TVB Stuttgart Patrick Zieker und der TVB – „der Sprung nach vorne muss kommen“

Am letzten Spieltag war die Erleichterung groß bei Patrick Zieker (Nr. 25/mit Lenny Rubin), davor die Verzweiflung auch mal groß. Foto: Pressefoto Baumann

Wenige Tage nach dem dramatischen Saisonfinale der Handball-Bundesliga blickt Patrick Zieker zurück – und voraus. Der Kapitän des TVB Stuttgart weiß: Es muss Vieles besser werden.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Denkbar knapp hat der TVB Stuttgart den Klassenverbleib in der Handball-Bundesliga sichergestellt. Wie bewertet der Kapitän des Teams mit rund einer Woche Abstand die abgelaufene Saison? Und: Wie sieht er nun die Perspektive? „Wir werden“, sagt Patrick Zieker kämpferisch, „wieder angreifen.“

 

Herr Zieker, das Saisonfinale hätte nervenaufreibender kaum sein können. Danach ist das Team gemeinsam nach Barcelona gereist. Wie war die Stimmung?

Im ersten Moment, aber auch noch lange danach war da nur pure Erleichterung zu spüren. Von jedem einzelnen Spieler ist extrem viel abgefallen, man hat gespürt: Wir waren wie blutleer, erst mal ohne jede Energie. Die vergangenen Wochen haben einfach enorm viel Kraft gekostet.

Das klingt nicht nach einem entspannten und gelösten Abschlussausflug.

Naja, mit ein wenig Abstand ist dann schon auch ein Glücksgefühl und etwas Zufriedenheit dazugekommen. Immerhin haben wir es ja geschafft, am Ende dem Druck standzuhalten und den Abstieg zu verhindern.

Das Saisonziel war eigentlich ambitionierter.

Ganz klar – und das haben wir nicht erreicht. Deshalb können und dürfen wir insgesamt auch nicht zufrieden sein mit der Saison. Andererseits war es am Ende aufgrund der Situation eben doch das große Ziel, den Klassenverbleib zu schaffen.

Wofür im letzten Saisonspiel ein Sieg nötig war.

Richtig. Es gab davor einige Partien, mit denen wir uns aus dem Kampf gegen den Abstieg hätten verabschieden können. Das haben wir nicht geschafft, also stand uns das Wasser bis zum Hals. Die Partie gegen den SC DHfK Leipzig war ein Alles-oder-Nichts-Spiel, das war die maximale Prüfung.

Zumal Sie auch da erst lange zurücklagen, dann in Führung gingen, kurz vor dem Ende aber wieder hinten lagen...

...was uns mental auch vollends hätte brechen können. Aber wir haben diesem Druck dann doch Stand gehalten, weshalb ich bei all der berechtigten Kritik auch sage: Hut ab vor der mentalen Leistung der Mannschaft in dieser Situation. Wenn man das so meistert, darf man hinterher auch ein bisschen zufrieden mit sich sein – auch, wenn wir uns gewünscht hätten, gar nicht erst in eine solche Lage zu kommen. Alles in allem sind wir mit einem deutlich blauen Auge davongekommen.

Gedanken an den Abstieg

Ihr Trainer und Geschäftsführer Jürgen Schweikardt hat berichtet, er sei in der Nacht vor dem Saisonfinale immer wieder aufgewacht und an die Frage gedacht: Was, wenn wir wirklich absteigen? Ging Ihnen das genauso?

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass mich dieser Gedanke gar nicht beschäftigt hätte.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Mir persönlich hat die Klarheit in Bezug auf meine Zukunft geholfen. Ich habe beim TVB einen Liga-unabhängigen Vertrag unterschrieben. Es war also klar: Gehen wir runter, helfe ich mit, wieder aufzustehen. So konnte ich im Kopf recht klar bleiben. Aber: Bei all unseren Spielern gab es diesbezüglich ganz unterschiedliche Konstellationen – auch das hat es mental eben so schwer gemacht.

Wieso ist der TVB denn überhaupt in diese vertrackte Situation gekommen?

