Dass Revierdenken im Fußball nichts Neues ist, zeigt etwa das Beispiel der Stadt Glasgow, die mit rund 600 000 Einwohnern in etwa die Größe Stuttgarts hat, aber über drei Stadien von Weltruf verfügt. So spielen im Ibrox-Park die protestantischen Rangers, während die Katholiken im Celtic-Park ihre Heimat haben – und man im Hampden-Park bei Länderspielen der schottischen Nationalelf gemeinsame Sache macht.
Auch in Stuttgart gibt es in Sachen Fußball noch immer die Rivalität zwischen dem großen VfB, der mal der Club der Arbeiter war – und den Kickers („Ein echter Blauer geht nicht über den Neckar!“) aus dem feineren Stadtteil Degerloch. Als Regional- und damit Viertligist agieren die Blauen sportlich längst nicht mehr auf Augenhöhe mit den Roten – und so müssen sie sich hin und wieder das städtische Gazi-Stadion auf der Waldau neben den Footballern der Stuttgart Surge auch mit den Jugendteams des VfB teilen. Die zweite Mannschaft der Cannstatter ist ja für ihre Heimspiele in der dritten Liga in die Arena in Großaspach ausgewichen.
An diesem Mittwoch (16 Uhr) allerdings macht der VfB im Revier der Kickers die Hütte richtig voll, wenn seine U 19 im Viertelfinale der Youth League das Nachwuchsteam des ruhmreichen FC Barcelona empfängt. Der Sieger der Partie erreicht das Semifinale, das in Form eines Final-Four-Turniers Ende April am Sitz der Uefa im Schweizer Nyon am Genfer See ausgespielt wird.
Doch zunächst wird in Stuttgart-Degerloch einer der Halbfinalisten ermittelt. Dabei hat die Partie gegen die Katalanen rund um die U 19 von Trainer Nico Willig eine im Vorfeld zuvor nie dagewesene Euphorie ausgelöst. Denn die Youth League kommt beim Publikum an: Also waren die 9500 angebotenen Karten für den U-19-Auftritt im Gazi-Stadion bereits zwei Wochen vor dem Anpfiff verkauft. Doch 2000 Plätze werden in dieser Partie dennoch frei bleiben – aus gutem Grund: Schließlich hat sich mit dem erstmals ausverkauften Youth-League-Auftritt des VfB-Nachwuchses im Revier der Kickers ein Problem ergeben, welches sich in den Spielen zuvor noch elegant hatte umschiffen lassen: der B-Block des Stadions.
Kickers-Fans und Besucher der Heimspiele der Blauen wissen es längst: Der B-Block des Gazi-Stadions ist für die Kickers das, was die Cannstatter Kurve für die VfB-Fangemeinde ist: die Heimat der ganz eingefleischten Fans, der Ultra-Szene – eben ein Heiligtum, das es nach Auffassung beider Vereine für ihre jeweilige Anhängerschaft zu schützen gilt. Revierdenken eben. Ein VfB-Fan im B-Bock, wenn auch nur anlässlich der Uefa Youth League – das wäre zu viel für die blaue Seele. Selbst die Überlegung, gegen Barça hier einen Kinderblock einzurichten, wurde wieder verworfen. Zu groß war die Befürchtung, einige Anhänger der Roten könnten im Herzen des Kickers-Reviers dennoch Schabernack treiben.
Und so wird am Mittwoch gegen den FC Barcelona zwar der sonst als Puffer für die Gästefans dienende D-Block gefüllt sein – die volle Kapazität des Gazi-Stadions mit 11 500 Besuchern aber dennoch nicht erreicht werden. Schließlich fand die Idee, den B-Block leer zu lassen, unisono die Zustimmung der Kickers, des VfB sowie der Polizei, die sich keinen unnötigen Unruheherd schaffen will.
Obendrein hat diese Form der Zusammenarbeit zwischen Stuttgarts größten Fußballclubs bereits Tradition: So waren die Kickers am 16. August 2014 für ihr Erstrunden-Heimspiel im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund aus Kapazitätsgründen in die MHP-Arena ausgewichen, die damals noch Mercedes-Benz-Arena hieß. Im ansonsten mit 39 000 Besuchern ausverkauften Rund blieb damals die Cannstatter Kurve komplett frei. Der Anblick der leeren Ränge verwunderte seiner Zeit keinen Geringeren als den in Stuttgart geborenen Jürgen Klopp. Nachdem er über die Revierkämpfe zwischen den Kickers und dem VfB ins Bild gesetzt war, leuchtete auch dem damaligen BVB-Trainer, dessen Team die Blauen mit 4:1 besiegte, die Lösung mit der leeren Kurve ein.