Über Durstgefühl und gesunde Getränke Wie wichtig ist Trinken und was ist wirklich gesund?

Kurarzt Heinrich Ilse will nicht nur das Wohlbefinden seiner Patienten mit Heilwasser steigern, sondern er fungiert auch als Trinkberater in Bad Mergentheim. Foto: Claudia Scholz

Während manche auf zwei Liter Wasser am Tag schwören, begnügen sich andere mit weniger. Doch wie viel ist richtig, wie wichtig ist das Durstgefühl, zählt Kaffee auch und was bringt Heilwasser?

Stuttgart - Aus mehreren messingfarbenen Wasserhähnen fließt das Wasser der Wilhelmsquelle in der alten Trinkhalle von Bad Mergentheim. Kurarzt Heinrich Ilse lässt sein Glas an einem der steinernen Becken mit dem Heilwasser volllaufen, es wurde im Inneren des Brunnens auf 30 Grad erwärmt. „Das ist für den Menschen temperaturneutral und wird als angenehm und beruhigend empfunden“, sagt der 65-Jährige, der seit Jahrzehnten als Internist in dem baden-württembergischen Kurort tätig ist. Aus dem Wasserhahn daneben kommt die gleiche Quelle 14 Grad kalt heraus. „Der Kältereiz regt die Verdauungsaktivität am Morgen an“, erklärt Ilse.

 

Heilquelle gegen Blähungen

Die Wilhelmsquelle sei dabei gut für alle magenempfindlichen Patienten. Die Karlsquelle, die aus einem weiteren Brunnen in der Halle sprudelt, wirke dagegen appetitanregend durch ihre Kohlensäure. Viele Menschen über 70 hätten eine Schleimhautentzündung, die Schleimhaut produziere nicht mehr genügend Säure. „Die profitieren von der Kohlensäure, haben weniger Blähungen, können besser verdauen“, erklärt Ilse. Der Internist bespricht mit seinen Patienten, welcher Wirkstoff im Wasser ihnen geholfen habe. Magnesium? Sulfat? Kochsalz? Im Heimatort könnten die Patienten dann auch zu einem Getränkefachhandel gehen und dort ein individuell passendes Mineralwasser suchen.

Dabei will Ilse nicht nur das Wohlbefinden seiner Patienten mit Heilwasser steigern, sondern er fungiert auch als Trinkberater. Denn viele ältere Patienten verlernten das Trinken, weil das Durstgefühl nachlasse. „Ich wäre manchmal froh, wenn manche meiner Patienten 1,5 Liter trinken würden.“ Aber generell sollte ein erwachsener Mensch zwei bis drei Liter trinken, sagt Ilse.

Wie viel Wasser braucht der Mensch täglich?

Die Meinungen von Ernährungswissenschaftlern, Forschern und Medizinern über die richtige Trinkmenge klaffen jedoch weit auseinander. Während die einen auf mindestens zwei Liter Wasser am Tag schwören, begnügen sich die anderen mit einem Liter. Und wieder andere trinken nur dann, wenn sie ein Durstgefühl verspüren.

Laut dem Nierenarzt Thomas Schneider vom Nephrologischen Zentrum Stuttgart braucht der Mensch pro Tag 900 Milliliter Flüssigkeit, egal ob diese über Kaffee, Tee, Wasser oder Saft zugeführt wird. Dazu kommen 600 Milliliter Flüssigkeit, die pro Tag über die Nahrung aufgenommen werden und 500 Milliliter Oxidationswasser, das der Körper aus Stoffwechselvorgängen selbst herstellt. „Damit kommen wir auf eine Gesamtflüssigkeitszufuhr von zwei Litern pro Tag. Wir verlieren rund 500 Milliliter Flüssigkeit über Schweiß und Atmung und scheiden 1,5 Liter täglich über den Urin aus. Dann stimmt die Bilanz.“

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Das Durstempfinden sei ein guter Indikator

