Typisierungsaktion in Weil der Stadt Mit ein bisschen Spucke ein Leben retten

Von Emilia Zaiser 

115 Menschen wollen einem Zweijährigen aus Merklingen helfen. Er hat Blutkrebs.

Der Bürgermeister Thilo Schreiber lässt sich typisieren und will damit weitere Bürger motivieren. Foto: factum/
Der Bürgermeister Thilo Schreiber lässt sich typisieren und will damit weitere Bürger motivieren. Foto: factum/

Weil der Stadt - Jetzt ist Thilo Schreiber, der Bürgermeister, an der Reihe. „Bitte den Mund aufmachen und dann eine Minute kreisen lassen“, fordert ihn eine Helferin auf und gibt ihm ein kleines, weißes Wattestäbchen.

Schreiber ist, wie viele andere auch, nach Merklingen ins evangelische Remigiushaus gekommen, um an einer Typisierungsaktion der „Deutschen Knochenmarkspenderdatei“ (DKMS) teilzunehmen. 115 Menschen werden es am Ende des Tages sein. Der Anlass dafür ist traurig: Ein zweijähriger Junge aus Merklingen ist an Blutkrebs erkrankt. Die einzige Chance auf Heilung gibt es, wenn man einen Stammzellen-Zwilling findet. Und um das festzustellen, bedarf es etwas Speichel auf dem Wattestäbchen, das dann ins Labor geschickt wird.

Evelyn Krainski macht alle mobil

Die wahre Heldin hinter den Kulissen ist Evelyn Krainski. Die Merklingerin hat gemeinsam mit der Krabbelgruppe ihres Kindes die Registrierungsaktion organisiert und dafür geworben. Ihre Freunde, Verwandte und Nachbarn helfen ehrenamtlich mit und die evangelische Kirchengemeinde hat dafür das Remigiushaus zur Verfügung gestellt. Außerdem sind sechs Arzthelferinnen aus der Praxis von Wolfgang Herrmann ehrenamtlich hier, um bei der Registrierung zu unterstützen. Die Helfer müssen die Spender ausführlich über mögliche Risiken aufklären, die Daten aufnehmen und das Typisieren anleiten.

Spenden darf jeder, der zwischen 17 und 55 Jahren alt und bei guter Gesundheit ist. Außerdem sollte man mehr als 50 Kilo wiegen und kein starkes Übergewicht haben. Insgesamt gibt es drei Wattestäbchen, die der Spender je eine Minute im Mund kreisen lassen muss. Danach wird ein Fragebogen mit wichtigen Daten ausgefüllt und diese dann mitsamt der Einverständniserklärung und den Wattestäbchen abgegeben. Circa drei Monate später erhält man dann den Spenderausweis der DKMS.

Auch ist es wichtig, die Leute über die tatsächliche Stammzellenspende aufzuklären, sagt Nicole Jost. „Viele haben Angst vor der Knochenmarkspende und sind deshalb abgeschreckt“, sagt die Arzthelferin. „Tatsächlich ist es aber so, dass heutzutage 80 Prozent der Spenden ähnlich wie eine Blutentnahme ablaufen und dazu kein operativer Eingriff nötig ist.“

Thilo Schreiber kommt auch vorbei

Das ehrenamtliche Engagement der Bürger gilt es zu unterstützen. Das ist auch für Bürgermeister Thilo Schreiber selbstverständlich. Die Stadt hat die Registrierungsaktion aktiv beworben und der Bürgermeister selbst geht als gutes Beispiel voran und lässt sich ebenfalls typisieren. Damit will er weitere Bürger motivieren und ihnen Mut machen, sich zu registrieren und möglicherweise einem Menschen zu helfen. „Ich finde es besonders spannend, dass mit der heutigen Aktion einem kranken Menschen auf der Welt geholfen werden und ein Leben gerettet werden könnte“, sagt Schreiber. „Allein dann hat es sich schon gelohnt.“

In Deutschland sind mehr als sechs Millionen Menschen bei der DKMS registriert, weltweit sind es in der allgemeinen Datenbank insgesamt 34 Millionen Spender. Wenn bei einem Patienten Blutkrebs festgestellt wird, wird zuerst in der Familie getestet, ob deren Stammzellen kompatibel mit denen des Erkrankten sind, da es häufig Ähnlichkeiten mit Verwandten gibt. Wenn das allerdings nicht der Fall ist, wird auf die weltweite Datenbank zurück- gegriffen und schnellstmöglich ein Spender gesucht. Täglich gibt es etwa 20 Transplantationen, jedoch ist es nicht immer gewährleistet, dass die Stammzellen am Ende tatsächlich beim Patienten anschlagen und zur Genesung führen.

Viele warten auf einen Spender

Für jeden zehnten Erkrankten findet sich in der Datenbank aber kein Spender. Dieses Schicksal trifft auch für den kleinen Merklinger Patienten zu. Zur Typisierungsaktion gekommen ist der Onkel des Jungen, der seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will. „Für mich ist es überwältigend, dass so viele Menschen, die keinen Bezug zum Patienten haben, trotzdem helfen möchten“, sagt er. Gelohnt hätte es sich schon, wenn nur eine Person gekommen wäre. „Das wäre eine Person zusätzlich, die jemandem helfen kann. Jede Spende könnte letztendlich die Spende sein, die eine Familie glücklich machen kann“, sagt der Onkel.

Jede Registrierung kostet die DKMS 35 Euro, die sich daher über Geldspenden freut. Die Stadt Weil der Stadt spendet ebenfalls einen Geldbetrag an die DKMS.