Stuttgart - Wenn es einen Mann gibt, der in der Region Erfahrung im Kampf gegen den Abstieg aus der Handball-Bundesliga hat, dann ist das Rolf Brack. Als Trainer des TSV Scharnhausen und der SG Stuttgart-Scharnhausen (1984 bis 1996), des VfL Pfullingen (1998 bis 2004) und des HBW Balingen-Weilstetten (2004 bis 2013) gehörte für den 68-Jährigen der Kampf ums sportliche Überleben zum Alltag. „Die Erfolgswahrscheinlichkeit im Tabellenkeller erhöht sich, wenn man Ruhe bewahrt, Vertrauen in die handelnden Personen hat, auf Kontinuität vor allem in der Trainerfrage setzt“, sagt Brack ganz allgemein. In dieser Saison kommen für die zwei Abstiegsplätze aller Voraussicht nach vier Teams infrage.
Erwischt es die Mannschaft von Trainer Roi Sanchez im verflixten siebten Jahr in der Bundesliga am Saisonende? Brack glaubt nicht zuletzt wegen des 27:26-Erfolgs im Schlüsselspiel gegen den Bergischen HC an den Klassenverbleib und traut dem Team auch an diesem Donnerstag (19.05 Uhr/Porsche-Arena) gegen die HSG Wetzlar den nächsten Sieg zu. „Der TVB hat in seinem Kader das größte Nichtabstiegspotenzial aller Kellerkinder“, findet der ehemalige Schweizer Nationaltrainer. Konkret nennt er die hohe Angriffsqualität und die gegen den BHC deutlich stabilere Abwehr. Zudem würde sich von den drei Torhütern zumindest einer immer finden, der die Mindestanforderung von sechs bis acht gehaltenen Bällen pro Spiel erfüllt. „Ich habe auch das Gefühl, Coach Sanchez wird nicht infrage gestellt, er hat seine spanische Philosophie zudem modifiziert. Dies spricht durchaus für den Trainer.“
Prognose: Obwohl der TVB noch bei den direkten Konkurrenten in Balingen und Minden antreten muss, retten sich die Wild Boys und bleiben zumindest auf dem viertletzten Platz.
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TuS N-Lübbecke (20, Spiele, Platz 16, minus 59 Tore, 10:30 Punkte)
Der Aufsteiger hat die direkten Konkurrenten HBW Balingen-Weilstetten (33:27), TVB Stuttgart (27:23/jeweils daheim) und GWD Minden (23:18/auswärts) geschlagen, aber auch das Kunststück fertig gebracht, den deutschen Meister THW Kiel mit 29:25 zu besiegen. Zuletzt gab es allerdings sechs Niederlagen hintereinander. „Der Trend spricht gegen die Lübbecker. Sie tun sich seit geraumer Zeit schwer, mehr als 25 Tore in einem Spiel zu werfen“, sagt Brack. Auch auf der Linkshänderposition im Rückraum hat er im Team von Trainer Emir Kurtagic ein Problem ausgemacht. Einziger Vorteil des TuS: Der Club hat den geringsten Druck der Kellerkinder, denn keiner erwartet zwingend den Klassenverbleib.
Prognose: Bei allen kämpferischen Qualität reicht die individuelle Klasse nicht, um drinzubleiben. Lübbecke steigt ab.
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HBW Balingen-Weilstetten (20 Spiele, Platz 17, minus 88 Tore, 9:31 Tore)
Der aktuelle Tabellenvorletzte sendete schon Ende November ein klares Zeichen und verlängerte in höchster Not den am Saisonende auslaufenden Vertrag mit Trainer Jens Bürkle. „Solch ein Vertrauensbeweis ist nicht selbstverständlich und kann schon einen Schub bringen“, sagt Brack. Im Dezember holten die Gallier von der Alb dann auch Überraschungspunkte gegen die SG Flensburg-Handewitt (23:23) und bei den Füchsen Berlin (26:26). Dennoch gibt es einige Problemzonen. Erwischt Toptorjäger Vladan Lipovina keinen guten Tag, wird es eng. Die im Handball so entscheidende Achse Torwart-Spielmacher-Kreisläufer ist durch den Abgang von Mike Jensen (zum SC Magdeburg) und die Ausfälle der lange Zeit verletzten Lukas Saueressig und Marcel Niemeyer stark geschwächt.
Prognose: Durch das besonnene Umfeld mit Geschäftsführer Wolfgang Strobel und seiner großen Erfahrung im Abstiegskampf wird der HBW drinbleiben. Es wird aber ein enges Rennen mit GWD Minden.
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GWD Minden (22 Spiele, Platz 18, minus 76 Tore, 9:35 Tore)
GWD ging im November einen ungewöhnlichen Weg. Als der Zug ins Verderben zu rasen drohte, musste nicht der Trainer gehen, sondern der Sportliche Leiter Frank von Behren. Ihm wurden die alljährlichen Substanzverluste im Kader – vor dieser Runde waren Juri Knorr, Christoffer Rambo und Kevin Gulliksen gegangen – angelastet. Die ungewöhnliche Reaktion stärkte den erfahrenen und stets positiven Chefcoach Frank Carstens extrem, und das völlig überraschende 31:31-Unentschieden am vergangenen Sonntag in Flensburg zeigte, dass GWD voll im Rennen ist. „Dieser Punktgewinn kann ein Befreiungsschlag sein“, sagt Brack, der vor allem in Torwart Malte Semisch und Rückraumass Mohamed Darmoul die Mindener Trümpfe sieht.
Prognose: Gewinnt GWD das Duell am 10. März in Lübbecke, wird das Team bis zuletzt eine Chance haben, am Ende aber dennoch nicht am HBW und dem TVB vorbeikommen.