Das Durstempfinden sei ein guter Indikator, dem man folgen sollte, sagt Schneider. „Es ist vollkommen überzogen, einem anderthalbstündigen Vortrag nicht ohne seine 1,5-Liter-Flasche Wasser neben sich folgen zu können. Das Ganze nützt nur der Wasserindustrie, der Gesundheit in keiner Weise.“ Eine aktuelle Studie habe gezeigt, dass die Nierenfunktion nicht durch eine höhere Trinkmenge verbessert werden könne. Wenn also Schauspielerinnen wie Iris Berben drei Liter Wasser am Tag empfehlen, sei das aus medizinischer Sicht Unsinn.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt pauschal 1,5 Liter pro Tag. Diese Angabe resultiere aus der Wasserbilanz des Körpers. Dabei rechnet die DGE mit anderen Werten als Nierenärzte. Und die DGE kennt noch einen weiteren Richtwert: rund 35 Milliliter Flüssigkeit aus Getränken und fester Nahrung je Kilogramm Körpergewicht. Bei einem Gewicht von 60 Kilogramm kommt man auf 2,1 Liter Flüssigkeit aus Nahrung und Getränken.

Zu viel Wasser kann auch schädlich sein

Zu wenig Wasser stört die Funktionen des Herz-Kreislauf-Systems, des Gehirns, von Nieren, Haut und Zellen. Unter anderem nimmt die Konzentrationsfähigkeit ab und die Nieren scheiden nicht mehr genügend Giftstoffe aus. Doch zu viel Wasser kann auch schädlich sein. Wird mehr Flüssigkeit aufgenommen, als der Wasserbedarf es erfordert, dann sinken die Konzentrationen an Mineralstoffen im Blut. Dadurch sinkt der Natriumspiegel. Die Folgen sind Brechreiz und Krämpfe bis hin zur Bewusstlosigkeit.

Kurarzt Heinrich Ilse will seinen Patienten die Idee des strategischen Trinkens vermitteln. Es gehe darum, ein Getränk zu finden, das dem Patienten schmecke. Zudem müsse er eine Vorstellung davon bekommen, wie viel in einem Glas enthalten ist. Manchmal helfe es den Leuten, wenn sie die Gläser vor sich hinstellen und sich dadurch klarmachen, wie viel sie am Tag trinken müssen. „Je weniger alte Menschen trinken, umso weniger arbeiten die Reparatursysteme der Zellen im Körper. Doch diese brauchen ausreichend Flüssigkeit“, sagt Ilse. Er empfiehlt, die Heilquelle oder Wasser generell mit milden Säften wie Birne, Aprikose und Banane zu mischen, damit es nach mehr schmecke.

Zum Abnehmen sind Schorlen ideal

Wer auf seine Linie achtet, sollte generell nicht zu viel puren Saft trinken, denn der bringt viel Fruchtzucker mit. Ebenso enthalten Limonaden Zucker und Lightgetränke Zuckerersatzstoffe, die den Appetit anregen können. Besser zum Abnehmen sind laut DGE Schorlen aus zwei Dritteln Wasser und einem Drittel Saft oder alkoholfreie Biere.

Seinen Mineralstoffbedarf decke der Mensch hauptsächlich über die Nahrung, die Mineralstoffe im Mineralwasser könnten eine Ergänzung zur Ernährung sein, sagt die DGE. Teure exotische Wässer hält die DGE für überflüssig, da es keine Studien gebe, die einen besonderen Nutzen belegen könnten.

Kaffeetrinker bekommen oft zu hören, dass Kaffee als Getränk nicht zähle. Kaffee entziehe dem Körper Wasser. Laut DGE beruhe das auf falsch interpretierten Daten früherer Studien. Regelmäßiger und gleichmäßiger Kaffeekonsum beeinflusse den Flüssigkeitshaushalt allein durch die mit dem Kaffee zugeführte Wassermenge. In der Flüssigkeitsbilanz könne Kaffee also mitgezählt werden. Das im Kaffee enthaltene Koffein habe zwar eine harntreibende und natriumausscheidende Wirkung. Aber bei moderatem Genuss von vier Tassen pro Tag werde das durch den Körper wieder ausgeglichen. Das gilt aber nur, wenn insgesamt genug getrunken werde. Kaffee sollte als Genussmittel gesehen werden und nicht als Durstlöscher herhalten.

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