Übernahmen von Unternehmen Große Konzerne werden Schnäppchen

Der Stillstand im Luftverkehr wie hier in Frankfurt ist eine drastisch sichtbare Folge der Corona-Krise – die Lufthansa ist deshalb auch ganz besonders gebeutelt. Foto: dpa/Boris Roessler

Gesunkene Börsenwerte machen Unternehmen für Käufer aus dem Ausland attraktiv – doch wie viel Schutz brauchen sie? Politik und Ökonomen sind uneins.

Frankfurt - Die Zahlen klingen erschreckend: Knapp 20 Billionen Euro hatten die weltweit gut 50 000 börsennotierten Unternehmen in nur sechs Wochen Anfang April an Wert verloren. Die Kurse an fast allen Börsen waren um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Die 30 größten deutschen Börsenunternehmen im Dax brachten es zusammen gerade noch auf einen Börsenwert von 970 Milliarden Euro. Vor allem Autobauer und ihre Zulieferer wie etwa Conti erwischte es kräftig. Daimler wird an der Börse mit gerade einmal 30 Milliarden Euro bewertet, die BASF oder Lufthansa haben mehr Vermögenswerte als Börsenwert.

 

Das klingt nach Schnäppchenzeit. Und vor allem chinesische Investoren, die im Zweifel den mächtigen Staat als Geldgeber im Rücken haben und deren Streben nach globaler Präsenz bestens bekannt ist, rückten schnell in den Blickpunkt. Nachdem zudem bekannt geworden war, dass sich die US-Regierung angeblich für den Tübinger Impfstoffspezialisten Curevac interessiert hat, wurde die Bundesregierung aktiv. Die aufgespannten Schutzschirme für die deutsche Wirtschaft sollen daher nicht nur Not leidenden Konzern helfen, sondern wenn nötig auch vor Übernahmen schützen. Der Schutzschirm des Bundes kann sich mit bis zu 100 Milliarden Euro direkt an Unternehmen beteiligen, sie also teilverstaatlichen. Zusätzlich hat das Bundeskabinett eine Novelle des Außenwirtschaftsgesetzes (AWG) beschlossen. Ziel sei es, „dass wir unsere kritischen Infrastrukturen sicherer als bisher schützen“, sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Maschinenbauer kritisieren das Gesetz

Kritik an der Verschärfung des Gesetzes kam ausgerechnet aus den Reihen der Industrie. Aus Sicht des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) stellt die Regierung ausländische Investoren unter Generalverdacht und setzt „ein völlig falsches Zeichen“ in der Krise. „Deutschland ist wie kein anderes Land auf offene Märkte für Exporte und Investitionen angewiesen“, erklärt VDMA-Präsident Carl Martin Welcker. „Wie sollen wir das von unseren Handelspartnern verlangen, wenn wir uns selbst stärker abschotten?“

Auch viele Ökonomen sehen in einer Abschottung den falschen Weg. Sie halten aktuell die Gefahr einer Übernahmewelle ohnehin für gering. „Die Lage ist doch in allen Ländern gleich angespannt“, meint etwa Michael Heise, der erst zum 1. April als Chefvolkswirt von der Allianz zum Vermögensverwalter HQ Trust gewechselt ist. Auch Yi Sun, Partnerin des Stuttgarter Beratungsunternehmens EY, ist sicher: „Da die Aussichten für die Märkte in Deutschland und Europa aktuell sehr unsicher sind, warten auch die chinesischen Investoren erst einmal ab. Auf Abenteuer mit ungewissem Ausgang mag sich derzeit niemand einlassen.“

Übernahmen erst nach der Krise wahrscheinlich

Zwar werde der Markt mit „besonders wachem Blick“ beobacht, wie ihr Kollege Christian Gall sagt. Erst in einer zweiten Phase, wenn die Auswirkungen der Krise absehbar seien, rechne er mit einem deutlichen Anstieg der Übernahmefälle. Vorerst seien die Unternehmen dabei, ihre eigene Transformation zu beschleunigen. So etwa auch der Stuttgarter Daimler-Konzern. „Wir sind mit unserem aktuellen Börsenwert natürlich nicht zufrieden und tun alles, um das zu verändern“, betont ein Sprecher gegenüber unserer Zeitung. Langfristig orientierte Investoren seien zwar willkommen. Aber man habe bereits zwei chinesische Investoren, Le Shu Fu/ Geely und Baic, „mit denen wir sehr gut zusammenarbeiten und langfristige Partnerschaften eingegangen sind“. Zudem steht seit Jahrzehnten die Kuwait Investment als verlässlicher Aktionär an der Seite von Daimler. Gespräche mit der Politik oder eventuelle Verteidigungsstrategien werde man nicht öffentlich diskutieren.

Auf der anderen Seite steht der deutsche Mittelstand in den Startlöchern, um seinerseits nach der Krise nach Zukäufen Ausschau zu halten. Vor allem Familienunternehmen mit Tradition seien finanzstark und krisenerfahren, sagt Andreas Strobl, Fondsmanager bei der Privatbank Berenberg. Viele kleine Unternehmen seien Vorreiter im Bereich der Digitalisierung oder der Vernetzung von Maschinen, meint der Fondsmanager. Diese Vorteile könnten sie nutzen, um in ihrem Heimatmarkt Europa zu wachsen. Denn, da ist Strobl sicher, der deutsche Mittelstand ist stark genug, diese Krise zu meistern.

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