U-Boot-Mord in Dänemark Peter Madsen: ein Mann ohne Stoppknopf

Von André Anwar 

Dänemarks prominenter Erfinder Peter Madsen galt als hyperaktiv, streitlustig und genial. Nun steht er unter dem Verdacht, die Journalistin Kim Wall in seinem U-Boot ermordet zu haben. Wer ist der Mann, den viele frühere Mitarbeiter hassen?

Peter Madsen (rechts) am 11. August im Gespräch mit einem Polizisten nach seiner Rettung aus dem gesunkenen U-Boot. Foto: dpa 10 Bilder
Peter Madsen (rechts) am 11. August im Gespräch mit einem Polizisten nach seiner Rettung aus dem gesunkenen U-Boot. Foto: dpa

Kopenhagen - Der dänische Tüftler Peter Madsen ist eine schillernde Person. Um das Wesen des jungenhaften 46-jährigen U-Boot- und Raketenbauers ranken sich unzählige Geschichten. Wer ist der Mann wirklich, der beschuldigt wird, die schwedische Journalistin Kim Wall (30) in seinem U-Boot südlich von Kopenhagen ermordet, zerstückelt und mit Metallgewichten im Meer versenkt zu haben? Er selbst gab lediglich zu, sie nach einem angeblichen Unglück an Bord „im Meer bestattet“ zu haben.

Stets galt der Erfinder mit abgebrochenem Ingenieursstudium den Dänen als verrückter, aber sympathischer Daniel Düsentrieb. Den lud man gern zu Talkshows und gut bezahlten Vorträgen ein. Journalisten liebten es, ganze Seiten über ihn zu füllen, seine Biografie gibt es schon seit längerem.

Madsen war als Teenager ein Eigenbrötler und Nerd, der wenig Freunde hatte

Madsen wuchs als Sohn eines Zimmermanns aus Seeland in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Die Mutter verließ den Vater mit den älteren Brüdern. Madsen blieb zurück. Als er Teenager war, war sein strenger und gefühlskalter Vater schon über 70. Er löste aber mit seinem Interesse für Handwerkliches, Schiffe und Kriegsflugzeuge Madsens brennende Liebe für alles Technische und Wissenschaftliche aus. Madsen brachte sich das meiste selbst in endlosen Büchereisitzungen bei. Technisches Wissen war der einzige Weg, mit dem Vater in Verbindung zu treten und vermutlich auch eine Fluchtmöglichkeit aus seinem bedrückenden Alltag. „Die beiden redeten ausschließlich über Wissenschaft, nicht über Gefühle“, sagt Madsens Bruder Benny Langkjaer Egesö.

Madsen war ein Eigenbrötler und Nerd, der in der Schule wenig Freunde hatte. Das zog sich offenbar ins Erwachsenenalter fort. „Du kannst mit ihm kein normales Gespräch führen, wenn du ihm aber eine schwarze Tafel zum Zeichnen in die Hand drückst, kann er sich über Zeichnungen ausdrücken“, sagte sein Bruder Benny der Zeitung „Expressen“. Andere beschrieben ihn als erwachsenes „ADHS-Kind auf Speed“. Er sei ständig „bis zum Platzen voll von rastloser Energie“, „ein Mann ohne Stoppknopf“. Für den kinderlosen Madsen sind laut seinem Biografen Thomas Djursing die Projekte, die U-Boote und Raketen, wie Kinder. Dennoch zeige er auch viel Mitgefühl für andere, sagte der Bruder.

Seine Leidenschaft für Technik hat Madsen weit gebracht

Auch soll Madsen durchaus den Frauen zugetan sein. „Er hat Frauen sehr gern und hat Umgang mit vielen. Aber er hat eine Frau, mit der er seit vielen Jahren verheiratet ist und mit der er zusammenlebt. Ich weiß, dass sie einander lieben, obwohl sie in einer offenen Beziehung leben“, sagt Biograf Djursing.

Seine Leidenschaft für Technik hat Madsen weit gebracht, auch materiell. Jahrelang soll er unter Werkbänken genächtigt und aus Einkaufstüten gelebt haben. Seinen Durchbruch hatte er 2008, als er mit der UC3 Nautilus sein drittes U-Boot vom Stapel ließ.

„Peter ist manchmal mit dem U-Boot runter auf den Grund, um dort über Nacht zu schlafen und sein Gehirn auszulüften“, erzählt der Bruder. Die äußerst komplizierte, vom Militär abgeschaute Konstruktion gilt als das größte privat zusammengebaute U-Boot der Welt. Doch Madsen reichte das nicht. Er wollte unter dem Motto „Amateurs in Space“ hundert Kilometer hoch ins Weltall und begann noch im gleichen Jahr mit seinen Raketenplänen, die ihm in Dänemark den liebevollen Spitznamen „Raketen-Madsen“ eingebracht haben.

2010 gelang es ihm, mit anderen Enthusiasten eine Rakete 8,5 Kilometer in die Höhe zu schießen. Das U-Boot, das Madsen nach dem Tod von Wall wohl absichtlich versenkte, sollte eigentlich die Rakete, mit der er ins All wollte, zum Abschussort bringen.

Viele frühere Bekannte und Mitarbeiter hassen Madsen heute

Gerade auch wegen Madsens ehrgeizigen Plänen, die ihm soviel bedeuteten, erstaunt es viele, dass er nun vermutlich Kim Wall ermordet und zerstückelt hat. „Er hatte stets enormen Respekt vor der Küstenwache, dem Militär und überhaupt allen Behörden, mit denen er ja zusammenarbeitet. Er ist mit seinen Raketenabschussplänen zutiefst abhängig von deren gutem Willen“, sagt Djursing und betont: „Er ist nicht gewalttätig, trinkt nicht und nimmt keine Drogen. Er ist ein Mann mit gesunden Werten“, sagt der Biograf. Allerdings streite der Tüftler auch „mit Gott und jedermann“. So zerstritt Madsen sich sowohl mit den Leuten, die an seinen U-Boot-Bauten beteiligt waren, als auch mit denen, die mit ihm im Raketenprojekt „Copenhagen Suborbitals“ werkelten.

„Als ich die Biografie schrieb, wollten sich viele seiner früheren Bekannten überhaupt nicht über ihn äußern. Viele hassten ihn und wollten nichts mit ihm zu tun haben. Viele fühlten ganz klar, dass ihr Leben dadurch ruiniert wurde, dass er so viel mit ihnen zu tun hatte“, sagt Djursing.

Gleichzeitig hätte es immer wieder neue Leute geben, die sich stark von Madsens Charisma und seinen „Träumen von größeren Dingen“, wie den Reisen tief im Meer und oben im Weltall angezogen fühlten, sagt der Biograf, der glaubte, Madsen zu kennen. Die Enthüllungen um den Tod von Kim Wall erfüllen ihn mit Erschrecken und Abscheu.