Udo-Lindenberg-Konzert in Stuttgart Immer lässig gegen den Wind

Auch mit siebzig Jahren sieht die coole Pose bei Udo Lindenberg nicht peinlich aus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski 16 Bilder
Auch mit siebzig Jahren sieht die coole Pose bei Udo Lindenberg nicht peinlich aus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Vital, schlank und einfach unverwechselbar: Udo Lindenberg hat in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena vor vierzigtausend Fans eine umwerfende Rock-Show abgeliefert.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)
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Stuttgart - Genau zur Mitte seines Konzerts, das 34 Songs umfassen und beinahe drei Stunden währen soll, stimmt Udo Lindenberg den Klassiker „Gegen die Strömung“ an. „Gegen die Strömung, gegen den Wind, lass sie doch labern, blöd wie sie sind, diese schlaffen, gebügelten Affen“ singt Lindenberg darin; seine Lebensphilosophie bringt das ohnehin auf einen perfekten Nenner, aber in diesem Moment spürt man dann auch, weshalb man auf einem nicht nur richtig guten, sondern auf einem ausgezeichneten Konzert ist.

Vierzigtausend Menschen sind am Samstagabend in das Stuttgarter Stadion gekommen, das zu buchen man ja auch erst mal die Kessheit besitzen muss. Udo Lindenberg kommt nicht auf die Bühne spaziert, sondern lässt sich angemessen extrovertiert in einem Gitterkäfig empor über den Zuschauern und einmal durchs komplette Stadion bugsiert auf selbige hinab senken. Er serviert zunächst einige Stücke aus seinem neuen Album, streut gewitzt ein paar Klassiker wie das Mädchen mit dem Cello oder „Wozu sind Kriege da“ ein. Lässt einen verblüffend unpeinlichen Kinderchor auf der Bühne erscheinen. Benimmt sich dortselbst ohnehin, als sei er nicht vor einer Woche siebzig Jahre alt geworden, sondern befände sich noch mitten in der Juvenilität. Er stolziert nicht vom weit in die Menschenmenge ragenden Bühnensteg, er rennt regelrecht. Udo Lindenberg ist ein gertenschlankes Vitalitätsbündel.

Videoleinwände dieser Größe hat man noch nicht gesehen

Er unternimmt eine Tour d’Horizon durch sein Schaffen, vom nagelneuen „Einer muss den Job ja machen“ über ganz alte Schinken wie „Straßenfieber“, von der „Honky Tonky Show“ über „Andrea Doria“ bis zum „Sonderzug nach Pankow“. Begleitet zum einen durch eine fulminante Band, zum zweiten durch eine sauberst auschoreografierte Bühnenshow, bei der er den locker gelaunten Conférencier gibt, bei der aber umgekehrt alles stimmt. Hut ab, könnte man sagen, wenn er selbigen mit dem charakteristischen Nietenstern nicht so leger tragen würde, wie er lässig nebenher diverse Zigarren pafft.

Illuminiert auf der Riesenbühne wird das Ganze mit Videoleinwänden in einer Größe, die wir bis dato noch nicht gesehen haben, mit seinen tollen Musikern, mit seinen Sängerinnen, mit allerlei Showeinlagen: ach, es ist eine wahre und selten gesehene Pracht. Alles bis ins letzte Detail gerissen arrangiert und trotzdem spontan wirkend. Auf den Schirmen Einspielungen: Jim Morison, Jimi Hendrix. Große. So wie er? Klar. Wer hat denn schon die Chuzpe, sich gleich ein ganzes Stadion zu mieten? Westernhagen hat es in seiner besten Zeit geschafft, Grönemeyer noch heute. Aber Lindenberg hat seine letzten zwei Stuttgarter Auftritte angemessener Weise in der Porsche-Arena absolviert. Und jetzt das. Zu Recht? Absolut. Sein neues Album ist nach wenigen Tagen auf Platz Eins der Charts gelandet, er hat eine runde Nummer zu feiern, und er tut das auch im lässigsten Sinne. In Smokinghose, mit diversen durchgewechselten Jacketts und knallgrünen Schuhen dazu. Ein echtes deutsches Original, keine Frage.

Und ein Zeremonienmeister, der seinesgleichen sucht. Trotz der Fülle des Materials verfliegen die zweidreiviertel Stunden buchstäblich wie im Flug, souveräne Ausgelassenheit gibt es auf der Bühne ebenso zu bestaunen wie nachdenkliche Worte des Protagonisten. In einem FDJ-Hemd kommt eine seiner wunderbaren Gesangspartnerinnen zum erwähnten „Gegen die Strömung“ auf die Bühne, zu „Wozu sind Kriege da“ stellt Lindenberg die notwendigen Fragen, und wenn er sagt, dass seine Musiker – das „Panikorchester“ – eine „beständige Kraft in Zeiten des Werteverfalls“ sind, dann hat das zwar einerseits eine schalkhafte Komponente, anderseits steckt vielleicht auch viel unvermutete Wahrheit darin.




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