Claudia Emmert bei „Über Kunst“ Die Verfechterin des Wandels

Claudia Emmert erläuterte beim „Über Kunst“-Gespräch auch ihre Konzeption für die 16. Triennale Kleinplastik Fellbach. Foto: Steffen Schmid

Mehr als 100 Leserinnen und Leser unserer Zeitung erlebten Claudia Emmert am Dienstagabend in der Reihe „Über Kunst“ in der Staatsgalerie Stuttgart.

Sie begann in Fellbach und kehrt zurück, um die 16. Triennale Kleinplastik zu kuratieren. Claudia Emmert ist in Bewegung, ist noch Direktorin des Zeppelin-Museums in Friedrichshafen, wird zum 1. Dezember die Intendanz des Kunstmuseums Bonn übernehmen. Sie entwickelt ungewohnte Blickweisen auf vermeintlich vertraute Sujets, setzt auf die Transformationskraft der Kunst, sie strahlt Begeisterung aus – auch und gerade als Gast unserer Reihe „Über Kunst“ am Dienstagabend in der Staatsgalerie.

 

Ihr Weg? Auf Studium und Promotion folgte eine Tätigkeit als Dozentin für Kunstgeschichte und Kostümkunde an der staatlichen Modeschule Baden-Württemberg. Bis 1999 war sie Leiterin der Galerie der Stadt Fellbach, dann Leiterin des Kunstkontors im Deutschen Sparkassenverlag, später Gründungsdirektorin des Kunstpalais Erlangen.

Claudia Emmert entwickelt Projekte und Ausstellungen, die sich immer neuen Fragestellungen widmen, schuf mit der virtuellen Diskussionsplattform „Debatorial“ am Zeppelin-Museum ein neues Format der Kunstvermittlung. „Habitate. Über_Lebensräume“ hat sie nun die Triennale Fellbach überschrieben. Hier geht es um die Natur, um ein Fortdauern, um kleine Welten, Gärten, in denen sich die große Welt und ihre Themen spiegeln.

Gerne zitiert Claudia Emmert den Historiker Hans von Trotha, der in seinem Buch über die romantischen Gärten schrieb: „Wir glauben, durch den Garten zu gehen, und dabei gehen wir schon durch die Welt.“ Der romantische Garten, der gleich an die Wildnis grenzt, in dem alles und nichts zugleich Gott sein kann, kommt für sie einer gegenwärtigen Auffassung von Natur am nächsten. Längst, sagt Emmert, werde die Welt nur noch wahrgenommen als eine gefährdete, als ein „gestörtes Idyll“, mit Gebieten, die radioaktiv verseucht sind, gewaltigen Meeresinseln aus Kunststoff, die zu neuen Lebensräumen geworden sind, Steinen, in denen sich Mikroplastik eingeschlossen findet.

Wanderung in die Zukunft

Waren dies, fragt Moderator Nikolai B. Forstbauer, Autor unserer Zeitung, nicht bereits vor mehr als 30 Jahren Themen der Kunst? Im Gegensatz zu den Land-Art-Konzepten, sagt Claudia Emmert, „machen wir aber nur Kleinplastik“. Was sie damit meint: Es gehe darum, die „großen Themen“ herunterzubrechen, anhand kleiner, greifbarer Formate zu diskutieren. „Wir wollen die Besucher an der Hand nehmen und mit ihnen eine lange Wanderung in die Zukunft machen. Wir wollen sie anregen, darüber nachzudenken, was sie mit ihren eigenen Habitaten machen können, zum Beispiel im Vorgarten. Wir wollen den Wandel als Chance vermitteln und die Zukunft gestaltbar machen.“

Die Besucher der Triennale Fellbach (Eröffnung ist am 24. Mai), verrät Claudia Emmert, werden ausgestattet mit Wanderkarten, die sie zu sechs unterschiedlichen Habitaten führen – in verlorene, postkoloniale, toxische, zukünftige Lebenswelten. Auch Fragen der Wirtschafts- und Geopolitik sollen angerissen werden – zum Beispiel im Hinblick auf den Umgang mit den Ressourcen der Ukraine. „Welche postkolonialen Muster sind hier noch zu erkennen?“, fragt die Kuratorin. Und: „Wiederholen wir sie nicht?“

