Überlinger Landesgartenschau eröffnet Der Blumenduft muss durch die Maske
Die Landesgartenschau am Bodensee ist eröffnet – mit einem Jahr verspätet und unter strengen Hygienevorgaben. Was denken die Überlinger und die Besucher darüber?
Die Landesgartenschau am Bodensee ist eröffnet – mit einem Jahr verspätet und unter strengen Hygienevorgaben. Was denken die Überlinger und die Besucher darüber?
Überlingen - Gerhard Graf ist noch nicht lange da, aber er hat schon seinen Platz gefunden. „Ich will hierbleiben“, verkündet der 57-Jährige aus Erbach (Alb-Donau-Kreis) seiner Frau. Rechts steht ein großer Webergrill, links gruppieren sich Fellhocker um ein Tischchen. Graf blickt auf den See, wo die Landschaftsgärtner auf Flößen „Schwimmende Gärten“ angelegt haben. „Dann frag halt, ob du einen Job kriegst“, sagt Grafs Frau spöttisch und setzt sich auf eine Schaukel.
Die Sonne scheint, gegenüber liegen Marienschlucht und Mainau, nur die Alpenkette bleibt noch im Dunst. Und wer genau hinschaut, sieht auch die kleinen Dinge, wie das so selten gewordene Bodensee-Vergissmeinnicht, das unscheinbar zwischen dem Ufergras auf den Kiesflächen blüht. So viel ist klar: Lieblingsplätze gibt es bei dieser Landesgartenschau in Überlingen mehr als genug. Es ist die erste am Bodensee, wie der Überlinger Oberbürgermeister Jan Zeitler (SPD) bei der Eröffnung im Beisein des Landwirtschaftsministers Peter Hauk (CDU) betont. Und egal ob Sonnenliege, Schaukel, Sitzsack oder Gartenstuhl: es gibt kaum einen Platz ohne Seesicht.
Auch Zeitler hat seinen Lieblingsplatz. Es sind die Menzinger Gärten, eine Gartenschauenklave mitten in der Altstadt mit Hochbeeten, Kräutergarten und Weinstöcken – natürlich ebenfalls mit imposantem Seeblick. Vor allem ist Zeitler aber froh, endlich öffnen zu dürfen. Schon im vergangenen Jahr war die Schau verschoben worden. Sechs Millionen Euro Mehrkosten verschlang allein dies. Am neuen Öffnungstermin am 9. April machte das Virus dann wieder einen Strich durch die Rechnung. Die Inzidenz stieg im Bodenseekreis über die 100er-Marke. Die Läden mussten wieder schließen. Da könne man nicht gleichzeitig die Landesgartenschau öffnen.
Genau genommen hat sich an dieser Situation nichts geändert. Doch nachdem in Ingolstadt die bayerische Landesgartenschau öffnete und das neue Bundesseuchengesetz ausdrücklich die Öffnung botanischer Gärten vorsieht, wagte auch Überlingen den Schritt. Unumstritten ist dies in der 22500 Einwohner zählenden Stadt aber nicht. Natürlich habe sie eine Dauerkarte, schon seit dem letzten Jahr, sagt Anke Regenscheit, die gerade auf dem Wochenmarkt einkauft. Dennoch finde sie, dass die Eröffnung im Anbetracht der hohen Inzidenzwerte zu früh komme. „Ich gehe im Moment noch nicht da hin“, sagt sie.
Andere freuen sich. Marc und Kathrin Burger zum Beispiel. Sie stehen schon am frühen Morgen am Tor zu den Villengärten. Von dem kleinen Hotel, das sie führen, haben sie einen direkten Blick auf das Ausstellungsgelände. Seit einem Jahr würden ihre Kinder sehnsüchtig auf den dort angelegten Spielplatz schauen. Bei aller angebrachten Vorsicht sei die Eröffnung der Schau „ein Zeichen, dass es in die richtige Richtung geht“, sagt die 38-jährige Hotelchefin.
Wer auf das Gelände will, muss vorher allerdings einen Coronatest bestehen, eine Auflage, die es bei der bayerischen Gartenschau übrigens nicht gibt. In Überlingen geht das aber ganz schnell und kostenlos am Landungsplatz. Dort hat Motorschiff Milan angelegt. Schiffseigner Thomas Held (57) darf noch keine Ausflügler nach Uhldingen, zur Mainau oder nach Ludwigshafen transportieren.
Er hat sein Schiff kurzerhand zum Testzentrum umfunktioniert. Seit Dezember sei seine Mannschaft in Kurzarbeit gewesen. Jetzt habe er sie wieder an Bord geholt und gleich zum Roten Kreuz zur Umschulung geschickt. Kapitän Michael Schnekenburger steht im Schutzanzug unter Deck und nimmt Nasenproben. „Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich einmal so etwas mache“, sagt der 30-Jährige. Doch es sei schön, helfen zu können.
Auch der Landrat des Bodenseekreises, Lothar Wölfle (CDU), hat wegen der Tests ein gutes Gefühl. Eine absolute Sicherheit gebe es aber nicht. Heikler werde es aber ohnehin in der Stadt und an der Uferpromenade, wo nicht alle getestet seien und es manchmal eng werde.
Am ersten Tag hält sich der Andrang aber in der Stadt wie auch auf dem insgesamt elf Hektar großen Gelände in Grenzen. „Wir waren überrascht, dass hier so wenig los ist“, sagt Susann Heck. Sogar im Parkhaus hätten sie noch Platz bekommen. Die 30-Jährige ist mit ihrem Mann Stefan und den zwei kleinen Kindern von Moos herübergefahren. Jetzt verspeisen sie an einem Spielplatz mitgebrachtes Gemüse von der Höri. Die Restaurants auf dem Gelände sind genauso wie alle Ausstellungshallen geschlossen. An Ständen gibt es Ortsübliches wie Dinnele und eher Untypisches wie Matjesbrötchen.
Am Landungsplatz hat Ingo Wörner nach Monaten des Lockdowns schon mal seinen Kiosk wieder aufgesperrt. Die Eröffnung sehe er mit einem lachenden und einem weinenden Auge, sagt der 49-Jährige. „Wir sind froh, dass es endlich losgeht. Aber wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass es die erhoffte große Gartenparty wird.“ Der OB ist in dieser Hinsicht aber noch Optimist. Mit sinkenden Inzidenzzahlen könne sich die Gartenschau noch entwickeln. Dann könne es auch die vielen geplanten Veranstaltungen geben. „Spätestens im Sommer ist die Lage, wie wir sie uns alle wünschen.“