Udo Lindenberg in Stuttgart Herr Lindenberg, was ist damals eigentlich in Sindelfingen passiert?

Alter weiser Mann, statt alter weißer Mann: Udo Lindenberg Foto: Warner/Tine Acke

Was in Sindelfingen passiert, bleibt in Sindelfingen? Im Interview spricht er über Putin, Selenskyj, den ESC – und Orgien auf der Bühne.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Was würde Udo Lindenberg Putin sagen? Was hält er von Selenskyj? Will er lieber die Ehre des deutschen Pop beim ESC retten oder eine zweite Karriere als Politiker starten? Und was passierte 1981 wirklich auf der Bühne der Sindelfinger Messehalle? All diese Fragen beantwortet der 76-Jährige, der mit seinem Panikorchester am Wochenende zweimal in der Stuttgarter Schleyerhalle auftritt.

 

Herr Lindenberg, im November 1981 war ich 14, als ich das erste Mal auf ein Rockkonzert durfte: zu Udo Lindenberg in die Sindelfinger Messehalle. Können Sie sich an das allererste Konzert erinnern, das Sie selbst besucht haben?

Ich war zwölf, wir waren cool, Zigaretten im Mundwinkel und wir wollten sein wie James Dean. Ich war großer Fan von Louis Armstrong, der war ein Superstar und trat auf in Enschede – bei my Hometown Gronau im Gebüsch. Da bin ich mit’m Moped hingefahren. Dort spielte er im Stadion, fuhr in einer offenen Limo vor und winkte mit einem weißen Taschentuch – in der anderen die funkelnde Trompete. Da wusste ich, was ich werden wollte.

Die „Udopia“-Show im Jahr 1981 war auch deshalb so ein Ereignis für mich, weil ich den Eindruck hatte, am Ende verwandelte sich das Konzert in eine Art Orgie. Ging es damals tatsächlich so wild auf der Bühne zu – oder habe ich mir das als leicht zu beeindruckender Teenager nur eingebildet?

Was In Sindelfingen passiert, bleibt in Sindelfingen! Es gibt Dinge, die sind sind geheim, die darf man noch nicht einmal im Selbstgespräch erwähnen. Wir haben immer den Rock ’n’ Roll gelebt und zelebriert, hoch die Tassen, jeder kann machen, was er will, solange er niemand anderen dabei verletzt, beleidigt oder stört. „Udopia“ hat da Maßstäbe gesetzt und so manchen gestandene Rocker ausflippen lassen. Damals, beim letzten Song „Sandmännchen“, haben wir immer viele Fans auf die Bühne geholt, was dann geschah: Halleluja! Aber trotz aller Partytime, am Ende waren unsere Shows auch immer groß inszeniertes Chaos.

Was konnte der junge Lindenberg, das der Udo Lindenberg von heute nicht mehr kann.

Früher trank ich nach der Mengenlehre , heute bevorzuge ich die gezielte Drogeneinnahme.

Und was kann Udo Lindenberg heute, was der junge Lindenberg nicht konnte?

Alter steht für Radikalität und Meisterschaft, nicht für Pflicht, sondern für Kür. Der Udo von heute schwebt noch mehr über den Dingen, ist noch’n Tick gelassener und extrem tiefenentspannt.

1981 war die Zeit des Kalten Krieg und der atomaren Aufrüstung. In Sindelfingen haben Sie auch den Song „Wozu sind Kriege da“ gespielt.

Wir spielen seit über 40 Jahren den Song, der heute wieder von erschreckender Aktualität ist. Der brutale Krieg in der Ukraine, mitten in Europa, das hätte sich niemand mehr vorstellen können. Wir dürfen aber auch all die anderen Kriege nicht vergessen, im Jemen, Sudan, Mali, Syrien. Die Menschheit muss bald mal die Kriege beenden, sonst beenden die Kriege die Menschheit.

Wenn Sie die Gelegenheit hätten, direkt mit Wladimir Putin zu sprechen: Was würden Sie ihm sagen?

Ich glaube mit diesem weggetretenen Kriegsverbrecher kann man nicht mehr reden. Man kann nur hoffen, dass es Lösungen gibt, vielleicht aus seinem direkten Umfeld, dass er endlich abtritt, beziehungsweise abgetreten wird. Nichts rechtfertigt, ein anderes Land zu überfallen und auf brutalste Weise dort die Menschen zu ermorden.

