Ein Marshmallow kann schon in der Kindheit viel über unsere Persönlichkeit verraten. Etwa, wie gut wir in der Schule sind. Wie gut wir mit anderen Menschen umgehen. Wie gut wir Frustration und Stress verarbeiten. Und wie erfolgreich wir mal sein werden. Alles nur durch ein bisschen schwammartige Masse, die zu drei Vierteln aus Zucker besteht.
Der Psychologe Walter Mischel hat Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre in Versuchen an der Universität Stanford im US-Bundesstaat Kalifornien Kinder mit einem Marshmallow auf einem Tisch in einem sonst kargen Raum warten lassen. Ihr Auftrag: Wenn sie 15 Minuten warten könnten, ohne das Marshmallow aufzuessen, würden sie ein zweites bekommen.
Mischel fand heraus: Kinder, die es geschafft haben, auf das zweite Marshmallow zu warten, schnitten im späteren Leben in vielen Kategorien tendenziell besser ab. Mehr Selbstkontrolle, mehr Erfolg, lautet die Formel der Studie, die als Marshmallow-Effekt bekannt wurde.
Wer weniger Geld hat, greift schneller zu
Wer auf kurzfristige Belohnungen verzichten kann, um später noch mehr zu erhalten, ist erfolgreicher – das scheint schlüssig. Andere Studien, etwa von Forschern aus Leipzig und Melbourne, fanden ähnliche Auswirkungen bei Erwachsenen. Aber das Marshmallow ist nur ein Gradmesser, die Ursachen liegen woanders. Eine spätere Studie um den Wissenschaftler Tyler Watts führte den Marshmallow-Effekt auf soziale Faktoren wie den familiären Hintergrund und die Wohnumgebung zurück.
Vereinfacht könnte man sagen: Wer wohlhabender ist, kann länger auf eine Belohnung warten. Oder anders herum: Wer wenig Geld zur Verfügung hat, nimmt gleich, was zu kriegen ist – und spart weniger.
Das klingt vielleicht unvernünftig, ist laut einer Studie des Psychologen Willem Frankenhuis und des Verhaltensforschers Daniel Nettle aber oft genau richtig. „Wenn aktuell die Not groß ist und die Zukunft unsicher, kann es vorteilhaft sein, Geld gleich auszugeben, anstatt für später zu sparen“, schreiben die Forscher in einer Studie von 2019. Trotzdem ist es so schwieriger, für die Zukunft vorzubauen.
Armut schränkt den Blick ein
Aber es gibt auch andere Gründe, warum es Armut erschwert, Entscheidungen zu treffen, die sich langfristig auszahlen. Etwa, weil sie die Aufmerksamkeit einengt. Das zeigt sich etwa in einer Studie von zwei Wissenschaftlern der University of British Columbia in Kanada. Sie statteten eine Gruppe von Probandinnen und Probanden mit 20 Dollar aus, eine andere mit 100 Dollar, und ließen sie damit Essen von einer Speisekarte bestellen.
Mit sogenanntem Eye-Tracking wurden die Augenbewegungen der Probanden aufgezeichnet. Das Ergebnis: Die Leute aus der Gruppe mit dem kleinen Budget fokussierten sich auf die Preise. Die Kalorienangabe wurde weniger beachtet, und ein möglicher Rabatt auf das Menü wurde nicht wahrgenommen.
Das heißt: Das Bewusstsein, mit wenig Geld auskommen zu müssen, schränkte den Blick so ein, dass es schwieriger wurde, möglichst billig über die Runden zu kommen. Das Ergebnis lege nahe, heißt es in der Studie, dass Knappheit die Aufmerksamkeit auf die jeweils relevanteste Information lenke, in dem Fall also den Preis – was sich langfristig kontraproduktiv auswirke, weil andere nützliche Informationen ausgeblendet werden. Armut wirkt sich aber auch langfristig auf die Entwicklung des Gehirns aus. Die Umgebung der Mütter beeinflusst schon während der Schwangerschaft das noch ungeborene Kind. „Das Gehirn ist während der Schwangerschaft und frühen Kindheit extrem plastisch“, sagt Claudia Buß, Professorin am Institut für Medizinische Psychologie an der Charité Berlin.
