Udo Lindenberg wird 75 Panikrocker und Deutsche-Texte-Pionier
Udo Lindenberg hat deutschen Musikern ihre Sprache wiedergeschenkt. Nun wird er 75 und wirkt nach wie vor topfit.
Udo Lindenberg hat deutschen Musikern ihre Sprache wiedergeschenkt. Nun wird er 75 und wirkt nach wie vor topfit.
Stuttgart - Udo Lindenbergs Lebensleistung ist nicht hoch genug einzuschätzen: Im Land des Schlagers (Rex Gildo, Roy Black), des Krautrocks (Kraan, Can) und des Chansons (Reinhard Mey, Udo Jürgens) erfindet er Anfang der 1970er mit schnoddrigem Sprachwitz eine coole, deutsche Popmusik, die vor prallem Leben nur so strotzt. Er gibt den Spruch „Keine Panik“ als Motto aus, stellt eine Band aus formidablen deutschen Rockmusikern zusammen, gibt ihr den Namen „Panikorchester“ und lässt auf der Bühne das Mikrofon am Kabel kreisen wie ein Rockstar.
In seinen Texten verwendet Lindenberg eine Sprache, die direkt von den Straßen seiner Wahlheimat Hamburg zu stammen scheint. In „Honky Tonky Show“ (1974) greift er elterliche Sorgen der damaligen Zeit auf, er träumt herzzerreißend von der Frau am „Cello“ (1973), beschreibt in „Leider nur ein Vakuum“ (1974) die rastlose Suche des unersättlichen Nachtschwärmers nach Leben – und zum harten Funkrock in „Schneewittchen“ (1977) das Heroin-Elend der 70er, im Koffer des Dealers „zwei Kilo Winterlandschaft“.
Lindenberg kann auch als Zeremonienmeister auf der „Andrea Doria“ (1973) jeden Ballroom zum Swingen bringen mit furiosem Bigband-Sound. Der ist besonders ausgeklügelt in der Vampir-Farce „0-Rhesus negativ“ (1976) zu hören und verrät einiges über Lindenbergs Wurzeln: Er hatte als Jazz-Schlagzeuger mit Rock-Punch angefangen, trommelte auf dem selbstbetitelten Debütalbum von Klaus Doldingers wegweisender Fusion-Band Passport (1971) – und ist auch in der von Doldinger komponierten „Tatort“-Titelmusik zu hören.
Außerdem ist da noch der gesamtdeutsche Udo, der am Beispiel der unmöglichen Liebe zu einem „Mädchen aus Ostberlin“ (1973) den menschlichen Irrwitz der deutschen Teilung schmerzhaft spürbar macht. Beharrlich versucht er, eine Erlaubnis für eine Tournee in der DDR zu bekommen und thematisierte das sogar swingend in „Sonderzug nach Pankow“ (1983) – doch es kommt nur zu einem einzigen Konzert im selben Jahr vor ausgewähltem FDJ-Publikum im Ostberliner Palast der Republik.
Da ist Lindenberg längst politisch geworden im Sog der Friedens- und Umweltbewegung. Die drohende atomare Apokaylpse nimmt er in „Grande Finale“ (1981) aufs Korn, in „Zwischen Rhein und Aufruhr“ (1982) die Umweltverschmutzung, in „Odyssee“ (1983) die Irrfahrt der Menschheit, in „Kleiner Junge“ (1983) die Gleichgültigkeit der Verantwortlichen.
In den 90ern taucht Lindenberg ab. Er zieht ins Hamburger Hotel Atlantic, wo er bis heute wohnt, und fällt weniger durch Liedkunst auf als durch Geschichten vom „Trallafitti-Tresen“, eine seiner Wortschöpfungen. Bereits in „Mit dem Sakko nach Monaco“ (1981) beginnt der Ich-Erzähler, ein Eindringling ins monegassische Adelstheater, seinen Lebenslauf so: „Ich fiel direkt vom Himmel auf ein D-D-Doppelkornfeld“. Eine Zeit lang zieht Lindenberg mit Harald Juhnke durch die Hotelbars.
„Ich wohne in der Nähe des Rausches“, sagte er 1997 im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten. „Viele Künstler haben ja unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Brände große Werke errichtet. Ich habe auch viele Songs leicht schwindelig geschrieben und nüchtern gegengelesen.“
Zeitgleich entdeckt ihn eine junge Musikergeneration als großes Vorbild: Auf dem ersten Album der Stuttgarter Hip-Hop-Formation Freundeskreis von 1997 intoniert Max Herre die Ballade „Baby, wenn ich down bin“, ursprünglich erschienen 1980. Auf einmal ist Lindenberg wieder en vogue, viele erinnern sich an seine unverwechselbare Lyrik.
„Englische Texte waren lange bequem, weil da keine echte Aussage drinstecken musste“, sagte Lindenberg im Interview. „Auf Deutsch musst du mehr bringen. Popmusik ist ja nichts anderes als der Spiegel eines Landes, wie die Leute denken, was da los ist, wie frisch die drauf sind. Im Moment zeigt sich da die Möglichkeit zu einer sehr bunten Republik.“ Tatsächlich erlebt die deutschsprachige Musik um die Jahrtausendwende eine Blüte, auch jenseits des Hip-Hops mit Bands wie Wir sind Helden.
In den nuller Jahren läuft „der kleine Udo“ (Selbstbezeichnung) zu alter Form auf. Er singt mit Jan Delay im Duett „Ganz anders“ (2008) und inszeniert mit dem Panikorchester große Rock-Shows, als wäre er nie weg gewesen. 75 Jahre alt wird er am 17. Mai – und er wirkt topfit, dieser rastlose Desperado, der mit seinen Geschichten aus dem Leben so vielen aus der Seele spricht und deutschen Musikern ihre Sprache wiedergeschenkt hat.