Sexualisiert aufgeladene Sprache und aufreizendes Auftreten
Das Video zu „Ich darf das“ wurde im Mai 2021 auf Youtube veröffentlicht und seitdem mehr als 17 Millionen Mal geklickt. Nicht nur dank Shirin David ist das Wort „Bitch“ 2022 keine Aufregung mehr wert, sondern in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Wichtig ist dabei natürlich, wer es in welchem Zusammenhang verwendet. Die sexualisiert aufgeladene Sprache und das aufreizende Auftreten der Rapperinnen schockiert kaum jemanden mehr.
Das Einzige, was sie eint, ist aber allein ihr Geschlecht
Frauen waren über viele Jahre, ja Dekaden, im deutschen Hip-Hop quasi nicht existent, heute sind sie viele und sehr erfolgreich. Sie heißen Shirin David, Juju, Nura, Badmomzjay, Loredana, Haiyti. Das Einzige, was sie eint, ist aber allein ihr Geschlecht – und manche vielleicht noch die selbstbewusste Inszenierung. Sie selbst betiteln sich als „Queen“, „Bitches“ und „Boss“, im besten aller Fälle unterstützen sie sich gegenseitig.
Und sie sind scheinbar furchtlos. Sexismus, Frauenverachtung und Hass gegenüber ihnen sind an der Tagesordnung. Dass sie aber 2021 auch in den Charts ständig präsent sind, ist nicht nur eine kleine Sensation. Schließlich war es bis dahin ein weiter Weg. Und es gab viele Protagonistinnen, die ebenjenen geebnet haben.
Die Anfänge gehen weit zurück – und liegen in Amerika. Oben genannte Missy Elliot ist eine der ersten Superstars der Szene, an denen sich hierzulande Frauen orientieren. Doch nur wenige werden bekannt. Sabrina Setlur schafft es mit Rückenwind von Moses Pelham nach oben, doch viel mehr war da nicht. Während Hip-Hop aus Hamburg, Stuttgart und München und später aus Berlin – unter dem Label „Aggro Berlin“ – erfolgreich war, waren es ausschließlich Männer, die Texte schrieben und zu Beats rappten. Zumindest die, die oben an der Chartspitze standen, die im Musikfernsehen Interviews gaben und die als Vorbilder taugten. Für junge Mädchen aber fehlten diverse Rollenmodelle.
Die Vorbilder kommen aus Amerika, Role Models fehlen hierzulande
Zum Beispiel auch für Melanie Wharton, genannt Meli, Jahrgang 1980, die als einziges Mädchen im Stuttgarter Hip-Hop-Zusammenschluss Kolchose mitwirkte. Als Skills en Masse war sie aktiv, mit ihrem Bruder und Rappern wie Afrob und dem Freundeskreis stand sie auf der Bühne. Ihre Vorbilder kamen – natürlich – aus Amerika: Wu-Tang Clan, Missy Elliott, Lauryn Hill mit ihren Fugees. „Damals konnte ich mich nicht in Deutschland orientieren. Es gab keine Frau, die rappt“, erklärte Meli Wharton in einem Interview viele Jahre später.
Wie aber kommt man klar im Hip-Hop? In einem Genre, das nicht nur von Männern dominiert wird, sondern in dem es sehr oft sehr sexistisch zugeht? Auch Meli hatte damit ihre Probleme. „Ich bin aber sehr selbstbewusst. Mir fehlte oft die Perspektive der Frau. Und genau das war mein Antrieb. Das war wie Öl ins Feuer zu gießen“, so Meli. „Männer halten zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Da ist es schwierig durchzukommen.“ Noch so ein Grund, warum sie sich mit Frauen zusammenschloss. Es gab sie schon immer, die Frauen, die im Rap aktiv waren, meist aber fanden sie unter der populären Wahrnehmungsgrenze statt. Ansonsten: alles ein rappender Männerverein, mit Männern, die im Hintergrund die Strippen zogen.