Armut ist Stress – und überträgt sich auf Ungeborene
Das heißt: In dieser Phase kann der Grundstein für eine gute Gehirnentwicklung gelegt werden, aber auch negative Aspekte haben starke Auswirkungen. „Armut an sich macht wahrscheinlich nichts, aber die Faktoren, die damit einhergehen – zum Beispiel Stress“, sagt Claudia Buß. Stress wiederum könne sich auf das Ungeborene übertragen. Ein Einfluss, der auch noch im Erwachsenenleben feststellbar ist.
Eine Studie der Universität Denver kam 2013 zu dem Ergebnis, dass Menschen, die in Armut aufwachsen, sich auch im Erwachsenenalter stärker gestresst fühlen und Emotionen weniger kontrollieren können. Das änderte sich auch nicht, wenn die Versuchspersonen als Erwachsene ein vergleichsweise hohes Einkommen hatten. Und selbst die Wohnumgebung beeinflusse Kinder, sagt Psychologin Buß. Wachse jemand in einer betonierten grauen Umgebung ohne Grünanlage auf, zeigten sich Zusammenhänge mit einer verschlechterten kognitiven Entwicklung.
Armut wird oft zur selbsterfüllenden Prophezeiung
Und noch etwas sagt Claudia Buß: „Pränataler Stress kann sich auf die Exekutivkontrolle auswirken.“ Exekutivkontrolle meint in diesem Zusammenhang: Hatten Kinder Stress im Mutterbauch, nehmen sie später den Marshmallow sofort, anstatt auf den zweiten zu warten.
All diese Faktoren können zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden: Armut geht in der Regel mit Stress für die Eltern einher – und mit weniger Kapazitäten, um Kinder zu unterstützen. Das kann die Entwicklung der Kinder beeinflussen, was wiederum die Erfolgschancen im späteren Leben verringert – sie bleiben tendenziell eher in Armut. Völlig ausgeliefert sind Familien mit geringem Einkommen dieser Tendenz aber natürlich nicht.
Forscherinnen und Forscher mehrerer US-Universitäten stellten fest, dass es die Gehirnaktivität von Kleinkindern in ärmeren Familien erhöht, wenn die Eltern einen zusätzlichen monatlichen Geldbetrag erhalten. Die Ergebnisse der Studie wurden 2022 im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht.
Auch Claudia Buß von der Charité sagt: „Es wäre ideal, die Familien in Armut zu identifizieren und ganz früh zu unterstützen.“ In Berlin helfen dabei etwa sogenannte Babylotsen, die Mütter und Väter in der ersten Zeit nach der Geburt unterstützen. Und auch die geplante Kindergrundsicherung der Bundesregierung soll die finanzielle Absicherung verbessern.
Was bedeutet Armut in Deutschland?
Definition
Laut einer EU-weiten Definition gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Die tatsächliche Armutsgefährdungsschwelle hängt also vom Durchschnittseinkommen in den jeweiligen Ländern ab. In Deutschland liegt die Armutsgrenze bei einem Einkommen von 1148 Euro netto für eine allein lebende Person. Dabei werden Gehälter ebenso wie Sozialleistungen zum Einkommen gezählt.
Betroffene
In Deutschland galten 2021 laut Zahlen des Statistischen Bundesamts 15,8 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet. Das entspricht etwa 13 Millionen Menschen. Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren waren 16,2 Prozent armutsgefährdet. Für 2022 sind die Zahlen noch nicht veröffentlicht – sie dürften aufgrund der hohen Inflation und der Auswirkungen des Ukraine-Kriegs höher ausfallen.