U-Boot Patenschaft Esslingens Die letzte Fahrt der U-577

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Die Stadt Esslingen hat 1941 die Patenschaft für ein U-Boot der deutschen Kriegsmarine übernommen. Für die Besatzung, die begierig darauf war, in den Kampf zu ziehen, gab es Urkunden, Kessler-Sekt, Taschengeld und Bilder.

Ein U-Boot vom Typ VII auf der Überwasserfahrt: Dieser U-Boot-Typ war der meistgebaute des Zweiten Weltkrieges. Foto: privat
Ein U-Boot vom Typ VII auf der Überwasserfahrt: Dieser U-Boot-Typ war der meistgebaute des Zweiten Weltkrieges. Foto: privat

Esslingen - Wir verpflichten uns feierlich, alles einzusetzen im Kampfe (. . .) gegen das perfide Albion und seine Verbündeten, sie anzugreifen auf und unter dem Wasser, zu vernichten, was unseren Feinden gehört“, so steht es auf der Patenschaftsurkunde der Stadt Esslingen für das U-Boot 577.

Im Januar 1941 gab es wenige in Deutschland, die nicht an den Endsieg geglaubt hätten. Der einzige Gegner Hitlers war England, der Krieg in Russland lag noch in der Ferne. Die Naziherrschaft über Europa schien unerschütterlich. Die U-Boot-Waffe sollte England von seinen Einfuhren abschneiden. Hungersnöte und Materialmangel sollten den Gegner in die Knie zwingen. Das war der Plan Hitlers – ein Plan, der schon im Ersten Weltkrieg nicht funktioniert hatte.

In Esslingen wurden die Ingenieure ausgebildet

Die U-577 war vom Typ VII c, das meistgebaute U-Boot im Zweiten Weltkrieg. Sie hatte eine dünne Hülle ohne Panzerung, die Treibstoffbunker lagen außen, was das Boot sehr verletzlich machte. „Es waren viele Schwaben unter den U-Boot-Besatzungen“, berichtet der Chef des Esslinger Stadtarchivs, Joachim Halbekann. Der Grund war simpel: Jedes Schiff brauchte einen Bordingenieur. Und in Esslingen wurden Ingenieure ausgebildet.

Die U-577 lief im Mai 1941 in Hamburg vom Stapel. Albrecht Mauz aus Oberesslingen sollte der leitende Ingenieur an Bord der U-577 werden. Kommandant war Herbert Schauenburg, ein Schwiegersohn des Konteradmirals Walter Berendt. Der damals 26-jährige Mauz schrieb im Mai von Hamburg aus an den damaligen Oberbürgermeister von Esslingen, Alfred Klaiber, und schlug eine Patenschaft vor. Ludwigsburg, Heilbronn und Ulm hatten schon ein U-Boot und Klaiber wollte nicht hinten anstehen. Am 1. Juli reiste die Esslinger Delegation nach Hamburg. In der Literatur wurde die Patenschaft der U-577 oftmals der Stadt Hannover zugeschrieben, doch das ist falsch.

50 Flaschen im Gepäck

Im Gepäck hatte Klaiber 50 Flaschen Kessler-Sekt im Wert von 294 Reichsmark, und 21 Schallplatten für 49 Reichsmark. Außerdem gab es 500 Reichsmark Taschengeld sowie einige Bilder für die Mannschaftsräume. Bei der Schiffstaufe war das Boot ganz mit Flaggen geschmückt. In einem Raum gab es Bier, Steinhägerschnaps und belegte Brote. Der Oberbürgermeister schwadronierte von Barbarossa, der Hamburg zur Hansestadt gemacht, aber auch immer gerne Esslingen besucht habe. Zurückgekehrt schreibt Klaiber begeistert: „Der ausgezeichnete Geist der Besatzung, vom Kommandanten bis zum jüngsten Matrosen, bürgt dafür, dass das Boot den Kampf um unser aller Daseinsrecht würdig und ehrenvoll bestehen wird.“

Das Boot lief aus, sein Ziel war der Atlantik. Im Esslinger Stadtarchiv liegt eine Kopie des Kriegstagebuchs. Immer wieder muss es abtauchen, weil Flugzeuge über das U-Boot hinwegfliegen und Bomben werfen. Ein Mal bringt es eine Mine zur Detonation. Das Schiff läuft einen Dampfer an, doch der wehrt sich mit einer Kanone und das Boot muss wieder abtauchen. Es verfolgt in verschiedenen U-Boot-Verbänden Geleitzüge, doch die können im Nebel entkommen. Das Wetter über dem Atlantik macht dem Boot zu schaffen, schwere Brecher kommen über das Deck, drei Mann werden seekrank.

Am Prins Christian Sund, einer Meerenge in Grönland, sichtet Schauenburg Eisberge. Aber Schiffe sieht er keine mehr. „Wäre kein schöner Abschluss der ersten Feindfahrt. Auch die Besatzung sehnt sich nach dem erlösenden ,los’. Wird schon noch werden“, notiert der Kapitän. Das Boot kehrt zu seinem Stützpunkt in St. Nazaire in der Bretagne zurück. Englische Sunderland-Bomber kreisen und versuchen, es am Einlaufen zu hindern, aber Schauenburg schafft es und kommt am 17. November 1941. Klaiber hat inzwischen noch 50 Schildchen mit dem Esslinger Wappen organisiert und losgeschickt. Am 16. Dezember läuft das Boot wieder aus. Sein Ziel ist Messina in Italien, dann geht es in Richtung Ägypten, noch immer werden Briefe gewechselt.

Auf einmal bleiben die Nachrichten aus. Die Familie Mauz fragt am 3. März 1942 beim Flottenkommando nach, was aus dem Boot geworden sei. Dort sagt man, dass mit einer Rückkehr des Bootes nicht mehr zu rechnen sei, dennoch bestehe die Möglichkeit, dass Einzelne gerettet worden seien.

Am 11. Mai erhält Familie Mauz dann die erschütternde Nachricht. Das Boot sei wahrscheinlich am 14. Januar einem Fliegerangriff zum Opfer gefallen. Der Sohn sei tot, die Habe Albrechts, die sich noch im Stützpunkt befinde, werde zurückgesandt. Klaiber schreibt einen Kondolenzbrief auch an Hedwig Reichert aus Faurndau bei Göppingen. Ihr Bräutigam, der Funkmaat Fritz Zabitzki, sei unter den Toten.

Der Tod muss schnell gekommen sein. Die U-577 operierte vor dem Ort Marsa Matruh in Ägypten. Am 14. Januar 1942 wird sie von einem Swordfish Torpedobomber gesichtet. Der Pilot fliegt das Boot an, Wasserbomben fallen. Die Decks werden aufgerissen, das Boot sinkt sofort, die 43 Männer haben keine Chance, für sie wird die Schiffszelle zum stählernen Sarg. Noch immer liegt die U-577 Esslingen auf dem Meeresgrund, in 32 Grad nördlicher Breite und 25 Grad östlicher Länge. Als Mahnmal gegen diesen sinnlosen Krieg.




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