„Hip-Hop war männlich dominiert. Es gab jahrelang keine Frauen.“
Die Berlinerin Sookee, Jahrgang 1983, mit bürgerlichem Namen Nora Hantzsch, ist mit Graffiti und Hip-Hop aufgewachsen und war ebenfalls erst mal allein unter Männern. Bei der „About Pop“-Konferenz im Oktober 2021 in Stuttgart gab sie einen Einblick in ihre Entwicklung: „Hip-Hop war männlich dominiert. Es gab jahrelang keine Frauen. Ich habe im Zuge meiner feministischen Politisierung aber gemerkt, dass ich hier Strukturen unterstütze, die mir nicht guttun“, erklärt Sookee. Sie suchte sich Räume, in denen viele andere Frauen waren. „Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Emanzipation, eine Befreiung.“ Die Rapperin Pyranja hat ihr Auftrittszeit abgegeben, ein solidarischer Akt. Sookee selbst hat auch ihre Bühne mit Nachwuchskünstlerinnen geteilt. „Feministin“ aber nannte sich damals noch keine, weil das mehr mit Alice Schwarzer und lila Latzhosen zu tun hatte als mit intersektionalem Feminismus.
Sookee lehnt Sexismen ab, fühlte sich unwohl, wenn sie mit Macho-Männern im Backstage-Raum stand. Es hat sich viel verändert, das findet auch die Berlinerin: „Mittlerweile gibt es in Deutschland eine queerfeministische Rapszene. Das wird mit einem intersektionalen Bewusstsein nachgeholt.“ Im November hat sie dazu ein Buch herausgegeben, das den Titel „Awesome HipHop Humans. Queer*Fem*Rap im deutschsprachigen Raum“ trägt und einen sehr guten Querschnitt der Szene zeigt.
Irgendwann war es an der Zeit, Platz zu machen
Für Sookee als Rapkünstlerin war es aber an der Zeit, Platz zu machen. „Im Rapmainstream gelingt es eben nicht, ein vielfältiges Verständnis von feministischen Standpunkten darzustellen. Wenn ich auf einem Festival nicht mehr spiele, müssen sich Leute etwas Neues überlegen.“
In dem Buch „Female HipHop“ – mit Covergestaltung der Stuttgarter Künstlerin Daniela Wolfer, selbst eine der wenigen DJanes in der Hip-Hop-Welt – wird bereits 2007 konstatiert, dass die Einflussnahme der Frauen im Hip-Hop journalistisch als Randphänomen galt.
Lady Bitch Ray ist „Dr. Feminismus“
Die Musikindustrie von Rap im Besonderen aber natürlich auch im Allgemeinen ist seit vielen Jahre von Männern geprägt. Ein Beispiel für eine, die irgendwann fast das Handtuch warf, ist Lady Bitch Ray, die mit bürgerlichem Namen Reyhan Şahin heißt und von der „Süddeutschen Zeitung“ schon als „Dr. Feminismus“ bezeichnet wurde, weil sie sich als promovierte Linguistin für Minderheiten in der Rapmusik einsetzt. Und sie machte nicht nur Musik, sondern thematisierte als rappende Türkin Sexualität, Sexpositivität und eben Feminismus. Das war ungefähr ab 2004, also gefühlt Dekaden vor Gendersternchen-Diskussionen, und damit war sie ihrer Zeit weit voraus. Lady Bitch Ray schreibt in ihrem Buch „Yalla, Feminismus!“: „Eines der Hauptprobleme des deutschen Rap ist seine männlich dominierte, chauvinistische Struktur.“
Überall sind mehr Frauen – auch im Rap-Journalismus
Ganz langsam werden diese Strukturen jedoch aufgeweicht – und zwar an vielen verschiedenen Stellen. Auch im Hintergrund und auf der anderen Seite. Wer etwa Anfang der nuller Jahre auf den Pressetribünen der Konzerthallen saß, war da meist allein unter Männern. Heute gibt es viele kluge Frauen wie etwa die Journalistinnen Salwa Houmsi, Jule Lobo, Helen Fares oder Visa Vie, die sich kritisch mit Hip-Hop beschäftigen und darüber in Blogs und Podcasts berichten. Sie beobachten das Genre und setzen sich Kommentaren unterhalb jeglicher Gürtellinien aus.
