Übergang in den Ruhestand Macht die Rente glücklich?

Heute sind viele Menschen noch rüstig und agil, wenn sie in den Ruhestand kommen. Viele nutzen die Zeit daher, um ausgiebig zu reisen. Foto: dpa-tmn/Hauke-Christian Dittrich

Manche ersehnen den Ruhestand jahrelang herbei, andere würden am liebsten gar nicht aufhören zu arbeiten. Ist der Übergang in den Ruhestand ein Segen oder ein Fluch? Das sagt die Wissenschaft dazu.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Thomas Linsenmaier ist gerade mit seiner Frau im Auto unterwegs nach Salzburg. Von dort radeln sie 400 Kilometer nach Italien. Als der 62-Jährige und seine Frau entschieden haben, dass sie nun ganz in den Ruhestand gehen, haben sie sich erst einmal ein Wohnmobil angeschafft. Ihr Ziel: öfters und länger zu reisen. Er glaubt, dass vor allem zwischen 60 und 80 Jahren die Zeit ist, wo sie dies noch ohne größere Einschränkungen tun können.

 

Thomas Linsenmaier, der in der Nähe von Göppingen lebt, war 20 Jahre Berater bei SAP und viel auf Reisen. „Ich bin in die schönsten Städte der Welt gereist – und habe dort oft nur das Büro von meinen Kunden gesehen.“ Er hat sich deshalb schon mit Ende 50 dazu entschieden, in den Vorruhestand zu gehen, als sein Arbeitgeber den Mitarbeitern in seinem Alter entsprechende Angebote gemacht hat.

Vor allem Männer, die höhere Positionen hatten, tun sich anfangs schwer

Während seines Arbeitslebens war er während der Woche oft fünf Tage unterwegs, Zeit für Hobbys und Freunde hatte er kaum. Wer viel gearbeitet hat, vor allem Männer in höheren, verantwortungsvollen Positionen, tut sich oft schwer mit dem Übergang in die Rente. „Einige empfinden ihr Leben in der Rente dann eher als „sinnlos“, sagt der promovierte Psychologe Georg Henning, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Altersfragen in Berlin.

Georg Henning (34) forscht zu unter anderem zum Thema Altern und Übergang in den Ruhestand. Foto: Deutsches Zentrum für Altersfragen/Christoph Soeder

„Das ist aber ein Randphänomen, nicht die Masse“, sagt Henning. Häufig trete beim Übergang in den Ruhestand der sogenannte „Honeymoon-Effekt“ ein. In den ersten zwei Jahren seien Rentnerinnen und Rentner zunächst euphorisch und legten die Füße hoch.

Wieder andere wollen gar nicht in den Ruhestand: „Berufstätige Rentner gibt es immer häufiger“, sagt Henning. „Vielen wird es langweilig im Ruhestand, sie arbeiten einfach auch gerne und brauchen eine Aufgabe“, ergänzt er.

Linsenmaier hat zunächst noch einige Projekte gemacht. „Aber man will dann nur zwei Tage arbeiten und plötzlich hat man wieder für fünf Tage zu tun“, erzählt er. Deshalb haben er und seine Frau irgendwann entschieden, einen kompletten Cut zu machen. „Für uns war das genau das Richtige“, sagt er heute.

Bei SAP habe es entsprechende Kurse mit dem Titel „Wenn das Wochenende plötzlich sieben Tage hat“ gegeben, die die ausscheidenden Mitarbeiter besser auf ihre neue Lebensphase vorbereiten sollen. „Man bekommt ja viel Anerkennung von den Kunden und Mitarbeitern“, sagt Linsenmaier. Das sei zu Hause natürlich nicht so. „Die eigene Frau sagt einem ja nicht jeden Tag, was für ein toller Hecht man ist“, sagt er und lacht. Auch wenn die Beraterin geraten habe, sich entsprechend Pläne zu machen, wie zum Beispiel sich eine ehrenamtliche Aufgabe zu suchen, hat Linsenmaier alles auf sich zukommen lassen.

Arbeit auch soziale Teilhabe

Arbeiten ist für viele Menschen auch soziale Teilhabe, eine Aufgabe zu haben, bringt vielen Struktur in ihren Alltag, oft auch Wertschätzung für das eigene Tun. Und nach dem Renteneintritt ist da plötzlich: nichts. Und während es die einen freut, endlich ohne Verpflichtungen ihren Tag und ihr Leben gestalten zu dürfen, wissen andere erst einmal nichts mit sich anzufangen und müssen ihr Leben ganz neu strukturieren.