Es gibt nicht den einen und einzigen Grund, es sind viele Faktoren zusammen gekommen. Da war der schlechte Saisonstart, aber auch die Tatsache, dass wir erneut einen großen Umbruch im Kader hatten. Erfahrene Spieler hatten uns verlassen, stattdessen kamen teils Spieler, für die die deutsche Bundesliga Neuland war. Die aber – auch wegen Verletzungen – gleich in Rollen gesteckt wurden, in denen sie sofort funktionieren mussten. So haben wir früh wichtige Spiele verloren, dann war der Kopf irgendwann voll mit negativen Gedanken, es wurde unruhig im Club, es kam zum Trainerwechsel, wir kamen ran, haben dann aber wieder Big-Point-Spiele verloren. Einfach befreit Handball spielen – davon waren wir irgendwann sehr weit entfernt.

Der Verein nimmt sich seit Jahren vor, den Schritt ins gesicherte Mittelfeld der Bundesliga zu schaffen, spielt dann aber meist doch wieder gegen den Abstieg. Wie kann man das ändern?

Zunächst einmal: Dieser Sprung nach vorne, den Sie ansprechen, der muss kommen. Da brauchen wir gar nicht drumherumreden. Der Club will und muss dorthin, weshalb es völlig legitim ist, dieses Ziel auszugeben.

Aber?

Mittlerweile ist es eine ganze Reihe von Vereinen, die genau das anstreben. Vor einigen Jahren hätte mal als Tabellen-14. noch sagen können: Wenn wir jetzt ein bisschen professionellere Strukturen schaffen oder etwas mehr Geld in die Hand nehmen, sind wir künftig auf Platz neun. Mittlerweile haben den Anspruch auf diese Tabellenregion zwischen Platz zehn und zwölf aber nicht mehr nur drei oder vier Clubs, sondern eben sieben oder acht.

Wo gehört der TVB am Standort Stuttgart langfristig hin?

Der Club ist an sich richtig gut aufgestellt, da muss man die Verantwortlichen auch mal loben. Was geleistet wurde und wird, um die Wirtschaftlichkeit des Clubs sicherzustellen, ist top – gerade, wenn man bedenkt, dass es durch die Corona-Pandemie oder die Insolvenz eines Hauptsponsors zuletzt kritische Situationen gab. Das gibt dir als Sporter viel Sicherheit – bekräftigt aber natürlich auch höhere Ziele. Stuttgart ist ein sehr guter Standort, der Club steht wirtschaftlich solide da, wir haben ein tolles Einzugsgebiet und eine super Halle. Auf den zehnten Rang zu schielen, ist daher absolut richtig.

Neuzugänge, die die Bundesliga kennen

Was ist sportlich der Schlüssel?

Man braucht Kontinuität im Kader, auf der Trainerposition und eigentlich im ganzen Verein, um fokussiert an diesem Ziel zu arbeiten. Das ist zwar auch nicht immer planbar, aber der TVB strebt das an, wir befinden uns in einem Prozess.

Der demnächst mit dem neuen Trainer Misha Kaufmann und erneut mit einigen neuen Spielern fortgesetzt wird. Wie blicken auf die neue Runde?

Ehrlich gesagt, bin ich erst einmal froh, dass Handball in den nächsten Tagen mal keine Rolle spielen wird. Wie gesagt, es war kräftezehrend zuletzt, ich bin anders ausgelaugt aus dieser Saison gegangen als aus den vorherigen.

Wagen Sie dennoch einen kleinen Ausblick?

Durch den neuen Trainer und die neuen Spieler wird es sicher wieder ein bisschen Zeit brauchen, bis sich das alles gefestigt hat. Aber uns ist es diesmal gelungen, Spieler zu verpflichten, die die Bundesliga bereits kennen und die der deutschen Sprache mächtig sind. Das wird die Eingewöhnungszeit verringern. Ich kann versprechen: Wir werden wieder angreifen. Ich bin aber auch froh, dass es noch eine Weile hin ist.

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