Claudia Emmerts Vertrauen in die Kunst ist groß – die Frage, ob sie ihr zutraue, einen sehr verengten Begriff von Migration aufzubrechen, zu weiten, beantwortet sie unbedingt mit einem Ja. Als ein Beispiel nennt sie eine Arbeit der Künstlerin Sarah Ama Dua. Sie beschäftigt sich mit dem Schicksal afrikanischer Arbeiter, die in der DDR geholt wurden – mit Versprechen zu Ausbildung und Rentenansprüchen, die nie eingelöst wurden.

Und im Kunstmuseum Bonn? Claudia Emmert spricht das Thema Macht und deren Zerfall an – in einer Stadt, die einmal Sitz der Bundesregierung war. Bonn verfügt über eine große Sammlung des Rheinischen Expressionismus – und Claudia Emmert interessiert sich bereits für die Frage, auf welche Weise diese Künstler zu Zeiten des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus, der Bundesrepublik rezipiert und inszeniert wurden. Sie spielt mit dem Gedanken, das Erdgeschoss des Bonner Museums von NGOs und anderen bürgerlichen Gruppen kuratieren zu lassen. Sie gibt sich abenteuerlustig und entspannt: „Wir können versuchen, ob das klappt. Wenn’s nicht klappt, dann bauen wir’s halt wieder ab. Oder?“, fragt sie und lacht.

Gelerntes in die Tonne treten

Mangel an Einfallsreichtum findet man bei Claudia Emmert nicht. Von Ideen zu Ausstellungskonzeptionen, Themen, Präsentationsformen scheint sie geradezu überzusprudeln. Sie spricht davon, neue Rhythmen in museale Räume zu bringen, sie zu öffnen, zwischen Wechsel- und Sammlungsausstellungen den Blick darauf zu richten, was nicht gesammelt wurde, wo sich Lücken finden, ob bei der Kunst Afrikas, Lateinamerikas oder bei queeren, feministischen Positionen. „Was wir an der Universität gelernt haben“, sagt sie, ganz unverblümt, „das können wir in die Tonne treten. Wir müssen unseren Blick auf die Kunst des 20. Jahrhunderts neu justieren.“

Zentral bleibt für Claudia Emmert Offenheit als Haltung. Sie sieht sich als „Verfechterin des Wandels“ und überlässt das Zeppelin-Museum gerne einem Nachfolger, der Ende Mai bekannt gegeben wird. Mit dem Wechsel der Intendanz an einem Theater möchte sie einen Wechsel in der Leitung eines Museums keinesfalls vergleichen – „ein Theater“, sagt sie, „hat keine Sammlung“. Als Museumsdirektorin fühlt Claudia Emmert sich auch angewiesen auf das Team, das sie vor Ort antrifft, auf Mitarbeiterinnen, die mit der Sammlung gut vertraut sind, in der Tiefe schürfen. Ihre Kompetenzen, ihre Wunschvorstellungen an ein Museum möchte sie „herauskitzeln“.

Einstweilen lädt Claudia Emmert ein, ins Zeppelin-Museum zur Ausstellung „Bild und Macht“, die am 5. Juli eröffnet wird und am Beispiel des Luftschiffes aufzeigt, wie Fotografie schon lange vor der KI manipuliert wurde. Und am 24. Mai in Fellbach, sagt sie, „lassen wir es richtig krachen“. Als „Heimkehrerin“ zeigt sich Emmert falschen Erwartungen gegenüber unbekümmert: „Ich genieße das alles. Ich treffe auf sehr viele Menschen, die große Lust haben, mitzumachen.“ Und wie viele Stunden hat ihr Tag derzeit? Da ist es wieder, das Emmert-Lachen: „Solange es Spaß macht, ist es in Ordnung.“

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