Max Herre und Cornelius Meister im Interview „Zeichen gegen Einflussnahme von rechts“

Im Zoom-Interview: der Redakteur Ingmar Volkmann, der Dirigent Cornelius Meister und der Rapper Max Herre (v.l.) Foto: /StZ/StN

Zum Auftakt der Spielzeit der Oper an diesem Donnerstagabend treffen Dirigent Cornelius Meister und Rapper Max Herre aufeinander. Im Interview sprechen sie über Punk, Hip-Hop und Romantik und erklären, wieso es kein nationales Reinheitsgebot für Kultur geben kann.

Stuttgart - Fast auf den Tag genau 30 Jahre nach der deutschen Einheit untersucht die Staatsoper Stuttgart zum Auftakt ihrer Spielzeit das „Konstrukt Deutschland“. Bei „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ prallen mit dem Staatsorchester und dem Punk Schorsch Kamerun, mit Generaldirektor Cornelius Meister und Sänger Max Herre Gegensätze aufeinander. Im Interview sprechen Herre und Meister über Patriotismus, Parallelen zwischen Beethoven und Rap und die AfD.

 

Herr Herre, sind Sie Patriot?

Herre: Nein. Höchstens Lokalpatriot. Das Aufwachsen in Stuttgart hat mir gezeigt, dass durch das gemeinsame Bespielen einer Stadt Gemeinschaft entsteht, unabhängig vom eigenen Hintergrund.

Politiker wie Cem Özdemir fordern, Symbole wie die Deutschlandfahne nicht den Rechten zu überlassen. Können Sie diesen Ansatz nachvollziehen?

Herre: Aus Sicht von Cem Özdemir: ja. Ihm wird von Rechten abgesprochen, dass er Deutscher ist, weil seine Eltern woanders herkommen. Wenn er sich mit der deutschen Fahne zeigt, stellt das eine Ermächtigung dar, die sagt: Wir gehören zu diesem Land wie alle anderen auch.

Und Sie, Herr Meister? Wie stehen Sie zu Patriotismus?

Meister: Ich habe das Glück, dass ich täglich mit Werken zu tun habe, die in Zeiten entstanden sind, in denen es die heutigen Grenzen noch gar nicht gegeben hat. Deshalb betrachte ich Landesgrenzen grundsätzlich als etwas Zeitgebundenes.

Wie weit über den Tellerrand müssen die Besucher am Donnerstag blicken?

Meister: Wir haben lange überlegt, was für ein Programm wir zeigen wollen, 30 Jahre nach der deutschen Einheit. Feiert man mit einem reinen Hölderlin-Beethoven-Programm und ein bisschen Hegel obendrauf? Wir haben eine Auswahl getroffen, die ganz bewusst unterschiedliche Stilrichtungen umfasst. Deutsche Kultur ist viel weniger eindimensional, als manch einer uns glauben machen will.

Geht es an diesem Abend auch darum, musikalische Grenzen zu überwinden?

Meister: Auf so unterschiedlichen musikalischen Planeten leben wir gar nicht. Wir spielen am Donnerstag unter anderem den letzten Satz aus der siebten Symphonie von Beethoven. Die bringt uns in eine rhythmische Ekstase, die Max Herres Musik in gewisser Weise sehr nahekommt.

Herr Meister, rappen Sie manchmal heimlich unter der Dusche?

Meister: Ich habe sogar schon mal einen Preis bekommen, aber nicht fürs Rappen, sondern für ein Konzert, das ich in diesem Genre dirigiert habe.

Herr Herre, welchen Bezug haben Sie zur Klassik?

Herre: Ich komme aus einer Familie, in der die Klassik eine große Rolle spielt. Ich habe zwei Onkel, die sehr ambitionierte Sänger waren, ein Bass und ein Tenor, die auf unseren Familienfeiern Arien sangen. Meine Großtante war Bratschistin, einer meinen Neffen studiert bei Barenboim. Außerdem bin ich ein Kind der Remix-Kultur der 90er: In meiner Musik spielen alle möglichen Einflüsse eine Rolle.

Laut Ankündigung verspricht der Abend „ein musikalisches Livehörspiel aus Stimmen, Klängen und Brechungen“. Kann man das konkretisieren?

Meister: Hochangesehene Gäste wie Max Herre und Joy Denalane kommen an diesem Abend zusammen, dazu das Staatsorchester und mit Diana Haller eine Sängerin aus dem Ensemble der Staatsoper. Ich werde den gesamten Abend dirigieren und am Klavier spielen, wenn Diana Haller singt. Schorsch Kamerun wird durch den Abend führen.

Die beteiligten Künstler bringen alle ihre musikalische Sozialisation mit ein, von Punk über Soul bis Rap. Ist das nicht ein bisschen viel für den altehrwürdigen Littmann-Bau?

Meister: Das wird man sehen. Ich halte es für möglich, dass es den einen oder anderen im Publikum geben wird, der sagt, das war mir fremd. Vielleicht wird es auch zur Horizonterweiterung kommen . . .

Herre: . . . und zu Brechungen . . .

Meister: . . .  auf jeden Fall zu vielfältigeren Reaktionen, als wenn das Publikum nur eine Stilrichtung an einem Abend erlebt.

Herre: Es ist eine Freude, dass die Oper mit Viktor Schoner einen Intendanten hat, der sich so öffnet: Man hat ein Orchester von Weltrang und traut sich damit in andere Gefilde. Das ist eine Chance.

Ist der Abend auch eine Antwort auf die Anfrage der AfD, in der die Partei die Nationalität der Künstler an den Staatstheatern erfahren wollte?

Herre: Mein Wunsch wäre es schon, ein Zeichen zu setzen gegen Einflussnahme von rechts, ein Zeichen progressiver Kräfte, die von der Klassik bis in den Pop gehen. Diesen künstlerischen Freiraum, den auch die Oper hat, lässt man sich nicht nehmen, und das feiern wir.

Kann man schon sagen, wie viele unterschiedliche Nationen am Donnerstagabend mitwirken, damit die AfD nicht wieder nachzählen muss?

Meister: Das Interessante ist ja nicht, was jemand in seinem Pass stehen hat. Durch Einflüsse aus anderen Kulturen wird Kultur überhaupt erst möglich. Sonst bleibt sie stehen und geht unter.

Herre: Die Vorstellung, dass es ein nationales Reinheitsgebot gibt für irgendeine Form der Kultur, ist abstrus. Die Romantik ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Sie ist der Blick nach außen. Das gilt für alles an diesem Abend: kein Punkrock ohne den Blick nach England, kein Hip-Hop ohne die Auseinandersetzung mit afroamerikanischer Kultur und den Kämpfen, die dort geführt wurden.

Auf welchen Aspekt dieses Abends freuen Sie sich am meisten, Herr Meister?

Meister: Mit solch illustren Gästen gemeinsam zu musizieren! Das ist eine Ehre.

Herre: Andersherum! Für uns ist das eine Ehre. Wenn Sie mir 1992, als ich auf der Wiese vor der Oper herumgehangen bin, gesagt hätten, dass ich da drin mal spielen darf, und zwar Rap-Musik: Das hätte ich Ihnen niemals geglaubt.

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