Über originelle Einstiege Schatz, er hot „Auto“ gsagt!
Kolumnist KNITZ über erste Lautäußerungen, erste Sätze – und warum aller Anfang schwer zu sein scheint, aber meist überschätzt wird.
Kolumnist KNITZ über erste Lautäußerungen, erste Sätze – und warum aller Anfang schwer zu sein scheint, aber meist überschätzt wird.
Erinnern Sie sich noch an den erste Satz, den Sie 2026 von sich gegeben haben? War’s: „Alles Gute zum neuen Jahr“? Oder, mit Blick auf die Uhr: „Wenn meine stimmt, dann wär’s jetzt so weit“?
KNITZ dachte, es könnte originell sein, in seiner ersten Kolumne in diesem noch recht jungen Jahr über erste Sätze zu schreiben. Als junger Mensch hatte er sich an Silvester immer vorgenommen, sich seinen ersten Satz des neuen Jahres zu merken. Ist ihm wohl nie gelungen. Jedenfalls ist ihm keiner in Erinnerung.
Ist auch nicht tragisch. Oder hätte es an dem Jahr etwas geändert? Wäre dann das Jahr nicht als Jahr mit der Jahreszahl soundso in seinem Gedächtnis geblieben? Sondern als das Jahr, das mit dem Satz begann: „Net so viel Sekt. I muss no Auto fahra!“?
Warum wird überhaupt um erste Sätze so viel Aufhebens gemacht? Oder um das erste Wort? Sein erstes Wort, bekam KNITZ immer wieder zu hören, sei „Auto“ gewesen.
Das Ereignis liegt schon ein paar Jahre zurück – und so langsam fängt er an, am Wahrheitsgehalt der Aussage zu zweifeln. Vielleicht wollte er mit seiner ersten Lautäußerung zum Ausdruck bringen, dass er sich seiner Existenz als Schwabe bewusst war. In dem Fall hätte er das erste Wort ausgelassen und sich gleich mit einem kompletten Satz zu Wort gemeldet: „Au do!“
2007 veranstalteten die Initiative Deutsche Sprache und die Stiftung Lesen einen Wettbewerb. Gesucht wurde der schönste erste Satz in der deutschsprachigen Literatur. Die Gewinner des Wettbewerbs wurde in der Alten Oper in Frankfurt am Main gekürt. Es war der Anfang des Romans „Der Butt“ von Günter Grass. Der Satz lautet: „Ilsebill salzte nach.“
Zugegeben, kein schlechter erster Satz, aber damit als Einstieg für alle anderen schreibenden Menschen verbrannt. Womit KNITZ leben kann. Er kann sich nicht vorstellen, dass er „Ilsebill salzte nach“ jemals für eine Kolumne gebraucht hätte.
Vor jungen Journalistinnen und Journalisten hat KNITZ selbst hin und wieder schon für starke erste Sätze geworben – für solche, bei denen die werte Leserschaft nicht anders kann, als weiterzulesen. KNITZ zitiert dann gern eine „Stern“-Reportage über Passionsspiele, die so losgeht: „Wir trafen Jesus beim Mittagessen, kurz vor der Kreuzigung.“ Oder seinen Fressesprecher, der in eine Kolumne mal so einstieg: „Vermutlich wird Sie das nicht interessieren.“
Sie merken es: Ein origineller Einstieg kann ganz schön stressig sein für einen schreibenden Menschen – und zu solchen Ergebnissen führen: „Erlauben Sie mir bitte, dass ich diesen Text ausnahmsweise mit dem zweiten Satz beginne.“
Zufälliger Griff ins Bücherregal. Der erste Satz von Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ lautet: „Ich bin jemand, den es immer wieder zu den Orten hinzieht, wo er früher gewohnt hat, zu den Häusern und ihrer Umgebung.“ Dass das Buch zum Bestseller wurde, kann am ersten Satz nicht liegen.
Inzwischen ist KNITZ zur Überzeugung gelangt, dass erste Sätze überschätzt werden. Oder erinnern Sie sich noch an den ersten Satz dieser Kolumne. Nicht? Und dennoch haben Sie bis hierher gelesen.