Verkehrsminister Winfried Hermann und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper kritisieren bei der Stadtbahn-Eröffnungsfeier unter anderem das lange Planungs- und Genehmigungsverfahren des Projekts.

Stuttgart - Es ist, als ob jemand einen Startschuss abgefeuert hätte: Als die Mitarbeiter der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) am Samstagnachmittag die Absperrungen beiseite räumen, und die neue Stadtbahn-Haltstelle Flughafen/Messe auf den Fildern frei geben, gibt es kein Halten mehr. Jeder will der Erste sein und einen Platz in der schon wartenden U6 ergattern. Familien mit Kindern, ganze Gruppen und einzelne Stadtbahn-Fans sind gekommen, um mit dem ersten gelben Triebwagen Punkt 16.47 Uhr auf der rund drei Kilometer langen Neubaustrecke über die Filder nach Stuttgart zu fahren. Einige junge Leute stimmen anlässlich der Eröffnung des neuen Streckenabschnitts ein selbst gedichtetes Lied auf die Melodie von „Sonderzug nach Pankow“ an.

Dass die ersten Fahrgäste ein wenig warten mussten, war der Eröffnungsfeier auf dem Bahnsteig geschuldet, bei der Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU), Esslingens Landrat Heinz Eininger (CDU) sowie der SSB-Vorstandssprecher Thomas Moser das Wort ergriffen. Alle vier Redner unterstrichen unisono die herausragende Bedeutung, die der Ausbau der U6 für die ganze Region habe.

„Wichtiger Baustein für die neue Verkehrsdrehscheibe“

Der Verkehrsminister bezeichnete die Weiterführung der Trasse, die bisher am Fasanenhof am Schelmenwasen endete, als „einen wichtigen Baustein für die neue Verkehrsdrehscheibe am Flughafen“. Die Neubaustrecke schließe nicht nur die wichtigen Zielorte Landesmesse und Flughafen zusätzlich zur bestehenden S-Bahn-Verbindung an die Stuttgarter Innenstadt an. Auch für die gesamte Flughafen-City mit ihren rund 10 000 Beschäftigten sei die Trasse von großer Bedeutung.

Zuvor war der Verkehrsminister mit dem Oberbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, Roland Klenk (CDU), OB Nopper und weiteren Vertretern aus Politik, Verwaltung und der SSB in zwei parallel nebeneinanderfahrenden Stadtbahnen über die neue Strecke zum Airport gefahren. Die Fahrzeit von der Stuttgarter Innenstadt zur neuen Endstation Flughafen/Messe beträgt 30 Minuten – etwa gleichlang wie die S-Bahn.

Mehr als bemerkenswert war: Nicht nur Hermann nützte die Eröffnungsfeier der Neubaustrecke, um massiv Kritik an den überlangen Genehmigungs- und Planungsverfahren zu üben, die den Ausbau des ÖPNV ausbremsten. Hermann betonte, dass die Neubaustrecke der U6 über die Filder und die geplante Verlängerung der S-Bahn von Filderstadt-Bernhausen nach Neuhausen ein „Doppelprojekt“ war, das ursprünglich zusammengehörte. „Eigentlich sollten beide 2019 fertig werden“, sagte der Minister.

Für die Weiterführung der S 2 sei aber noch nicht einmal das Planfeststellungsverfahren abgeschlossen. „Wir müssen da jetzt ordentlich Druck machen“, so Hermann. Auf Nachfrage unserer Zeitung kündigte der Minister an, mithilfe einer wissenschaftlichen Untersuchung ermitteln zu wollen, „wo bei solchen Projekten Zeit verloren geht“.

Freude auch beim OB getrübt

Ins selbe Horn stieß OB Nopper, der die Erweiterung der U 6 für die Stadt und die Region zwar als einen „Sechser im Lotto“ bezeichnete. Doch die Freude werde, so Nopper, „leider getrübt, angesichts der enormen Differenz zwischen den geplanten und den tatsächlichen Projektkosten für die Neubaustrecke“. Die lagen bei der 3,2 Kilometer langen Trasse, die in dreieinhalb Jahren fertiggestellt wurde, ursprünglich bei rund 70 Millionen Euro – hatten sich zuletzt jedoch auf nahezu 130 Millionen Euro erhöht. Nopper sieht die lange Planungszeit und die „extremen Baupreissteigerungen in Höhe von 15 bis 20 Prozent pro Jahr“ für die Mehrkosten verantwortlich. „Wir müssen uns dringend Gedanken machen, wie wir zu realistischeren Planungsansätzen kommen“, sagte er.

Zudem nahm Nopper die Eröffnung der Neubaustrecke in Anwesenheit des Verkehrsministers zum Anlass, erneut ein Plädoyer für den Bau des Gäubahntunnels abzugeben. Für den Tunnel muss der S-21-Finanzierungsvertrag verändert werden. Diese Lösung sei „die nachhaltigere und die bessere“, so der OB.

Kritische Worte vom Landrat

Auch Landrat Eininger unterstrich, dass die jetzt eröffnete Schienenverbindung nach Stuttgart erst komplett sei, wenn auch die S-Bahn weiter vom Airport nach Neuhausen fertiggestellt ist. Derzeit sei als zeitliches Ziel hierfür 2026 ausgegeben. Komme in diesem Jahr der Planfeststellungsbeschluss nicht, würde sich das Projekt, so Eininger, weiter verzögern. „Wir brauchen dringend einen Zeit-Booster für den öffentlichen Nahverkehr.“ Wenn man so weitermache wie bisher, sagte der Landrat im Anschluss an die Feier, „können wir alles knicken.“

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