Vlogs auf Youtube Warum filmen Menschen ihren Alltag?

Felix von der Laden ist Youtuber der ersten Stunde . Foto: Spielkind Media GmbH

Mit der Kamera sein Leben filmen, dieses auf Youtube zeigen und damit Geld verdienen? Mit sogenannten Vlogs gelingt das einigen, zumeist jungen Menschen. Wir haben uns verschiedene erfolgreiche Kanäle angeschaut und erklären, warum sich so viele für den Alltag anderer Menschen interessieren.

Aufstehen, frühstücken, etwa acht Stunden arbeiten und ab in den Feierabend. Das ist Alltag bei vielen Vollzeitbeschäftigten. Wie langweilig!

 

Bei Barbara ist der Alltag hingegen so spannend, dass sie mehr als einer Million wildfremder Menschen von ihrem Leben berichtet. Auf Youtube nimmt die 31-Jährige aus Nordrhein-Westfalen Zuschauer als „BarbaraSofie“ mit durch ihren Alltag. Rezepte für das Mittagessen, der Ausbau des Dachgeschosses oder das Rucksackpacken für die Alpenüberquerung – all das wird in sogenannten Vlogs, Blogartikeln im Videoformat, festgehalten.

Bald zehn Jahre ist es her, dass sie in ihrem Jugendzimmer ein Schminkvideo aufgenommen hat. Ihr unbekannte Menschen kommentierten, stellten Fragen und wollten mehr zu Alltag, Freund und Studium der jungen Frau wissen. Ihre Community wuchs stetig, heute hat ihr Kanal 1,18 Millionen Abonnenten – und das Vloggen ist ihr Beruf.

Als Youtuber im Mittelpunkt

Das öffentliche Interesse an der eigenen Person haben sich Barbara, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, und viele andere Youtuber über Jahre erarbeitet. Felix von der Laden ist Youtuber der ersten Stunde und drehte anfangs Videos über Computer- und Videospiele. Heute reist er mit seinen Followern durch die Welt und veröffentlicht Videos, die kleinen Kinofilmen gleichen. Bei „DominoKati“, die im echten Leben anders heißt, ging es früher um Frisuren, Schminke und Shoppen. Heute nimmt sie Follower beinahe pausenlos mit durch ihr Leben, ist Buchautorin und Gründerin einer Haarpflegemarke.

Ähnlich sieht es beim Kanal „Manda“ aus, hinter dem das Tübinger Paar Alexander und Marie Johnson steckt. Angefangen hatte alles mit Maries ehemaligem Beauty-Kanal „Snukieful“, heute steht das gesamte Leben der frischgebackenen Eltern im Fokus der Vlogs.

Sich und seinen Alltag zu filmen entspricht dabei genau dem, womit Youtube bei seiner Gründung im Jahr 2005 geworben hat: „Broadcast yourself“, was so viel heißt wie „sende dich selbst“.

Menschen interessieren sich für Menschen

Die Frage, warum sich so viele Menschen für den Alltag anderer, fremder Personen mit all seinen Problemen, Glücksmomenten und Herausforderungen interessieren, steht im Raum, wenn man sich näher mit Vlogs beschäftigt. Dagmar Hoffmann, Professorin für Mediensoziologie an der Universität Siegen, hat eine Antwort: „Menschen sind soziale Wesen und haben insofern großes Interesse an dem Leben anderer.“

In einer Welt, in der vielen von uns verschiedene Lebenswege offenstehen, täglich Entscheidungen zu Konsum und Lifestyle getroffen werden müssen und Lebensmodelle hinterfragt werden, können Youtuber Orientierung geben und inspirieren. Als „BarbaraSofie“ vloggt Barbara beispielsweise über Ideen für ein gesundes Frühstück, gibt Tipps für einen produktiven Alltag oder erzählt, wie man am besten Katzen aus dem Tierheim adoptiert. Interesse am ganz normalen Leben anderer ist kein Phänomen der sozialen Medien. Auch die Unterhaltungsliteratur nährt sich von Beschreibungen der Belanglosigkeiten. Die britische Schriftstellerin Jane Austen beschrieb etwa über Seiten hinweg die Sorgen und Nöte der Damen und Herren des 18. und 19. Jahrhunderts. Das für leichten Konsum bestimmte Fernsehen funktioniert nach dem gleichen Prinzip: Zuschauer interessieren sich für Freud und Leid der Gefangenen des Dschungelcamps, einer RTL-Reality-Show, oder für die Frauenwahl des Bachelors in der gleichnamigen Kuppelshow . Hohe Einschaltquoten bezeugen den über Jahre andauernden Erfolg solcher Formate.

Schon Jane Austen liebte Kleinkram

Schon von Kanalbeginn an folgen viele Personen Barbara. Sie sind mit der Youtuberin erwachsen geworden und ihr trotz aller Themenwechsel treu geblieben. Wie das funktioniert? „Unter anderem durch eine gewisse Authentizität“, sagt Hoffmann. Dass Vlogs nur ein Zusammenschnitt des täglichen Leben sind und der Inhalt der Videos bewusst ausgewählt und zusammengestellt ist, sollte Zuschauern zwar klar sein. Für die Glaubhaftigkeit müssten Vlogs wie im wirklichen Alltag auch solche Situationen zeigen, in denen das Leben mal nicht nach Plan verlaufe.

Klicks und Reaktionen bringen vor allem unvorhersehbare Inhalte und überraschende Neuigkeiten, sagt Vloggerin Barbara. Das Video, in dem sie glücklich ihren positiven Schwangerschaftstest in die Kamera hält, brachte dreimal so viele Klickzahlen wie ein Video über einen Ausritt am Meer. Aber auch simple Vlog-Themen – Tipps zum Aufräumen, Putzen und Organisieren etwa – stoßen auf viele Reaktionen.

Vloggen bringt Verantwortung mit sich

Ein reines Hobby ist das Vloggen für erfolgreiche Kanalgründer nicht. Viele von ihnen verdienen gutes Geld auf sozialen Plattformen und bedienen meist Youtube, Instagram und Tiktok gleichzeitig. Sie können zum Beispiel durch Werbung, die vor oder zwischen ihre Youtube-Videos geschaltet wird, Geld verdienen. Haupteinnahmequelle sind oft Kooperationen mit Marken, die für die Zielgruppe attraktiv sind und deren Produkte oder Dienstleistungen sie bewerben. Das wöchentliche Videodrehen zum Beruf zu machen und damit Geld zu verdienen war jedoch nicht von Anfang an Barbaras Ziel: „Daran habe ich mit Anfang zwanzig wirklich nicht gedacht“, sagt sie.

Dass sie trotz der niedrigschwelligen Inhalte als reichweitenstarke Youtuberin auch eine gewisse Vorbildfunktion hat, weiß die 31-Jährige. Manche Medienpsychologen warnen zwar vor Vergleichen und falschen Idealen, die besonders junge Follower beeinflussen können. Mediensoziologin Hoffmann entwarnt: „Nur weil man jemanden bewundert, heißt das nicht, dass man genauso sein will.“ Die Lebenswünsche formen sich schließlich nicht nur durch den Vergleich mit Youtubern, sondern auch durch Familie, Freunde und den „unmittelbaren, eigenen Alltag“, so die Expertin.

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