Anti-Asyl Demo in Cottbus: destruktive Einstellungen sind unter jungen Männern besonders ausgeprägt. Foto: imago/Rainer Weisflog
Die Literatursoziologin Carolin Amlinger über das Aufkommen eines demokratischen Faschismus, die destruktive Freude am Chaos und welche Rolle „Petromaskulinität“ dabei spielt.
In ihrem Buch „Zerstörungslust“ haben Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey untersucht, warum sich das politische Klima gerade hin zu einer Normalisierung extrem rechter und faschistoider Positionen verschiebt. Sie haben dazu 40 Interviews mit AfD-Wählern geführt, ergänzt um eine Umfrage mit 2600 Personen. Über das Ergebnis haben wir mit Carolin Amlinger gesprochen.
Frau Amlinger, laut der kürzlich erschienenen Mitte-Studie nimmt das Vertrauen in die Demokratie in Deutschland weiter ab. Was ist da los?
Lange Zeit galt die liberale Demokratie als die einzig mögliche und vorstellbare Zukunft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch der Demokratie kommt ihre eigene Zukunft abhanden. Ihr zentrales Versprechen, dass es den Kindern einmal besser gehen wird als ihren Eltern, gilt nur noch eingeschränkt. Aufstieg ist natürlich in Deutschland noch möglich, aber nur für diejenigen, die ohnehin bereits in den mittleren oder oberen Soziallagen sind. Die anderen bleiben immer öfter dort, wo sie sind. Parallel sind die Ungleichheiten gestiegen, insbesondere die Vermögensungleichheiten. Wenn zentrale Versprechen liberaler Demokratien erodieren, dann kann sich ein Misstrauen breit machen.
In Ihrem Buch „Zerstörungslust“ zeigen Sie und Oliver Nachtwey, wie dieses Gefühl, dass die Gesellschaft ihre Probleme nicht mehr lösen kann, ein Bedürfnis nach Chaos freisetzt. Sie fassen das in den paradoxen Begriff eines „demokratischen Faschismus“. Wodurch ist er charakterisiert?
Carolin Amlinger Foto: Jürgen Bauer
Wir haben beobachtet, dass destruktive Einstellungen aus einem „Nullsummendenken“ entstehen können. Es basiert auf der Logik, dass der Gewinn des einen der Verlust des anderen ist. Die Gesellschaft wird nicht mehr als eine wahrgenommen wird, die über wachsende Ressourcen verfügt, sondern über begrenzte. In Gesellschaften des Aufstiegs dachte man: Wenn mein Nachbar einen besseren Job bekommen hat, kann ich irgendwann auch mit einem besseren rechnen. Heute befürchtet man eher, dass dann einer weniger für mich da ist. Aus dem „Nullsummendenken“ speist sich eine dunkle Lust, nicht nur Konkurrenten aus dem Weg räumen zu wollen, sondern gleich auch noch die Institutionen der liberalen Demokratie, die die Rechte von Minderheiten schützen – wie etwa Diversity-Programme oder Transferleistungen für Bedürftige.
Gab es nicht schon immer Verteilungskonflikte?
Ja, aber die verliefen in der Regel zwischen oben und unten, zwischen dem Chef oder dem Unternehmen und der Arbeiterschaft. Der Konflikt im Nullsummendenken strukturiert sich horizontal, auf gleicher Ebene, gegen neue Mitglieder, die in die Gesellschaft gekommen sind. Damit verändert sich auch unsere Vorstellung von Gesellschaft. Sie ist dann keine demokratische Gemeinschaft mehr, die öffentliche Güter für alle bereitstellt, unabhängig von dem Beitrag, den man leistet. Stattdessen wird die Gesellschaft stärker als ein Club wahrgenommen, der nur für Mitglieder, die einen Leistungsbeitrag bezahlt haben, zugänglich ist. Alle anderen sollen draußen bleiben. Daraus erklärt sich nicht nur, aber auch die große Skepsis gegenüber Migration.
Gibt es eine eindeutige Korrelation zwischen ökonomischer Situation und der Bereitschaft zu destruktiven Einstellungen?
Wir haben ja Interviews mit Menschen geführt, die AfD gewählt und/oder destruktive Einstellungen entwickelt haben. Interessanterweise waren die sozialen Laufbahnen sehr unterschiedlich. Die verbindende Klammer war die Zerstörungslust, aber sie war gegen unterschiedliche Personengruppen oder Institutionen gerichtet. Personen, die eher aus den oberen Soziallagen kamen, sahen sich eher durch die sozialpolitischen Institutionen und die inklusiven Institutionen in ihrer ökonomischen Freiheit eingeschränkt. Während sich bei Personen, die eher aus den mittleren oder unteren Soziallagen kamen, die Zerstörungslust tatsächlich eher gegen neu hinzugekommene Personen richtete, gegen Geflüchtete oder auch gegen nicht-binäre Geschlechtsidentitäten.
Auf welche Destruktivitätstypen sind Sie gestoßen?