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Bono und The Edge von U2 haben in einer U-Bahn von Kiew gespielt. Könnten Sie sich auch vorstellen in der Ukraine aufzutreten?

Ja, wir zeigen volle Solidarität mit der Ukraine und sind voll dabei in Sachen humanitäre Hilfe, zum Beispiel über UNICEF, mit unserer Stiftung, mit ‚Ärzte ohne Grenzen und viele weitere private initiativen.

Auch der Titel Ihres Films „Panische Zeiten“ von 1980 scheint wieder sehr aktuell zu sein. Zwischen Klimakrise, Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg ist die Welt in Aufruhr. Was ist Ihr Tipp: Sollten wir gelassen bleiben, oder ist Panik angebracht?

Panik bringt niemanden weiter. Wenn Gelassenheit nicht Gleichgültigkeit bedeutet, sollte man die damit verbundene Ruhe nutzen, um jetzt mal schnellstens und radikal umzudenken und zu handeln. Wissenschaftler sagen ja schon, es ist fünf nach zwölf, die Klimakrise kann keiner mehr leugnen, Die großen Konzerne machen die Erde platt, es wird weiter jede Menge Regenwald gerodet, Flüsse werden verpestet, die Ozeane sind voller Plastik. Deshalb müssen wir schnellstens das Ruder rumreißen. Wir haben dazu ja auch einen Song im Programm – „Ratten“, den wir schon 82 rausgebracht haben. Da war es schon fünf vor zwölf. Die Klimakrise dürfen wir nie vergessen, auch wenn Corona und der Krieg in der Ukraine gerade alles überlagern.

Im dem Film „Panische Zeiten“ wird Udo Lindenberg Bundeskanzler. Der ukrainischer Präsident Selenskyj war früher Schauspieler und hat auch erst in einer Serie einen Mann gespielt, der Präsident wird, bevor er tatsächlich zum Präsidenten gewählt wurde. Wäre Udo Lindenberg ein besserer Bundeskanzler als Olaf Scholz?

Selenskyj zeigt ja, dass auch Menschen aus der Abteilung Unterhaltung gute Staatschefs sein können – vielleicht sogar besser, weil sie nicht agieren wie professionelle Politnasen. Bei Selenskyj merkt man, wo er herkommt. Wie er mit Medien spielt, sein Land verteidigt, seine Leute motiviert und dabei uns allen Botschaften schickt, das ist schon klasse und motiviert viele Ukrainer und viele Menschen auf der Welt. Ich Bundeskanzler? Ma kieken, bin ja noch ein junges Talent.

Die Ukraine hat gerade den Eurovision Song Contest gewonnen. Deutschland ist wieder mal letzter geworden. Was halten Sie von dem Wettbewerb. Was müsste man Ihnen anbieten, damit Sie sich bereit erklären, mitzumachen und für Deutschland zu singen?

Für mich ist der ESC nichts. Wir machen lieber große, Völker verbindende Konzerte, wo Menschen aus ganz Europa zusammenkommen – ohne Wettbewerb.

Was Ihr Alter und Ihre Hautfarbe angeht, passt auf Sie zwar eigentlich der Stempel „Alter weißer Mann“, aber irgendwie auch wieder überhaupt nicht. Wie Sehen Sie das?

Ich würde mal sagen: Der Greis ist heiß, immer auf’m Sprung, neu und wissbegierig immer wieder nach vorne checken. Neue Expeditionen in Abenteuer und Höhenflüge. Das is’ mein Ding. Alter weißer Mann – das mag vielleicht für einige gelten, es gibt aber auch genug Männer, die schon in den 60er, 70ern oder 80ern für die Werte und Utopien gekämpft haben, die junge Menschen heute auch einfordern. Es gibt viele aus dieser Generation, die zusammen mit den jungen Kids von heute für globale Gerechtigkeit, Diversität und Klimaschutz fighten … – das sind da ja eher die alten weisen Männer und Frauen.

Udo Lindenberg live

Person
 Udo Lindenberg wurde 1946 in Gronau/Westfalen geboren. Keiner hat die deutschsprachige Rockmusik mehr geprägt als er.

Konzerte
 Udo Lindenberg tritt am Freitag und Samstag, 27. und 28. Mai, jeweils um 20 Uhr mit seinem Panikorchester in Stuttgart in der Schleyerhalle auf. Für beide Konzerte sind noch Tickets erhältlich unter www.musiccircus.de.

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