Typisierungsaktion in Stuttgart Nur ein Fremder kann Larissa retten

Von Caroline Holowiecki 

Ein achtjähriges Mädchen aus Vaihingen ist an MDS erkrankt, benötigt dringend eine Stammzellenspende. Am 4. März wird bei einer großen Typisierungsaktion auf der Waldau ein Spender gesucht.

Suche nach dem genetischen Zwilling: Die Eltern Silke und Steffen Müller hoffen, dass  eine Stammzellenspende ihre Tochter Larissa (8) genesen lässt. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Suche nach dem genetischen Zwilling: Die Eltern Silke und Steffen Müller hoffen, dass eine Stammzellenspende ihre Tochter Larissa (8) genesen lässt. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Das Reihenhaus in Vaihingen ist voller Leben. Gleich hinter der Haustür, neben einem Katzenfutterschälchen und bunten Kinderschuhen, steht ein Puppenwagen-Fuhrpark. Drei Mädchen flitzen durchs Haus, irgendwo dudelt Musik. Ein normaler Familienmorgen in den Ferien. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass etwas anders ist.

Silke Müller (38) trägt einen Mundschutz, Einweghandschuhe hat sie bis über die Armbanduhr gezogen. Sie hat sich einen grippalen Infekt eingefangen. Eigentlich nichts Außergewöhnliches im Winter. In der Familie Müller aber hat ein Schnupfen eine andere Bedeutung. Die acht Jahre alte Larissa darf sich nicht anstecken. Das Mädchen hat ein schwaches Immunsystem, jeder Infekt kann gefährlich sein. Larissa ist krank.

Larissa braucht Transfusionen

Vor wenigen Wochen wurde bei der Drittklässlerin MDS diagnostiziert, kurz für myelodysplastisches Syndrom, eine Erkrankung des Knochenmarks. Die Produktion sämtlicher Blutbestandteile ist gestört. Zweimal die Woche bekommt Larissa Transfusionen. Etwa drei Stunden dauert es, bis ihr rote Blutkörperchen und Blutplättchen verabreicht wurden. „Sie ist extrem tapfer und erträgt das gut“, sagt ihr Papa Steffen Müller (40). Seine Frau stellt klar: „Larissa lebt aktuell nur, weil sie die Transfusionen bekommt.“ Ein Satz wie ein Schlag in den Magen. Silke Müller spricht ruhig, wie es aber hinter ihrer Atemmaske aussieht, kann man nur erahnen.

Der Januar sei besonders schlimm gewesen. Ein Monat der Ungewissheit. Alles hatte harmlos angefangen. Larissa war schlapp, blass, bekam blaue Flecken. „Die kriegt jedes Kind. Aber diese waren größer, stärker, beulenartig“, erinnert sich die Mama. Hinzu kamen klitzekleine Einblutungen am Körper. Der Kinderarzt schickte die Müllers ins Krankenhaus. Ein großes Blutbild offenbarte, dass mit dem Mädchen, das so gern Inliner fährt und „An Angel“ von der Kelly Family hört, etwas nicht stimmt. Seit kurzem erst haben die Müllers die Diagnose MDS. Eine Krankheit, von der sie nie etwas gehört hatten. Deren Ursache unbekannt sei. Die etwa 30 Kinder pro Jahr in Deutschland bekommen. „Man kann die Fairness anzweifeln“, sagt Silke Müller. Sie ist erschöpft. Von der Erkältung oder von der Situation oder von beidem. Denn sie und ihr Mann Steffen sind zur Untätigkeit verdammt. „Es ist nicht Krebs. Es ist nichts, wogegen man kämpfen kann. Und wir als Eltern können nichts machen“, sagt sie.

Keiner in der Familie ist ein geeigneter Spender

Larissa braucht eine Stammzellentransplantation. Keiner in der Familie ist ein geeigneter Spender. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) sucht in ihrer Kartei nach Larissas genetischem Zwilling. Die Nadel im Heuhaufen. „Wir sind auf Fremde angewiesen, die das Leben unserer Tochter retten“, sagt Silke Müller.

Bei Facebook haben die Müllers einen Aufruf gestartet. Eigentlich ist es ihnen zuwider, ihr Kind online zu zeigen. Jetzt muss es sein. Ein Team aus Freunden unterstützt sie. 15 000 Flyer sind gedruckt, auch Plakate. Steffen Müller ist Fansprecher bei den Stuttgarter Kickers. Für eine Typisierungsaktion bekommt er das Gazi-Stadion zu Verfügung gestellt. Die Kultusministerin Susanne Eisenmann und Fußball-Star Jürgen Klinsmann sind Schirmherren. Die Kampagne #saveLarissa rollt.

Aktuell wirkt Larissa stabil. Die Therapie verträgt sie, aber sie muss Einschränkungen hinnehmen. Viele Hobbys sind tabu, auch die Schule. Dass sie das richtig doof findet, signalisiert sie mit einem Schmollen und einem heftigen Nicken, sodass ihre blauen Delfinohrringe nur so baumeln. Eine Lehrerin kommt zweimal die Woche, um mit Larissa den Stoff aufzuarbeiten, und auch die Freundinnen dürfen vorbeischauen, sofern sie komplett gesund sind. Normalität, Rituale, Alltag. Das alles hat aktuell im Vaihinger Reihenhaus eine hohe Priorität. Silke Müller: „Larissa ist ein ganz normales Kind. Nur, dass sie die Anzahl ihrer Thrombozyten kennt.“