Den größten Teil der interviewten Personen haben wir unter dem Typus der „Erneuerer“ gefasst. Das sind Personen, die die demokratische Gesellschaft nicht per se zerstören wollen. Sie hängen einer nostalgisch getönten Zukunftsvision an, in der Hierarchien und alte Ordnungsstrukturen wieder aufgebaut werden sollen – auch wenn man dafür die Motorsäge an die liberale Demokratie ansetzen muss. Ein weiterer Typus ist der „Zerstörer“, der machte ungefähr ein Viertel aus. Diesen Personen geht es tatsächlich darum, die Gesellschaft um ihrer selbst willen zu zerstören, also Chaos zu stiften. Da sind wir am häufigsten faschistischen Gewaltfantasien begegnet, gegen alle, die man als „fremd“ oder „anders“ wahrgenommen hat. Ein dritter Typus schließlich sind die „libertär Autoritären“. Sie wollen aus ökonomischen Motiven die sozialpolitischen Institutionen zerstören, um einen entfesselten Kapitalismus zu schaffen, der nicht mehr eingeschränkt ist durch sozialpolitische Schutzprogramme.
Eine Rolle dabei spielen offensichtlich auch Geschlechterdynamiken. Hier in der Autostadt Stuttgart interessiert uns natürlich vor allem, was Sie als „Petromaskulinität“ beschreiben.
Wir haben in unserer die Interviews ergänzenden Umfrage festgestellt, dass die destruktiven Personen eher jung und eher männlich waren. Traditionelle Männlichkeitsvorstellungen haben in den letzten Jahren durch die Gleichstellungspolitik und Egalisierungsprozesse Einbrüche erlitten. Nun melden sie sich in einer bisweilen bizarr wirkenden Gegenreaktion zurück. Mit Petromaskulinität bezeichnet die Politikwissenschaftlerin Cara Daggett eine Form von übertriebener Männlichkeit, die den Klimawandel leugnet und fossile Energieträger befürwortet. Das Verbrenner-Auto wird da zu einem Symbolträger, wieder freie Durchfahrt haben zu wollen, ohne Rücksichtnahme gegenüber der Natur oder auch anderen Menschen. In unseren Interviews ist uns immer wieder die Fantasie begegnet, einfach auf das Gaspedal zu drücken, wenn Klimaaktivisten die Straßen blockieren.
Aber das Aufstiegsversprechen, das Sie erwähnt haben, wurde in Deutschland bisher zu einem großen Teil von der Automobilindustrie getragen.
In Deutschland stand das Auto lange Zeit für gute Arbeit. Wenn man im Automobilwerk beschäftigt war, konnte man auch als Arbeiter aufsteigen, sich ein auskömmliches Leben leisten. Und das Auto selbst, das man sich dann anschaffen konnte, ermöglichte Mobilität, die Möglichkeit aus der beengten Heimat auszubrechen. Darum ist es auch so enorm aufgeladen, wenn das Auto mit Verbrennermotor plötzlich ein moralisch umstrittenes Verkehrsmittel wird. Man fühlt sich in seiner Identität, auf der man sein Leben aufgebaut hat, abgewertet.
Begünstigt die gegenwärtige Politik die zerstörerischen Tendenzen?
Das Misstrauen gegenüber der Demokratie hat auch deshalb zugenommen, weil die Regierungen der letzten Jahre oft über Sachzwänge und Alternativlosigkeiten Politik gemacht haben. Und plötzlich stellte sich heraus, dass für bestimmte Situationen und Ereignisse Ausnahmen gemacht werden können, etwa während der Bankenkrise oder jüngst mit den Sondervermögen. Und das Ausmaß, in dem die aktuelle Regierung sich gerade auf Migration konzentriert, als wäre diese das zentrale Problem, arbeitet der AfD in die Hände. Es führt dazu, dass deren Positionen normalisiert werden. Man könnte anders über Migration sprechen.
Sie haben mit Leuten gesprochen, die zum Teil wirklich Schockierendes äußern, sind sie noch erreichbar?
Die Mehrheit der Personen in unseren Interviews hatten noch keine wirklich gefestigte faschistische Mentalität ausgebildet. Aber sie sind auf dem Weg dahin.
Wie könnte man sie zurückgewinnen?
Wir nennen einen möglichen Weg „postliberalen Antifaschismus“. Was darunter zu verstehen ist, lässt sich gerade sehr schön bei dem frischgewählten Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani, beobachten. Er zeigt, dass eine Erneuerung und eine neue Vision von Gesellschaft möglich ist, die alle mitnehmen kann. Und er macht es wirklich am Alltagsleben fest: bezahlbarer Wohnraum, kostenloser Nahverkehr, kostenlose Kinderbetreuung. Er versucht das unter anderem durch eine Millionärssteuer zu finanzieren und den Verteilungskonflikt, der von der Rechten horizontal zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft ausgetragen wird, wieder zwischen oben und unten zu verlagern. Seine Politik macht vielen Hoffnung: Dass die Menschen zurückgeholt werden können – mit einer Politik, die das Leben adressiert und nicht ein Leben gegen ein anderes ausspielt.
Autorin Carolin Amlinger, geboren 1984 in Zell, ist Literatursoziologin und lehrt am Fachbereich Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Basel. Ihre vielbeachtete Dissertation „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“ erhielt zahlreiche Preise. 2022 erschien das gemeinsam mit Oliver Nachtwey verfasste Buch „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“. Das neue, wieder gemeinsam mit Oliver Nachtwey geschriebene Buch, „Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus“, wurde in diesem Jahr mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet