsche Freunde“ in vielen Rockbiografien ein attraktives Thema ist. Rhys Thomas will Mercury nie als Opfer zeigen, auch nicht in der letzten, von der HIV-Infektion geprägten Lebensphase. Er konzentriert sich auf die Lebensgier, die gerade gegen Ende noch einmal in großer Schaffenskraft im Angesicht des Todes gipfelte.

Einen kleinen Einwand kann man haben. Wer noch nie von Queen oder Freddie Mercury gehört hat, den nimmt dieser 2012 entstandene Film nicht an der Hand, reiht nicht alles chronologisch auf, liefert keine Lexikon-Infos. Er wirft die Zuschauer mitten hinein in den Wirbel von Mercurys Leben. Aber wahrscheinlich ist es ja noch eine Weile hin, bis die Welt nicht mehr weiß, wer Queen und ihr Leadsänger waren. Im Dezember jedenfalls wird auch in den deutschen Kinos der Spielfilm „Bohemian Rhapsody“ starten, der die Geschichte von Queen und Mercury erzählt.

Ausstrahlung: Arte, 3. August, 21.45 Uhr, bis 2. September 2018 in der Mediathek