Übermorgen – die Nachhaltigkeits-Kolumne Keine Panik vor der Klima-Angst

Dem Wald geht es nicht gut. Früher war der saure Regen schuld, heute die Klimaerwärmung. Foto: imago//Stefan Kiefer
Dem Wald geht es nicht gut. Früher war der saure Regen schuld, heute die Klimaerwärmung. Foto: imago//Stefan Kiefer

Die Angst vor dem Klimawandel wird gerne als Problem gesehen. Klar, sie kann uns lähmen. Oder uns Probleme verdrängen lassen. Oder den Schlaf rauben. Aber sie kann uns auch antreiben. Wo liegt die Grenze?

Stuttgart - Als ich etwa sechs Jahre alt war, habe ich immer wieder diese Bilder im Fernsehen gesehen: Bäume ragten wie verdörrte Holzstäbchen aus dem Boden, ihre verdursteten Ästchen trugen keine Blätter und keine Nadeln mehr. Dahingerafft von saurem Regen oder gar keinem Regen - ein Problem, das wir auch heute haben. Die Bäume waren tot, und ich war aufgebracht, ohne es in dem Alter in Worte fassen zu können. Auch das Ozonloch kannte ich da auch schon und die Sonne war mir deswegen manchmal suspekt. Klima-Apokalypse! Hautkrebs! Ich hatte Angst.

Als ich erwachsen wurde, sah mein Leben ganz anders aus: Alles drehte sich, neben Party und Versuchen eine Freundin abzubekommen, um Autos und Motorräder. Wer, wie ich damals, auf dem Land aufwächst, sieht im Auto gern mal die Verheißung von Freiheit, die Möglichkeit, sich jederzeit der Aufsicht der Eltern entziehen zu können.

Klimawandel? Irgendwer wird sich schon kümmern

Jahrelang spulte ich jedes Jahr Tausende Kilometer mit dem Auto ab und sorgte dafür, dass sich die Tiere weit in dem Wald zurückziehen, wenn ich mit voll aufgedrehtem Gashahn und viel zu lautem Auspuff mein Motorrad einen Bergpass hochjagte. Später kamen unzählige Flüge dazu. Ich wusste schon, dass das falsch war, aber ich dachte mir auch: Irgendjemand wird das mit dem Klima schon lösen. Die Politik, eine neue Wundertechnologie, irgendsowas. Die Klimaprobleme habe ich einfach verdrängt.

Heute sitze ich manchmal vor dem Bildschirm und starre auf die Zahlen der Klimazentrale der Süddeutschen Zeitung: Wie lange hält unser CO2-Budget noch, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen (6 Jahre, 10 Monate); wie stark steigt der Meeresspiegel den Küstenorten entgegen (etwa 9 Zentimeter in den vergangenen 25 Jahren), wie stark schwindet das Polareis (allein Grönland verliert demnach jedes Jahr 300 Gigatonnen Eis, so viel wie die gesamte Eismenge der Gletscher in den Alpen).

Manchmal denke ich: Das bringt doch eh alles nichts. Aber dann fange ich, also der heutige Übermorgen-Florian, doch an zu überlegen: Muss wirklich so viel Verpackung im gelben Sack landen? War für den letzten Wanderausflug auf die Alb wirklich das Auto notwendig? Reicht in der Wohnung nicht auch ein Grad weniger Innentemperatur? Schritt für Schritt habe ich mein Verhalten geändert. Viele sind mir immer noch weiter voraus, vielleicht du auch. Aber ich habe gehandelt.

Klima-Angst, oder: Ich wechsle in den Kampfmodus

Genau das sind die verschiedenen Facetten der Klima-Angst. Sie kann uns lähmen, wie die Psychologin Stefanie Pausch in einem Interview mit Übermorgen-Julia erzählte. Sie kann derart überhand nehmen, dass wir unseren Alltag nicht mehr auf die Reihe kriegen und die verdorrten Bäume uns den Schlaf rauben. Das ist - völlig klar - ein Problem, in dem Fall sollte man eine Psychotherapeut*in aufsuchen. Die Klima-Angst könne aber, erläutert Pausch, auch dazu führen, dass man in den Kampfmodus wechselt. Sie sagt:

„Klima-Angst ist also keine zu heilende Krankheit, sondern eine angemessene Reaktion darauf, dass man erkannt hat, was wissenschaftlich nicht zu leugnen ist: dass es einen krassen, menschengemachten Klimawandel gibt.“

Wie man am besten mit seiner Klima-Angst umgeht und wie man merkt, dass man die gesunde Grenze überschritten hat, lest ihr im Interview, das unten nochmal verlinkt ist.

Und weil trotz der Energie, die die Klima-Angst in uns freisetzt, ab und zu ein Stück Klima-Optimismus ganz gut tut: Ab 1. März gelten strengere Energielabel für Fernseher, Waschmaschinen und Co. Das finde ich eine richtig gute Nachricht. Vor allem, weil die Geräte durch strengere Regeln auch besser reparierbar werden sollen.

Florian Gann ist immer dazu verleitet, den moralischen Zeigefinger zu erheben, wenn Bekannte für Kurztrips Tausende Kilometer weit fliegen. Dabei hat er selbst mal jede Menge CO2 freigesetzt – und schreibt über die Versuche, all das wieder gutzumachen.

 

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