Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät künftig zu weniger Fleisch auf dem Teller. Warum die Experten ihre bisherigen Empfehlungen überdenken, was das Klima damit zu tun hat und wie viel Gramm Fleisch man dann tatsächlich noch essen sollte.

Eine Scheibe Wurst, drei Zentimeter eines Saitenwürstchens oder ein sehr kleines Hackfleischbällchen – so wenig Fleisch soll künftig jeder pro Tag nur noch essen. Zumindest, wenn man den neuen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) folgt. Denn diese will Berichten der Lebensmittelzeitung zufolge die derzeit empfohlene Fleischmenge von 86 Gramm auf zehn Gramm pro Tag – oder von 600 Gramm auf 70 Gramm pro Woche zu reduzieren. Schon mit einer kleine Bratwurst in der Woche wäre unser „Fleischlimit“ erreicht.

 

Die DGE betont zwar, dass die Experten über die konkreten Werte noch beraten würden und die neue Richtlinie sowieso erst im Laufe des Jahres erscheine. Fest stehe allerdings, dass bei den neuen Ernährungsempfehlungen nicht nur die Forschungslage zu Ernährung und Gesundheit berücksichtigt werden soll, sondern ebenso die Umwelt- und Klimafreundlichkeit eines Lebensmittels, zum Beispiel die Treibhausgasemissionen. Das ist neu – und eine richtig gute Nachricht für das Klima. Schließlich ist die Aufzucht und Haltung von Nutztieren sowie die Futterproduktion für über die Hälfte der Treibhausgasemissionen verantwortlich, die bei der Lebensmittelherstellung entstehen. Das zeigt eine Studie, die 2021 in der Fachzeitschrift Nature Food veröffentlicht wurde.

Nicht jeder hält die neuen DGE-Empfehlungen für eine gute Nachricht: „Warum soll immer alles verboten werden? Was die Menschen essen, sollen sie selber bestimmen. Wir leben in einer Demokratie“, twitterte etwa der CSU-Ministerpräsident Markus Söder. Der Deutsche Bauernverband spricht von einer staatlichen Diskriminierung tierischer Lebensmittel und die Fleischindustrie äußerte umgehend ihre Sorgen, ob denn die Bevölkerung so überhaupt mit Eisen und dem Vitamin B12 versorgt werden könne.

Konsequent weniger Fleisch in Schulen, Kitas und Kliniken

Warum regen sich alle so auf, könnte man fragen. Die DGE ist schließlich eine unabhängige Fachgesellschaft und macht keine Gesetze; sie gibt lediglich Empfehlungen. Theoretisch dürfe man, wenn das will, morgens, mittags und abends Fleisch essen, betonte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir in der Polit-Talkshow Markus Lanz. Allerdings sind die neuen Empfehlungen ein Eckpfeiler der „Ernährungsstrategie“, die die Bundesregierung bis Ende des Jahres beschließen will.

In dieser sollen Leitlinien vorgegeben werden, wie sich Deutschland gesünder und ressourcenschonender ernähren kann. Und: die DGE-Empfehlungen sollen „in der Gemeinschaftsverpflegung verbindlich werden und bis 2030 etabliert werden“, heißt es in der Grundsatzvereinbarung zur Ernährungsstrategie. Ändert die DGE also ihre Empfehlungen zum Fleischkonsum, würde Kita- oder Schulkindern, Patienten in Krankenhäusern oder Bewohnern von Pflegeheimen künftig deutlich weniger Fleisch aufgetischt werden. Auch Kantinen müssten sich an die neuen Richtlinien halten, sofern sie ihr DGE-Zertifikat behalten wollen.

Empfehlungen entsprechen Zeitgeist

Die Entscheidung, ob man mit seiner Ernährung den Planeten schützen will, muss dann nicht mehr nur im Privaten getroffen werden. Stattdessen würden die mehr als zweieinhalb Millionen Kitakinder und die 8,4 Milliarden Schüler in Deutschland von Beginn an gezeigt bekommen, dass pflanzenbasierte Ernährung der Standard; und das Fleischgericht die Ausnahme sein muss (sofern sie dort auch zu Mittag essen).

Jenen, die ihren Fleischkonsum ohnehin schon heruntergeschraubt haben oder sogar vegan oder vegetarisch leben, sollte die Änderung der Ernährungsempfehlungen in Bezug auf Fleisch ohnehin zeitgemäß vorkommen. Und auch der allgemeine Trend in der Bevökerung geht in diese Richtung: Der Fleischverzehr pro Kopf in Deutschland ist auf dem niedrigsten Wert seit den Achtzigerjahren (wenn auch die wöchentlichen 763 Gramm Fleisch, die die Deutschen konsumieren, weiterhin über den derzeit noch empfohlenen 600 Gramm liegen). Und der Markt für pflanzliche Fleischalternativen boomt.