Übernahme Machtkampf um Autozulieferer Grammer

Von Thomas Magenheim 

Dem Amberger Kfz-Zulieferer droht eine feindliche Übernahme. Die könnte viele Kundenbeziehungen und damit Arbeitsplätze kosten. Es mutet an wie ein Wirtschaftskrimi.

Blick in die Produktion bei Grammer Foto: dpa
Blick in die Produktion bei Grammer Foto: dpa

Amberg - In der Oberpfalz soll ausgerechnet ein chinesischer Konkurrent als Weißer Ritter herhalten, um bei einem deutschen Autozulieferer eine feindliche Übernahme durch Bosnier zu verhindern. Die Opferrolle im erklärungsbedürftigen Wirtschaftskrimi spielt Grammer. Der Amberger Konzern beliefert große Teile der deutschen Autoindustrie mit Sitzen, Kopfstützen und Mittelkonsolen. Schurke im Stück ist die spätestens seit vorigem Sommer übel beleumundete Prevent-Gruppe, hinter der die bosnische Industriellenfamilie Hastor steht. Damals hatte Prevent per Lieferstreik im mächtigen VW-Konzern einen teueren Produktionsstillstand provoziert.

Weißer Ritter aus China

Der mutmaßliche Weiße Ritter aus China ist die Ningbo-Jinfeng-Gruppe. Showdown im Ringen um die Macht bei Grammer ist der Tag der diesjährigen Hauptversammlung der Oberpfälzer am 24. Mai. Setzen sich Prevent und die Familie Hastor dabei durch, müssen Grammer-Chef Hartmut Müller sowie fünf von sechs Grammer-Aufsichtsräten gehen. Das haben die Investmentgesellschaften, derer sich die Hastors bedienen, klar gemacht. Verhindern kann das nach Lage der Dinge wohl nur noch Ningbo, falls die Chinesen bis zum Stichtag 3. Mai, also spätestens drei Wochen vor dem Eignertreffen in den Aktionärskreis von Grammer eintreten. Theoretisch möglich ist das über eine im Februar begebene Wandelanleihe, die vorzeitig vollzogen werden könnte und Ningbo dann mit 9,2 Prozent an Grammer beteiligen würde.

Praktisch verhindert wird das aber per einstweiliger Verfügung bislang durch die Anwälte der Hastor-Seite, der das Landgericht Nürnberg-Fürth vorläufig stattgegeben hat. Denn bislang sind Grammer und Ningbo noch Konkurrenten. Ihre Verbindung müsse zuvor kartellrechtlich geprüft werden, argumentieren die Hastor-Anwälte der Münchner Kanzlei Bub und Gauweiler, die für die Erben von Pleitier Leo Kirch gegen die Deutsche Bank 925 Millionen Euro erstritten hat.

Einspruch gegen einstweilige Verfügung

Bei Grammer gibt es noch Resthoffnung, dass Ningbo zur Hauptversammlung mit von der Partie ist und gegen die Hastors stimmen kann. „Wir haben gegen die einstweilige Verfügung Einspruch eingelegt“, sagt ein Grammer-Sprecher. Darüber entscheide das Gericht voraussichtlich um Ostern herum. Die Amberger hoffen, dass es rasch erlaubt, die Chinesen zu Grammer-Aktionären zu machen. Sonst sieht es aus Sicht der Oberpfälzer schlecht aus.

Minimal gut 20 Prozent der Grammer-Anteile haben die Hastors über zwei Investmentfirmen gekauft. Bei erfahrungsgemäß unter 40 Prozent Hauptversammlungspräsenz würde das reichen, um beim Eignertreffen die Oberhand zu gewinnen. Zudem fürchtet Grammer, dass sich der Feind schon knapp 30 Prozent der Anteile gesichert hat. Das ist die Gefechtslage, soweit sie weitgehend durch Fakten gesichert ist.

Taucht man tiefer ins Geschehen ein, werden alte Rechnungen und neue Akteure ans Tageslicht gezerrt. In einer Version der Wahrheit hat VW Ningbo in Stellung gebracht, um Hastor bei Grammer zu verhindern. So steht das zumindest in einem anwaltlichen Schriftsatz von Bub und Gauweiler beim Landgericht Nürnberg-Fürth, sagen Prozessbeteiligte. VW habe die Abwehrschlacht „orchestriert und (vermutlich) auch finanziert“, heißt es dort. VW und Grammer widersprechen dem. Man suche in China schon lange einen Industriepartner, um dort ins Geschäft zu kommen und habe den in Ningbo gefunden, versichert Grammer. Dass die Chinesen gegen Prevent hilfreich sein könnten, bestreiten sie nicht. Aber das sei nur eine zeitliche Zufälligkeit. Das kann man glauben, muss es aber nicht.

Angst um Arbeitsplätze

Unbestritten ist, dass eine Machtübernahme der Hastors nicht nur in Amberg für Alarm sorgt. Besorgt sind auch die bayerische CSU-Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, der weiß-blaue Wirtschaftsverband IbW und die IG Metall. Sie alle fürchten um die gut 12.000 Arbeitsplätze bei Grammer, weil deutsche Autokonzerne, die bislang dort bestellen, ihre Lieferbeziehung nach den Erfahrungen von VW mit Prevent kündigen könnten, sobald die Hastors übernehmen. „Der erbitterte Streit der Prevent-Gruppe mit VW über die Lieferung von Teilen, die zeitweise die VW-Produktion zum Stillstand gebracht hat, ist uns noch in schlechter Erinnerung“, warnt IbW-Chef Bertram Bosshart. Die Vorgänge bei Grammer seien ein Anlass, „die Entwicklung sehr genau und kritisch zu verfolgen“, erklärt BMW als Großabnehmer von Grammer-Produkten. Andere Kunden der Amberger werden hinter vorgehaltener Hand deutlicher. Es sei sehr fraglich, ob man jemand wie die Prevent-Gruppe im Lieferantennetzwerk haben wolle, heißt es in diesem Kreis. Dort benötige man absolute Zuverlässigkeit. Grammer selbst sieht die eigene Auftragslage im Fall einer feindlichen Übernahme „existenziell gefährdet“. Der Wirtschaftskrimi könnte noch in ein ausgesprochenes Drama ausarten.

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