Antonio Serradilla vom TVB Stuttgart trägt zum Schutz seines gesunden Auges beim Handball eine Sportbrille. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn
Antonio Serradilla hat mit 26 schon einige Höhen und Tiefen hinter sich. Beim TVB Stuttgart spielt der Abwehrspezialist vor dem Duell bei seinem Ex-Club auch vorne eine wichtige Rolle.
Auch Misha Kaufmann gehört nicht zu den Trainern, die einen einzelnen Spieler unbedingt hervorheben. Nach dem 35:28 gegen den Bergischen HC tat es der Chefcoach des Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart dennoch: „Toni war heute ein sehr belebendes Element – hinten und vorne. Ich glaube der hat eine Duracell-Batterie irgendwo drin. Der läuft und läuft und wird nie müde. Er hat einfach Herz und Charakter.“ Toni – das ist Antonio Serradilla. Und, wie aus den Worten des Trainers unschwer zu deuten ist: Der Neuzugang vom SC Magdeburg hat vor dem Duell bei seinem Ex-Club (Sonntag, 16.30 Uhr/Getec-Arena) voll eingeschlagen.
Antonio Serradilla mit fünf Toren
Dass der 26-Jährige eine Deckung zusammenhalten kann, hat der Spanier schon häufig bewiesen. Die Strategie im Innenblock zu übernehmen, das ist seine Kernkompetenz. Beim TVB bekommt der Rückraumspieler nun aber auch vorne Gelegenheit, sein Können zu zeigen – und diese Chance nutzt er: Gegen den BHC netzte er fünfmal ein, so dass Lenny Rubin, die eigentliche Stammkraft im linken Rückraum, erst sechs Minuten vor Schluss aufs Feld kam.
„Toni auch vorne starke einzubinden, war von Anfang an unser Plan“, sagt Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. Er und sein Scoutingteam wollten Serradilla schon im Dezember 2023 verpflichten, als der noch bei Elverum Handball spielte. Da ihn die Norweger aber nicht freigaben, holte der TVB im Januar 2024 Ante Ivankovic (inzwischen GRK Ohrid/Nordmazedonien). Serradilla, der dann im Sommer 2024 einen Einjahresvertrag beim SC Magdeburg unterschrieb, behielt Schweikardt auf dem Radar.
Die Hartnäckigkeit lohnte sich. Schon gut drei Monate bevor der 1,98-m-Mann mit dem SCM am 15. Juni 2025 die Champions League gewann, machte der TVB mit ihm alles klar. Zum Glück, denn gerade in der entscheidenden Phase der Königsklasse zeigte Serradilla auf Weltklasseniveau sein Können. Nach dem Triumph wäre er für den TVB nicht mehr zu haben gewesen.
Champions-League-Titel größter Erfolg
Bester Beweis: Es gab Versuche des SCM, ihn doch noch umzustimmen. Für Serradilla emotional keine leichte Situation, denn die Krönung von Köln bedeutete nicht nur seinen größten persönlichen Erfolg, sondern seinen ersten Titel überhaupt. Doch der TVB stellte unmissverständlich klar, dass eine Kehrtwende nicht in Frage kommt.
Bereut hat es der Spanier nicht: „Ich fühle mich hier von Anfang an sehr wohl – sowohl in der Mannschaft als auch in der Stadt. Sportlich bin ich zufrieden mit meinen Leistungen, und ich merke, dass ich von Spiel zu Spiel besser in Fahrt komme.“
Mit seinen 26 Jahren hat er bereits einige Höhen und Tiefen hinter sich. Vor gut vier Jahren hätte seine Handball-Karriere beinahe ein abruptes Ende gefunden. Im April 2021 war ihm ein Tumor in seinem rechten Auge diagnostiziert worden. Beim ersten Gespräch machte ihm der Arzt klar, dass dies das Ende seiner Handball-Laufbahn bedeuten könne. „Das war die härteste Nachricht, die ich je bekommen habe“, sagt Serradilla im Rückblick.
Antonio Serradilla feiert Champions-League-Erfolg in Magdeburg. Foto: IMAGO/Jan Huebner
Danach galt es eine Entscheidung zu treffen: Entweder das kranke Auge operativ entfernen lassen oder Chemotherapie. Der damals 22-Jährige entschied sich für den operativen Eingriff. Der Nerv wurde durchtrennt und das schlechte Auge entfernt. „Es war eine schwere Entscheidung, aber ich denke, es war die absolut richtige“, so Serradilla, der einräumt: „Natürlich hat mich das als Mensch verändert. Jetzt achte ich sehr auf diese kleinen Details – vor allem, wenn es die Gesundheit betrifft.“
Comeback nach Entfernung des Auges
Nach einer fünfmonatigen Pause gab er im September 2021 sein Comeback in der spanischen Liga Asobal für BM Logrono La Rioja. Wie er mit eine Auge in Bezug auf räumliche Tiefe und Entfernungsabschätzung klar kommt? „Ich habe schon sehr früh gelernt, damit umzugehen. Durch viele Trainingseinheiten und Wiederholungen habe ich mir ein gutes Gefühl für Abstände und Timing erarbeitet. Heute merke ich es kaum noch – es ist einfach ein Teil von mir geworden“, erklärt Serradilla.
Weder im Alltag noch auf dem Spielfeld fühle er sich eingeschränkt, sagt aber: „Klar gibt es ab und zu Situationen, in denen es etwas schwieriger ist, aber ich habe gelernt, das auszugleichen. Ich konzentriere mich darauf, was ich beeinflussen kann, und lasse mich davon nicht bremsen.“
Seit seiner Operation trägt der Rechtshänder (14 A-Länderspiele) beim Handball eine Sportbrille. Sie schützt sein gutes Auge. Sie hilft ihm, entspannter zu sein, da er auf dem guten Auge keine Verletzungen riskieren kann.
Brille rutscht aus dem Gesicht
Bei den ersten Spielen im TVB-Dress rutschte ihm die Brille auffallend häufig aus dem Gesicht. „Manchmal ist es nervig, und ich denke schon darüber nach, mir ein anderes Modell zu besorgen, damit es nicht mehr so häufig vorkommt. Aber es passiert eben vor allem dann, wenn es heiß ist und ich viel schwitze.“
Bei seinen Dauereinsätzen in Abwehr und Angriff vergießt er eben noch mehr Schweiß als bisher.