Die Übernachtungszahlen sind 2024 zurückgegangen – und das trotz internationaler Gäste der Fußball-Europameisterschaft. Die verantwortlichen Touristiker bleiben trotz der schlechten Statistik gelassen und haben interessante Erklärungen für den Einbruch.
Ganz Baden-Württemberg freut sich über einen bemerkenswerten Aufschwung der Tourismusbranche. Mit rund 59 Millionen Übernachtungen wird zum zweiten Mal in Folge eine neue Höchstmarke erreicht. In vielen Regionen des Landes brummt die Branche, doch im Kreis Ludwigsburg gehört man zu den Verlierern des Tourismusjahres 2024. Die Gründe dafür sind vielfältig und teils überraschend: Hotelrenovierungen, steigende Konkurrenz aus Stuttgart sowie veränderte Vorlieben bei den Weihnachtsmarktbesuchern.
Laut dem Statistischen Landesamt stiegen die Übernachtungszahlen in Baden-Württemberg im Vergleich zum Vorjahr um 2,3 Prozent. Auch die Zahl der touristischen Ankünfte übertrifft mittlerweile die Rekordwerte von vor der Pandemie. Besonders in den Stadtkreisen Heilbronn, Heidelberg und Karlsruhe gab es bei den Übernachtungen ein Plus von bis zu 15 Prozent. Auch die Landkreise Esslingen (+11,1 Prozent), Reutlingen (+5,3 Prozent) und Heilbronn (+4,7 Prozent) feiern Erfolge.
Doch wie steht es um den Kreis Ludwigsburg? Hier rangiert man im Jahresvergleich auf Platz 36 von 44 Landkreisen. Die Übernachtungen gingen zwischen 2023 und 2024 um 3,3 Prozent zurück. Besonders stark war der Einbruch im Mai (-17 Prozent) und Dezember (-10 Prozent). Die fast 1,1 Millionen Übernachtungen im Jahr 2018 wurden weit verfehlt: 2024 wurde die Ein-Millionen-Marke mit 995 000 Übernachtungen unterschritten.
Dennoch geben sich die Touristiker der Region optimistisch. Sie ordnen das Geschäftsjahr trotz der Rückgänge in der Übernachtungsstatistik positiv ein.
1. Übernachtungen flop, Ankünfte top
„Unsere Radwege, Wanderwege und Städte waren gut besucht“, sagt Eric Reiter, Leiter des Tourismusverbandes 3B. „Wir sind zufrieden.“ Auch Marcos Angas, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, sowie Elmar Kunz von Tourismus und Events Ludwigsburg (Telb) und das Landratsamt sind gelassen. „Wir verzeichnen weiterhin eine ungebrochene Nachfrage nach den touristischen Produkten im Landkreis“, erklärt Kreissprecherin Franziska Schuster.
Der Optimismus basiert auf einem interessanten Teilaspekt der Statistik: Während die Übernachtungen im Kreis rückläufig sind, steigen die touristischen Ankünfte seit Jahren kontinuierlich an. Besonders Tagestouristen, Erholungssuchende und Freizeitsportler aus der Region sorgen für eine Zunahme der Ankünfte. Es kommen also mehr Besucher in den Kreis, die Aufenthaltsdauer wird aber kürzer.
2. Geschäftsreisen schwächeln
Tagungen, Werksbesuche, Fortbildungen und Meetings spielen eine große Rolle im Fremdenverkehr des Landkreises. Hier zeigt sich: Es kommen weniger Geschäftsreisende und die, die kommen, bleiben kürzer. „Unternehmen versuchen gerade Kosten zu sparen, auch bei Reisen und Tagungen“, sagt Marcos Angas.
Da könne die Tourismusbranche vor Ort wenig ausrichten. Das Landratsamt erwartet, dass dieser Negativtrend erst einmal anhält. Das habe auch etwas mit der schwachen Konjunktur zu tun, sagt Schuster.
3. Konkurrenz aus Stuttgart und Esslingen
Ein weiterer Grund für den Rückgang der Übernachtungen ist das wachsende Hotelangebot in Stuttgart und im Kreis Esslingen. Während dort die Zahl der Betten in den vergangenen Jahren stark angestiegen ist, bleibt sie im Kreis Ludwigsburg konstant. Neue Hotelangebote würden immer auch neue Nachfragen generieren, sagt Eric Reiter.
Vor allem das wichtige Messe-Geschäft der Hotels wird nun komplett von Stuttgart und Esslingen aufgesogen, sagen die Experten. Ludwigsburger Hotels hätten vergangenes Jahr kaum noch Messe-Besucher und Aussteller anziehen können, berichtet Elmar Kunz.
4. Renovierungen und Schweizer Weihnachtsmärkte
Die sinkenden Übernachtungszahlen lassen sich teils auch mit einfachen Ursachen erklären. Beispielsweise Bietigheim-Bissingen, wo die Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahr sogar um 11,5 Prozent eingebrochen sind. Das heiße jedoch nicht, dass die Menschen keine Lust mehr auf Bietigheim haben, betont Eric Reiter von 3B-Tourismus. Es liege am Angebot.
Im April wurde ein Hotel in der Stadt stillgelegt, ein weiteres ist seit September wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Ein Hotel pausierte im Sommer aufgrund eines Betreiberwechsels für vier Wochen. „Diese Faktoren wirken sich natürlich auf die Statistik aus“, so Reiter.
Ein weiteres Beispiel ist der Weihnachtsmarkt in Ludwigsburg. Laut Marcos Angas ist die Zahl der Schweizer Touristen, die traditionell den Barock-Weihnachtsmarkt besuchten, in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Das hätten die Schweizer Touristiker natürlich erkannt und Weihnachtsmärkte im eigenen Land auf die Beine gestellt, so Angas.
Warum hat der Landkreis keine Tourismus-Marke?
Zugkräftige Verbände
Andere Landkreise in Baden-Württemberg haben über die Jahre große, einheitliche Tourismusmarken geschaffen – etwa „HeilbronnerLand“ oder „Oberschwaben Tourismus“. Landratsämter und Kommunen investieren erhebliche Mittel in diese Verbände, um ihre Regionen als attraktive Reiseziele zu positionieren. Im Kreis Ludwigsburg gibt es eine solche starke Marke nicht – und sie ist wohl auch nicht in Sicht.
Kleinteilig und großes Dach
Stattdessen gibt es mehrere kleine Tourismusgemeinschaften wie Marbach-Bottwartal, 3B-Tourismus und Ludwigsburg Tourismus & Events. Das Landratsamt versucht mit der Marke Echt.Schön.Schräg ., eine übergreifende Identität für die Verbände zu schaffen. All diese Initiativen sind aber wiederum Teil der großen Dachorganisation Regio Stuttgart Marketing- und Tourismus GmbH. Zwar betonen die Beteiligten eine gute Zusammenarbeit, dennoch behindern die Strukturen eine gemeinsame Außenwirkung der Destination Kreis Ludwigsburg.