Eine Zeitenwende könnte nun anstehen
Lina Burghausen, seit mehr als zwanzig Jahren Hip-Hop-Fan, startete einen Blog, der 365 Tage 365 Hip-Hop-Künstlerinnen porträtierte, und gründete ihr eigenes Plattenlabel. Mehr als 70 Interviews hat sie zum Thema „Frauen in der Rapmusik“ gegeben. Darin beschreibt sie immer wieder, dass es lange gedauert hat, bis sie erkannte, dass die Szene ein Sexismusproblem hat. Sie ist sich ganz sicher: „Die Zukunft im Rap gehört den Frauen. Es wird Zeit, dass auf den Bühnen und im Plattenregal Platz gemacht wird für weibliches Talent.“
Und genau diese Zeitenwende könnte jetzt angebrochen sein. Frauen sind im deutschen Hip-Hop nicht neu, aber sie waren noch nie so viele und so präsent. Und was man auch nicht vergessen darf – egal ob Weiblein oder Männlein –: Popstars sind heute nicht mehr einfach ausschließlich Musikerinnen und Musiker, sie sind Stars, die als Influencerinnen und Eisteeverkäufer agieren, die Modelabels und Kosmetiklinien schaffen. In den USA gibt es dafür den Begriff „multi-hyphenate“, was so viel bedeutet wie mehrere Jobs auf einmal zu haben – also nicht nur Rapperin zu sein.
Shirin David ist nicht nur Rapperin, sondern ebenso Eisteeverkäuferin
Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die anfangs erwähnte Shirin David. 5,9 Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram, was heute als Währung gilt. Denn auf den Kanälen der sozialen Medien zieht man sich eine sogenannte Community heran, Fans, die die Musik hören, trinken auch ihren Eistee namens „Dirtea“, der, bevor er im Supermarkt erhältlich war, angeblich 20 Millionen Mal vorbestellt wurde. David bezeichnet sich selbst als „Neofeministin“ und rappt in dem biografischen Song „Bramfeld Storys“ über ihr Auftreten: „Die sagen, dass ich ein Produkt bin, künstlich wie mein Hintern. Doch ich bin eine Künstlerin, die Optik ist ein Blickfang.“
Viele rappende Frauen wenden die Maßstäbe, die von Männern geprägt wurden, an. Das nicht mehr aktive Duo SXTN der Künstlerinnen Nura und Juju, als provokant zu bezeichnen, wäre untertrieben. Eine Datenanalyse, die der „Spiegel“ 2020 veröffentlichte, ergab, dass das Duo mit 7,6 sexistischen Begriffen pro Song die höchste Dichte an sexistischem Vokabular im Deutschrap hatte. Dabei ist es aber etwas anderes, wenn Frauen die Begrifflichkeiten in ihren Songs verwenden.
Bloß nicht alle in einen Topf werfen
Was man auf keinen Fall machen darf, ist, alle rappenden Frauen in einen Topf zu werfen, nur weil sie dasselbe Geschlecht haben. Man muss stets hinterfragen, was ist Feminismus, was Marketing, wer möchte bloß provozieren, wer gerne als „woke“ gelten, ohne es zu sein. Auch die qualitativen Unterschiede der Künstlerinnen sind immens. Es ist eben wie überall – Kapitalismus und Kommerz geben den Ton an.
Das Tolle aber ist: Es gibt sehr viele großartige neue Künstlerinnen, um die Vielfalt im deutschen Rap zu zeigen. Nina Chuba beispielsweise oder Eli Preiss aus Wien. Und Eli Preiss rappt in ihrem Song „Glühheiße Wüste“: „Ich existiere nur, schon fühlen sich Rapper angegriffen / Mach nur mein Ding, schon denken Bitches ist sei Competition / Eingebildet, hochnäsig, weil die Nase cute is / Du wirst nicht schlechter, wenn du sagst, dass andere Frauen auch gut sind.“ Und genau darum muss es den Frauen eben auch gehen, wenn sie sich als Feministinnen verstehen: um das so oft zitierte „Empowerment“. Es kann nicht nur eine geben, es braucht keine Quotenfrau, sondern eine absolute Auflösung der Strukturen. Juju rappt: „Man wird nicht sagen Frauenrap auf Deutsch, sondern dieses Album hat zerstört.“
Bei den Brit Awards, dem wichtigsten Poppreis in Großbritannien, gab es bei der Verleihung Anfang Februar zum ersten Mal keine getrennten Kategorien mehr zwischen weiblichen und männlichen Künstlern. Die Sängerin Adele hat gewonnen.