Das Ende des Berufslebens wird deshalb als sogenanntes „kritisches Lebensereignis“ bezeichnet. Das sind Lebensereignisse, die die bestehende Lebenssituation einer Person verändern und sie zu Maßnahmen der Bewältigung und Anpassung zwingen – wie zum Beispiel auch die Geburt eines Kindes. Es gilt als bedeutsamer Einschnitt, der viele positive Gefühle mit sich bringen kann, aber auch negative wie Ängste, Verunsicherung und eine innere Lehre, so sagte es einmal Hans-Werner Wahl, Seniorprofessor und Direktor des Netzwerks Alternsforschung an der Uni Heidelberg.

Verspricht der Übergang in den Ruhestand also das Paradies oder ist er ein großer Fehler? Die Deutschen leben heute immer länger – im Schnitt sind es sieben Jahre länger als jeder selbst glaubt, heißt es bei der Initiative „Sieben Jahre länger“ der Deutschen Versicherer (GDV). Als Gründe hierfür nennt die Initiative unter anderem die moderne Medizin, steigenden Wohlstand, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Dies bedeute auch, dass viele Menschen mit Mitte 60 körperlich und geistig noch topfit sind – zu fit also, um gar nichts mehr zu tun.

Ob der Ruhestand das Paradies wird oder als großer Fehler gesehen wird, hänge unter anderem auch von der eigenen Arbeitsmotivation ab. Dies habe eine Studie gezeigt, so Georg Henning (34). Menschen, die wenig inneren Antrieb für ihre Arbeit hatten, für die sei der Ruhestand häufiger sofort ein positives Erlebnis. Bei anderen hänge es mehr davon ab, wie sie ihre freie Zeit dann gestalten und nutzen.

Wie verändert der Ruhestand die Lebenszufriedenheit?

In der psychologischen Forschung geht man davon aus, dass die Lebenszufriedenheit von den Ressourcen einer Person abhängt und dass zum Beispiel der Ruhestand mit Ressourcengewinnen aber auch -verlusten verbunden ist. Martin Wetzel, Jenna Wünsche und Svenja M. Spuling von der Universität Köln haben deshalb in ihrer Studie „Verändert der Ruhestand unsere Lebenszufriedenheit?“ untersucht, ob diese Ressourcen vor und nach dem Ruhestand gleichermaßen zur Lebenszufriedenheit beitragen.

Die Daten stammten aus der English Longitudinal Study of Ageing von 1982, die Personen wurden in zwei Gruppen befragt. Die eine Gruppe befand sich schon im Ruhestand, die Kontrollgruppe war noch berufstätig, die Probanden hatten aber alle ähnliche soziodemografische Merkmale. Insgesamt, so das Ergebnis der Untersuchung, war der Eintritt in den Ruhestand mit einem leichten Anstieg der Lebenszufriedenheit verbunden.

Ingo Kolodziej und Pilar García-Gómez von der Fresenius Hochschule haben zudem untersucht, inwieweit die Rente die psychische Gesundheit beeinflusst. Dazu haben die Wissenschaftler insgesamt vier Untersuchungswellen der länderübergreifenden Studie Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) herangezogen. Ihre Analyse zeigt: Der Renteneintritt wirkt im Durchschnitt positiv auf die psychische Gesundheit.

Dieser Effekt ist jedoch nicht gleich verteilt: Frauen profitieren vom Ruhestand mehr als Männer. Und soziale Kontakte sowie Unterstützung durch Ehepartner oder Kinder haben einen Einfluss auf die psychische Gesundheit im Alter. Es konnte kein signifikanter Unterschied zwischen Verheirateten und Unverheirateten festgestellt werden.

Das Fazit des Alternsforschers Georg Henning ist: Es brauche für Sinn im Leben nicht unbedingt die Arbeit. Viele würden neue Hobbys anfangen oder sich sozial engagieren und darin ihr Glück finden. Dabei gibt es aber durchaus Unterschiede, wie gut dies Menschen im Alter gelingt. So zeigte eine Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen, bei der auf Daten des Deutschen Alterssurveys zurückgegriffen wurde, dass die 60-90-Jährigen, die in der Stadt leben, sich etwas häufiger ehrenamtlich engagieren als Menschen der gleichen Altersgruppe auf dem Land, in der Stadt sind mehr Mitglied einer politischen Partei.

Aber auch andere Aktivitäten könnten eine Quelle für Wohlbefinden sein, wie zum Beispiel, sich um die Enkel kümmern, sagt Henning. Der Ruhestand sei also eine Chance, abseits von der Arbeit, sich selbst wiederzufinden und neue Interessen zu entdecken.

Für Thomas Linsenmaier ist der Ruhestand insgesamt „eine positive und schöne Erfahrung“. Er verbringe mehr Zeit mit Freunden und sei wieder öfters im Tennistraining. Mit seiner Frau ist er über die Alpen gewandert und sie engagieren sich beim Old Table Club. Er persönlich glaubt, dass es ihm geholfen hat, dass auch seine Frau in Rente ist und sie viel zusammen erleben. „Wenn man alleinstehend ist, ist es sicherlich viel schwieriger, Kontakte zu finden.“

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